Messe ohne Schirmherrschaften

Kommentar

Politik – Eine Industriemesse dient der Kontakt- und Kundenpflege der ausstellenden Unternehmen. Auf imageträchtige Auftritte von Politikern sollten die Messeveranstalter dagegen besser verzichten.

02. November 2011

Ich kann das Wort Rettungsschirm nicht mehr hören: Erst müssen Banken gerettet werden, dann Länder – und bald die ganze Welt? Und zwar von Europas Spitzenpolitikern? Dafür gehen sie in Brüssel und wechselnden Hauptstädten in Klausur. Nach Nürnberg jedenfalls führt ihr Weg nicht.

Im letzten Jahr wurde ich von einigen Unternehmen gebeten, doch einmal führende Politiker bis hin zu Frau Merkel darauf aufmerksam zu machen, dass das zentrale Forum des brummenden Wirtschaftsmotors Automatisierungsbranche längst einen Besuch verdient. Doch nun sage ich etwas für meine Profession Ungewöhnliches: Machen wir keine PR im politischen Betrieb, lassen wir alles, wie es ist. Verzichten wir auf branchenfremde Ehrengäste auf diesem Arbeitstreffen, wo unsere Zeit eigentlich zu kostbar ist für Fotosafaris auf Ministerjagd. Wie sagte schon vor geraumer Zeit auf der SPS/IPC/Drives der damals über 70 Jahre alte Geschäftsführer eines meiner Kunden: »Wissen Sie, Herr Eikmeier – das eigentliche Mysterium in Deutschland ist, dass wir trotz der Politiker so erfolgreich sind.«

Aber warum ist das eigentlich so? Wieso werden die Messestände erneut noch größer sein als in den Jahren zuvor? Unaufhörliches Wachstum – woher kommt das? Ein paar Antworten auf diese Frage erhielt ich vor drei Jahren – im ersten Krisenherbst also – auf der Messe selbst: Am letzten Messetag saß im Pressezentrum ein schwer deprimierter Journalist aus den USA, der mir seine Eindrücke schilderte. Er war das erste Mal auf dieser Messe. Am ersten Tag hatte er große, durchdesignte Stände bewundert, deren Mobiliar er teils gern für sein Wohnzimmer mitgenommen hätte. Sein Schluss war: Geld haben die Aussteller anscheinend. Am zweiten Tag sah er sich die Produkte an und verglich sie mit heimischen Alternativen. Das war für ihn, wie er erklärte, ein Schockerlebnis: Überall innovative Technik, zwei bis fünf Jahre den US-Herstellern voraus. Beim Feierabendbier fasste er wieder Mut: Gut und schön, sagte er sich, das wird zumindest alles seinen Preis haben. Zum guten Schluss also hat er am Messe-Donnerstag nach den Preisen gefragt. Und saß anschließend tief verunsichert vor mir: Denn man brauche, wie er sagte, nur die US-Preise zu halbieren und hätte das deutsche Angebot.

Ich fragte mich später, wie eine derart große Kluft wohl zustande kommt. Den US-Niederlassungsleiter eines Kunden habe ich einmal gebeten, mir dieses Phänomen etwas zu erhellen. Seine Einschätzung klingt plausibel: Bei uns müssen seit Mitte der 1980er-Jahre Vertriebsleute jährlich beim Einkäufer ihrer Kunden antreten, um die Preise zu verhandeln. Die gehen immer in dieselbe Richtung: nach unten. Was bleibt den Lieferanten da übrig? Immer weiter rationalisieren und innovative Produkte entwickeln. Auf der anderen Seite des Atlantiks hingegen wurde weitergemacht wie hier zuletzt in den 1960er- und 1970er-Jahren: Am Jahresende bekommt der Kunde einen neuen Katalog, mit drei Prozent höheren Preisen ab Januar. Drei Prozent Abschlag hüben, drei Prozent Aufschlag drüben: Jahr um Jahr kommt so über die Zeit der enorme Unterschied zustande. Das Ergebnis zeigt sich in jedem Herbst eindrucksvoller auf der SPS/IPC/Drives: Hiesige Mittelständler wachsen und wachsen und internationalisieren sich immer weiter.

Egal, ob Sie als Aussteller oder Besucher hierher kommen: Ich wünsche Ihnen eine gute Messe. Auf dem Weg vom Parkplatz in die Hallen im oft sauwetterlichen November übrigens kann ich wärmstens einen Regenschirm als Rettungsschirm empfehlen.

Was Sie dazu meinen, lese ich gern.

Schreiben Sie mir doch einfach an:

Ihr Rüdiger Eikmeier.

Erschienen in Ausgabe: 08/2011