Mit dem ornithologischen Begriff hatte der US-amerikanische Finanzmathematiker und Börsenprofi Nassim Nicholas Taleb erstmals 2001 höchst singuläre und für die Gesellschaft vollkommen unerwartete Ereignisse bezeichnet, die gewaltige disruptive Auswirkungen auf die Wirtschaft und speziell das Börsengeschehen entfalten können – sei es im positiven oder negativen Sinne.

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Weil Ungewissheiten jedoch schwer zu ertragen sind, tendierten die Menschen nach Taleb dazu, die Katastrophen im Nachhinein logisch zu begründen und zu glauben, diese künftig mit passenden Rechenmodellen beherrschen zu können – bis es wieder soweit ist. Zum Beispiel werden wir jetzt von einer Pandemie überrascht, obwohl Virologen regelmäßig gewarnt haben. Wir aber verfügen trotz mannigfaltiger Pandemiepläne nicht einmal über genügend billige Papier-, geschweige denn medizintaugliche Masken.

Obgleich es sich nur um einfache Cent-Produkte handelt, können wir sie nicht kurzfristig selbst herstellen und werden uns bewusst, wie anfällig wir durch unsere Arbeitsteilung und die verzweigten Lieferketten geworden sind. Ein zweiter weniger prominenter, aber ebenfalls von Taleb geprägter Begriff lautet »Antifragilität«. Mit ihm beschreibt der Finanzmathematiker Flexibilitätsmerkmale und die Eigenschaft bestimmter natürlicher oder kultureller Systeme, aus Katastrophen gestärkt hervorgehen. Meiner unmaßgeblichen Überzeugung hat Antifragilität, zumindest was menschengemachte Systeme angeht, sehr viel mit Faktentreue, Verantwortungsbewusstsein und der Bereitschaft zu tun, für Nachhaltigkeit und Qualität gegebenenfalls mehr zu bezahlen. Zunächst aber müssen wir alle gemeinsam daran arbeiten, die Infektionskurven zu senken und die Lernkurven zu steigern. Denn eines steht fest – die Aktienkurse von schwarzen Geflügelzüchtern werden nach dieser Krise nicht mehr die gewohnten Profite abwerfen – hoffentlich.

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Rüdiger Eikmeier, Geschäftsführer gii