Mittelstand…

»…Das klingt wie Mittelmaß«, erklärte mir der Inhaber eines Stuttgarter Verlages auf meinen Vorschlag für ein entsprechendes Magazin vor 25 Jahren.

21. August 2018

Doch auch Firmeneigentümer irren, denn seit vielen Jahren ist der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, die mittelständische Struktur heute derart charakteristisch deutsch, dass der Begriff – wie Rucksack – in den englischen Sprachgebrauch übernommen wurde. 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind kleine und mittelständische (KMU), über 1.300 der weltweit 2.700 »Hidden Champions« sind deutsche Mittelständler, und KMU stellen 82 Prozent der Lehrstellen.

Noch. Doch zunehmend haben KMUs Probleme, geeignete Bewerber für Ausbildungsberufe zu finden. Denn seit Jahren steigt die Zahl der Studierenden an, einhergehend mit einem stetigen Anstieg des Abiturnoten-Durchschnitts. Was zwei Ursachen zulässt: Die Menschen werden immer intelligenter oder das Abitur immer leichter. Da ersteres alle entsprechenden Studien nicht nur widerlegen, sondern auf das Gegenteil hinweisen, kann – trotz des zu erwartenden Widerspruchs von Bildungspolitikern und Schülern – nur das zweite zutreffen.

Und diese Folgerung deckt sich mit den Erfahrungen von Firmen und Unis: An letzteren, wo das Niveau noch nicht im selben Maße gesunken ist, hat Deutschland einen Spitzenplatz unter den Studienabbrechern. Ein ähnliches Problem besteht bei den Ausbildungsberufen: Laut einer aktuellen Commerzbank-Studie unter 5.000 Mittelständlern gaben 24 Prozent den Mangel an Bewerbungen als Grund für die Nichtbesetzung eines Ausbildungsplatzes an. Aber 83 Prozent besetzten den Ausbildungsplatz nicht mangels Bewerber, sondern weil die Bewerber nicht geeignet waren.

Insgesamt blieben 49.000 Lehrstellen im letzten Jahr in Deutschland unbesetzt. »Der dringend benötigte Nachwuchs ist jedes Jahr schwerer zu bekommen«, bestätigt etwa Eberhard Sasse, Präsident der bayerischen IHK. Sasse fordert ein Umdenken in der Bildungspolitik und der Berufsausbildung den gleichen Wert einzuräumen wie dem Studium.

Das Umdenken müsste allerdings ein disruptives sein – denn alle Bildungsreförmchen der letzten Jahre führten nicht zu mehr Gerechtigkeit für Kinder aus einkommensschwächeren Familien, sondern zu einem niedrigeren Niveau für alle.

Erschienen in Ausgabe: 06/2018