Mit PLM in der Spur

CAD CAM

Motorradentwicklung – Trotz steigender Produktkomplexität konnte Ducati die Konstruktionszeit um ein Jahr reduzieren – der Einsatz von NX und Teamcenter macht es möglich.

16. Februar 2012

Emotionen auf zwei Rädern« werden die Produkte der Ducati Motor Holding S.p.A. – kurz Ducati – liebevoll von Motorsportbegeisterten genannt. Das Unternehmen beschäftigt heute etwa 1.000 Mitarbeiter, von denen 200 für Forschung und Entwicklung (R&D) tätig sind.

Der Bereich steht damit zweifelsohne im Fokus der Investitionen. Das Ingenieurteam wiederum umfasst etwa 90 Mitarbeiter, von denen sich zwei Drittel um die Konstruktion kümmern. Außerdem verfügt Ducati über ein weltweites Netz an Niederlassungen, Partnern und Zulieferern, die etwa 92 Prozent der Produktion ausmachen.

Verzögerungen, Fehler oder Ausfälle in einem der Bereiche können schnell die Produktionszyklen verlängern und somit die Kosten erhöhen. Kurze Informations- und Entscheidungswege sind daher unerlässlich. Ducati arbeitete deshalb aktiv an einer engeren Integration des gesamten Produktentwicklungsteams. Ducati nutzt dazu Lösungen von Siemens PLM Software: das CAD-System NX und die PLM-Software Teamcenter.

Alles aus einem System

»NX kommt vom ersten Produktgedanken bis zum Abschluss des Projekts zum Einsatz«, erklärt Piero Giusti, IT-Manager für R&D bei der Ducati Motor Holding. »Wir entwickeln nahezu alle Motorradkomponenten mit NX – seien es Räder, Fahrgestelle, Verkleidungen oder auch Spezialanfertigungen.«

Derzeit sind mehr als 50 Arbeitsplätze mit NX ausgerüstet: »Die Flexibilität und leichte Bedienung sind für uns eindeutig die Kernvorteile«, weiß Giusti. »Denn mit NX können wir 3D-Modelle mit verschiedenen Konstruktionsmethoden erstellen, ohne uns dabei an ein festes Schema halten zu müssen.

Der Hybridansatz von NX mit Synchronous Technology macht dies möglich. Wir sind dank Synchronous Technology nicht gezwungen, Parameter vorzugeben, wodurch die Anwender frei wählen können, wie sie ihr Ergebnis erreichen wollen.« NX 3D Wiring wird von den Ducati-Ingenieuren häufig genutzt: Die Funktion erlaubt ihnen, die Verkabelung bereits in der virtuellen Umgebung zu testen und zu verifizieren.

So lassen sich mögliche Fehlplanungen bereits im Vorfeld ausschließen. »Im nächsten Schritt werden wir die Schaltpläne im System integrieren, um Update- und Referenzprobleme mit separaten Lösungen zu vermeiden«, so der Giusti weiter.

Ducati definierte einen festen Workflow, um Schaltbilder mittels der Schaltplan-Funktionalität erstellen zu können. »Das jeweilige Schaltbild wird im Anschluss an die NX-Verkabelungsapplikation weitergegeben, damit alle elektronischen Daten in den Konstruktionsprozess einfließen können«, erklärt Giusti.

»Zum guten Schluss bereiten wir mit NX Electrical Routing die Dokumentation der Kabelinstallation vor. Mit NX können wir den ganzen Prozess über einen integrierten Ansatz abwickeln.« NX unterstützt eine enge Zusammenarbeit sowohl innerhalb des internen Entwicklungsteams als auch zwischen Team und Zulieferern – besonders denen, die Gussteile und Schlüsselkomponenten wie die Vordergabel herstellen.

Doch Ducati strebt durch den Einsatz von Teamcenter eine weitaus intensivere Kollaboration an: »Wir stellen fest, dass wir mit unseren wichtigsten Zulieferern immer mehr Modelldaten austauschen«, sagt Giusti. »Mit einigen unserer lang bewährten Partner testen wir daher derzeit die technischen Möglichkeiten, wie sich ein direkter Zugang zu unserem System sicher gewährleisten lässt.

So können sie zeitgleich zu unseren Konstrukteuren mit den Daten arbeiten und wertvolle Entwicklungszeit einsparen. Der Plan ist, innerhalb weniger Jahre alle unsere strategischen Partner anzubinden.«

CAD-Daten im ganzen Unternehmen

Ducati hat bisher an 250 Arbeitsplätzen Teamcenter installiert, um Konstruktionsdaten unternehmensweit zugänglich zu machen. Auch das vom Logistikpartner Saima geführte Lagerhaus setzt Teamcenter ein. Alle Motorräder durchlaufen an diesem Standort bestimmte Montageprozesse, der Ersatzteilbestand wird überprüft und gegebenenfalls werden kleinere Montagefehler behoben.

Die Lagerbelegschaft hat daher direkten Zugriff auf die jeweilige Produktdokumentation und kann Bauzeichnungen, Schaltpläne und Fertigungsdaten aller zum Verkauf stehenden Produkte einsehen. »Das Saima-Team hatte kein spezielles Softwaretraining und kam trotzdem gut und schnell mit Teamcenter zurecht«, erinnert sich Giusti.

»Fakt ist, dass wir mit Teamcenter endlich ein intuitives digitales Informationsmanagementsystem installiert haben, das einen nachvollziehbaren, rollenbasierten und sicheren Zugang zu unseren Daten bietet.«

Höhere Komplexität in kürzerer Zeit

In Motorrädern ist heute immer mehr Elektronik und Software eingebaut: Sechs bis sieben elektronische Steuereinheiten sind für Federung, Kraftübertragung, Bremssystem und Stabilisierung verbaut. »All diese Systeme interagieren miteinander und müssen schnell und sicher arbeiten. Unsere Aufgabe ist es, sie effizient und zuverlässig zu planen und zu konstruieren«, sagt Giusti und vergleicht die Anforderungen mit denen im Automobil- und Flugzeugbau.

Trotz der immer komplexer werdenden technischen Ansprüche hat sich seit der Integration der PLM-Lösung die Produktentwicklung stark beschleunigt: Ducati bringt neue Modelle jetzt ein Jahr schneller zur Marktreife.

»Unser Konstruktions- und Entwicklungszyklus hat sich besonders durch den Einsatz der Lösungen von Siemens PLM Software von durchschnittlich 36 bis 40 auf 24 Monate verkürzt«, fasst Giusti zusammen. »Auch unsere bestehenden Modelle können wir nun im jährlichen Turnus aktualisieren. Dies war mit herkömmlichen Konstruktionsmethoden schlichtweg unmöglich.«

Ein Jahr in der Konstruktion gespart

Mit Hilfe der PLM-Suite von Siemens PLM Software ließen sich alle Abteilungen und Abläufe bei Ducati miteinander verknüpfen: vom Prototypen, Produktionsfluss, Warenlager, Ersatzteil bis hin zum Zubehör. »Indem nun alle Prozesse integriert und parallel zueinander ablaufen, können wir zeitgleich zur Modellentwicklung auch Zubehör planen und produzieren«, so der R&D-IT-Leiter abschließend.

»Bisher brauchte es sechs bis zwölf Monate nach der Markteinführung eines neuen Motorrads, bis wir Zubehör dafür anbieten konnten. Die zeitgleiche Marktreife und Vermarktung hat uns bisher unbekannte Verkaufssynergien beschert.«

Erschienen in Ausgabe: 01/2012