»Möglichst viel im Standard«

Interview

Thomas Herr – Neugart ist mittlerweile einer der Big Player im Antriebsmarkt. Warum das so ist, erzählt Thomas Herr, einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter.

13. November 2012

1928 hat mein Großvater Karl Neugart das Unternehmen in Furtwangen gegründet. Produkte der ersten Zeit waren Verzahnungen für Uhren und Schreibmaschinen für Hersteller aus dem Schwarzwald. Wegen der besseren Infrastruktur erfolgte bald der Umzug nach Kippenheim ins Rheintal.

Dort entstand nach dem Krieg ein neues Werk. Diese Expansion war möglich und notwendig geworden, weil Neugart mittlerweile in ganz Baden-Württemberg als Zulieferer für hoch präzise feinwerktechnische Teile bekannt geworden war. Irgendwann war der Schritt zum Getriebe nicht mehr weit und Neugart hat sich vor allem mit Planetengetrieben einen Namen gemacht. Mit dem Einstieg ins Unternehmen im Jahr 1989 habe ich zunächst die erste Standard-Planetengetriebe-Baureihe entwickelt und danach den eigenen Vertrieb aufgebaut.

Von Deutschland über Europa haben wir uns mit Fertigungsstandorten und Vertretungen global etabliert. Heute können wir mit Recht sagen, einer der wichtigen Lieferanten für Getriebe zu sein. Auch die Krise hinterließ keine größeren Spuren. Ein Wachstum von über 30 Prozent verglichen mit dem Vorkrisenjahr 2008 zeigt eine gute Entwicklung.

Welche Attribute würden Sie für Neugart in Anspruch nehmen?

Wir sind weltweiter Lösungsanbieter, sehr serviceorientiert und haben vor allem die Prozesse im Blick. Wir wollen, dass die Abläufe hier im Hause und vor Ort bei unseren Kunden in China oder den USA reibungslos und optimal sind. Wir beliefern die Kunden dort direkt aus unseren eigenen Werken. Kernkompetenzen und Know-how, besonders in der Verzahnung, liegen in Kippenheim, die Fertigung im Ausland erfolgt dabei nach den gleichen strengen und überprüfbaren Auflagen wie hier. Ohne diese weltweite Ausrichtung könnten wir auch in Deutschland nicht so stark wachsen.

Wir sind in allen wichtigen Märkten mit eigenen Leuten vertreten, die auslegen, unterstützen und die optimale Lösung für jede Anwendung finden – auch wenn Wettbewerbsprodukte im Spiel sind. Unser Know-how liegt auf der Konstruktion und Entwicklung aller Arten von Getrieben. Die Begrenzung liegt allein in der Baugröße, derzeit sind das 240 Millimeter Durchmesser und 4.000 Newtonmetern Leistung.

Das ist eine gute Überleitung zu den Produkten von Neugart. Wie ist Ihre Welt da aufgebaut?

Wir achten auf eine durchgängige Klassifizierung unserer Produkte in aufeinander aufbauende Baureihen, die einen logischen Baukasten ergeben. Unser Rezept für eine zukünftige Führerschaft ist, maßgeschneiderte Lösungen anzubieten, wenn das Standardprogramm nicht ausreicht. Wir machen nach der Spezifikation des Kunden genau das Getriebe, das er braucht. Dazu verfügen wir über das notwendige Know-how in Entwicklung und Fertigung.

In Kippenheim leben wir von der »Kraft der zwei Werke«. Im Werk I entstehen die kundenspezifischen Getriebelösungen, im neuen Werk II konnten wir die Prozesse stark standardisieren und bauen dort die Basisgetriebe, auch in höheren Losgrößen. Eine eigene Entwicklungsabteilung soll dazu den Standardbaukasten noch flexibler gestalten.

Wie funktioniert die Einteilung Ihres Portfolios in Economy und Premium?

Mit den Economy-Baureihen bieten wir wirtschaftlich sinnvolle Lösungen und streben einen hohen Abdeckungsgrad für Neben- und Hilfsachsen und für die Automatisierung an – bei Genauigkeiten von bis zu fünf Winkelminuten. Mit wenigen Änderungen in der Konstruktion entsteht aus einem normalen Planetengetriebe eines mit Winkel oder mit Flansch. Baugröße und Anschlussmaße sind immer gleich.

Wenn es um Mikrometer geht, kommen die Premium-Getriebe zum Einsatz. Hier können wir bis zu drei Winkelminuten Genauigkeit bieten, im reduzierten Spiel sogar nur eine Winkelminute. Ein Großteil der Economy Getriebebaureihe ist abtriebsseitig kompatibel mit der Premium-Getriebebaureihe. Hiermit gewährleisten wir, dass der Anwender bei steigenden Anforderungen problemlos und ohne Anpassungsaufwand vom dem Economy-Getriebe auf das Premium-Getriebe und bei sinkenden Anforderungen vom Premium-Getriebe auf das Economy-Getriebe wechseln kann. Wir wollen nicht das teuerste Produkt verkaufen, sondern dem Kunden partnerschaftlich das optimale Produkt bieten und das ist besonders an Neugart.

Was ist neu in Ihrem Baukasten, auch im Vorfeld der SPS/IPC/Drives?

Ganz aktuell haben wir die Economy-Baureihe PLPE verfeinert. Diese ist leistungsstark, zuverlässig und hocheffizient. Neben der gewohnt hohen Neugart-Qualität sehen wir das große Plus der neuen PLPE-Getriebe in der hohen Flexibilität im Abtrieb. Sie verfügen über ein geringes Verdrehspiel sowie hohe Abtriebsdrehmomente – und das bei einem Wirkungsgrad von bis zu 98 Prozent.

Aus neun Baureihen werden elf. Aus vielen Kundenwünschen abgeleitet, haben wir ein Winkelgetriebe mit einem Flanschabtrieb kombiniert. Die darin integrierte Hohlwelle dient als Durchgang für Versorgungs- und Signalleitungen. Wir wollen noch mehr Lösungen aus dem Standardbaukasten bedienen. Die Kunst ist es, aus einem schlanken und intelligenten Teile- oder Baugruppenbaukasten über Mehrfachverwendung möglichst viele sinnvolle Getriebeausprägungen kundengerecht zu erzeugen.

Auch das Internet ist unverzichtbar für fertigende Unternehmen, oder?

Das ist richtig, der Kunde soll auch im Netz sofort das für ihn passende Neugart-Produkt finden. Eingeschlagen hat unser Tech-Data- Finder, der aktuelle technische Daten für die Projektierung zur Verfügung stellt – von Getrieben bis zu Kombinationen aus Getriebe und dem Motor, den er einsetzen will. Die Datenbasis umfasst 9.000 Motoren und wir können neue Modelle schnell einbinden. Der Kunde erhält eine vollständige Dokumentation, mit der er Konstruktionsdaten direkt in sein CAD-System übernehmen kann. So leicht macht das Konstrukteuren niemand sonst im Antriebsmarkt. Und das kommt gut an, pro Tag zählen wir 40 bis 50 Vorgänge.

Für die Auslegung gesamter Antriebsstränge gibt es das Neugart Calculation Program (NCP). Mit diesem kann der Anwender jeden einzelnen Schritt seiner Bewegungsabläufe einzeln berechnen und konfigurieren. Als Grundlage dienen hinterlegte Applikationen wie Ritzel-Zahnstange, Riemen- und Zahnriemenantrieb, Spindel-, Drehtisch-, Förderband- und Schubkurbelantrieb.

Das NCP hat eine intuitive Bedieneroberfläche und ist einfach zu bedienen. Bei Bedarf bietet es eine ausführliche Online-Hilfe, sämtliche Ein- und Ausgabewerte sind auf einem Blick ersichtlich. Der Auslastungsgrad des Getriebes wird über Ampelsignalfarben von grün bis rot angezeigt. Im gelben Grenzbereich und roten Überlastbereich gibt es zusätzlich Warnmeldungen und Lösungshinweise. Das NCP erstellt nach Auslegung des Antriebs eine professionelle ausführliche Dokumentation. Alle Daten werden automatisch in den Tech-Data-Finder eingebunden.

Vita

Thomas Herr

-Enkel von Firmengründer Karl Neugart.

-Studium der Feinwerkstechnik in Furtwangen.

-Seit 1990 als geschäftsführender Gesellschafter für die Bereiche Technik, Entwicklung und Vertrieb zuständig. Seit 1999 gemeinsam mit Cousin Bernd Neugart in der Geschäftsführung tätig.

-Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Ausbau von weltweitem Vertrieb und Produktprogramm.

Erschienen in Ausgabe: 08/2012