Muss das eigentlich wirklich so sein?

Corporate Grammar

Wer – wie ich – häufig Pressemitteilungen aus erster Hand erhält, die noch von keinen Redaktionen bearbeitet wurden, stellt fest, dass sich zu »Corporate Identity« und »Corporate Design« zunehmend ein weiterer Ausdruck unternehmens-eigener Kultur gesellt: Corporate Grammar.

28. Mai 2014

Dies ist jedenfalls meine Bezeichnung für ein Phänomen, dessen Auftauchen mich besonders in einer Branche verwundert, für die allgemeingültige Normen und Standards zum Fundament des Erfolgs gehören. Manchmal hab ich den Eindruck, dass sich die Öffentlichkeitsabteilungen einiger Unternehmen per grammatischem Freestyle eine Atempause von den strengen Anforderungen genehmigen, die ihnen der tägliche Umgang mit festen Standards und technischen Normen zumutet.

An die höchst kreativen – aber oft unansehnlichen – Schreibweisen von Firmennamen, in denen Majuskel und Minuskel* so regelfrei durcheinandergewürfelt werden, als ob es kein Morgen gäbe, haben wir uns schon seit längerer Zeit gewöhnt.

Jeder Marketingmensch weist uns darauf hin, dass diese Groß-Klein-Groß-Irgendwie-Kombinationen einen unerlässlichen Bestandteil des Corporate Designs bilden (tatsächlich fällt mir als Geschäftsführer der Presseagentur gii die Kritik auch auf die eigenen Füße).

Doch längst finden sich die Buchstabengebirge und so genannten Kamel-Versalien (Großbuchstabenhöcker in der Mitte des Wortes) gehäuft in Produktnamen. Wenn aber Pressemeldungen gleich mehrere Produkte mit solch imposanten Namen erwähnen und die Autoren zudem darauf bestehen, diese Namen stets auch noch penibel mit einem Trademark-Symbol zu kennzeichnen, erinnert das Schriftbild mehr an Kraut und Rüben als an einen Text. Welcher Mehrwert für den Leser darin stecken soll, erschließt sich mir nicht.

Kommt Kinder essen!

A panda bear eats, shoots, and leaves

Wir kochen jetzt Mutti

(Korrekte Kommasetzung kann Leben retten)

Tatsächlich ist derartige unternehmenseigene Kryptographie noch steigerbar: Nicht wenige Autoren halten auch die Kommasetzung für völlig überbewertet, und viele bestehen zudem darauf, zusammengesetzte Wörter und Begriffe in englischer Orthographie zu schreiben. Man lässt also gleich noch die Bindestriche weg, wo sie eigentlich hingehören, und schreibt Wörter, die man im Deutschen sinnstiftend verbinden darf, lieber als Einzelstücke.

An diesem Punkt vergeht mir dann endgültig die Leselust. Mitunter erinnern mich solche Texterzeugnisse, deren Sinn es doch ursprünglich war, mein Interesse zu wecken, eher an die dubiosen Mails afrikanischer Herkunft, in denen mich jemand ersucht, »Doch BITTE Sie Konto Daten fuer Eine Uberprrufung Vertrauens Voll im unten stehenden Feld Ein Zu Tragen.«

Wieso glauben eigentlich ausgerechnet so viele Marketingabteilungen, dass harmonisierte Rechtschreibregeln zu kompliziert sind? Diese uncoolen Standards wurden einst aus dem guten Grund eingeführt, das Textverständnis zu erleichtern.

Deshalb sollten gerade Öffentlichkeitsarbeiter, die mit ihren Botschaften eigentlich viele Menschen erreichen wollen, an guter Leserlichkeit interessiert sein. Wer dagegen ernsthaft glaubt, dass er mit hanebüchener Groß-/Kleinschreibung und wahllos verwendeten fremdsprachlichen Schreibregeln Kunden besser vom Nutzen eines Produkts überzeugen könne, könnte auch Voodoo zu den bevorzugten Marketinginstrumenten zählen.

Außerdem sollte er sich bewusst machen, dass damit die Chancen einer Veröffentlichung des Textes in den einschlägigen Fachmagazinen sinken. Denn Redakteure haben ein spezielles Verhältnis zu regelgerechter Schreibung, sie werden für gut lesbare Texte bezahlt. Und zu ihren Aufgaben zählt es, solche Texte gegebenenfalls wieder ins Normdeutsche zu transferieren.

Ihnen macht man mit dieser Unart kreativer Textgestaltung also lediglich zusätzliche Arbeit – und der Endleser bekommt von all den wunderbaren Worthöckern, Trademarks und dergleichen nichts mehr mit. Wenn aber eine umfangreiche Überarbeitung erforderlich ist, die Zeit jedoch knapp wird, gerät die Meldung schnell in die Rundablage. Deshalb schließe ich mit einem Appell, angelehnt an die Formel eines ebenso bekannten wie voluminösen Zeitschriften-Machers:

»Fakten, Fakten, Fakten! Und immer an die Lesbarkeit denken!«

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an:

Erschienen in Ausgabe: 04/2014