»NEIN« nicht im Wortschatz

Porträt

Tünkers – 50 Jahre im Dienste der Automation steht die Tünkers-Gruppe aus Ratingen. Mit vielfältigen Komponenten und immer neuen Ideen ist aus der Kleinstfirma heute eine Unternehmensgruppe mit 700 Mitarbeitern geworden.

27. August 2012

Alles begann quasi im Wohnzimmer auf 16 Quadratmetern. So ist es überliefert, denn die Familie von Firmengründer Josef Gerhard Tünkers wohnte schon lange in dem Haus in Ratingen, in dem am 1. April 1962 die Tünkers Maschinenbau GmbH ihren Anfang nahm. Er erinnert sich: »Wir sind gestartet mit zwei Zeichenbrettern und zwei Schreibmaschinen. Als Geschäftsgegenstand haben wir damals angegeben: Projektierung, Konstruktion und Herstellung von Maschinen und hydraulischen und pneumatischen Anlagen.«

Trotz dieses klar definierten Unternehmensziels waren die 50 Jahre kein einfacher und gerader Weg, sind sich Tünkers und seine Söhne Olaf und André einig, die beide mit in die Geschäftsführung eingestiegen sind. »Die Entwicklung war immer verbunden mit der Suche nach möglichen Beschäftigungsfeldern und neuen Nischen, in denen wir uns als neuer Anbieter positionieren können. Vielleicht gehört deshalb das Wort ›Nein‹ nicht zum Wortschatz der Firma, weil wir immer versucht haben, auch auf exotische Kundenanfragen eine Antwort zu finden.«

Die ersten Aufträge waren die Entwicklung von Hydraulik-Sonderzylindern für den damals im Ruhrgebiet starken Ofenbau, die zunächst extern gefertigt wurden. Bereits zwei Jahre später baute Tünkers eine eigene Produktion in angemieteten Hallen auf. Aus dieser Situation heraus entstanden deshalb sehr unterschiedliche Produkte wie hydraulische Hubbühnen für Elevatoröfen, Herdwagen-Verfahrmaschinen, Einschubmaschinen für Tunnelöfen, Hubbalkenantriebe und Deckelverfahrmaschinen. »Wir haben aber auch komplette Anlagen wie Fassreinigungssysteme gebaut«, erzählt Josef Gerhard Tünkers, »und das brachte die Möglichkeiten unseres noch kleinen Unternehmens oft an den Rand der Leistungsfähigkeit.«

Der Durchbruch kam mit dem Zuschlag bei einem Ausschreibungswettbewerb der Bundeswehr für einen Achsblockierungszylinder. So konnte Tünkers in das Geschäft mit Zylindern für Kranfahrzeuge und später Betonpumpen einsteigen. Die in Serie hergestellten Hydraulikserienzylinder bildeten das erste wichtige Rückgrat des jungen Unternehmens. Tünkers: »So konnten wir expandieren und neue Räumlichkeiten anmieten.«

Ende der 60er ergaben sich Kontakte zu Ford in Köln. »Dieser Einstieg in die Automobilindustrie war ein Meilenstein für uns, bedeutet diese Branche doch für uns heute ein zentrales Betätigungsfeld«, sagt der Gründer. »Wir entwickelten damals einen mit Druckluft betätigten Kniehebelspanner, der die bis dahin üblichen Handspanner ersetzte. Der patentierte Spanner war ein erster wichtiger Automationsbaustein, mit dem die Karosseriefertigung automatisiert wurde.«

Manches ging leider auch nicht so erfolgreich vonstatten. Der Zusammenbruch des Kranfahrzeugmarktes verbunden mit dem plötzlichen Ausstieg eines wichtigsten Kunden zeigte den Verantwortlichen, dass die Abhängigkeit von einem einzelnen Kunden beziehungsweise einem speziellen Markt die Existenz des Unternehmens bedrohen kann. »Dieser Einschnitt hat uns aufgerüttelt und so haben wir in den kommenden Jahren das Ziel verfolgt, das Unternehmen stabiler auf mehrere Standbeine zu stellen«, sagt Josef Gerhard Tünkers. »Wir haben die Erträge aus der positiven Entwicklung der Pneumatikspanner für die Automobilindustrie dazu genutzt, neue Produktsegmente zu erschließen.« 1975 gelang Tünkers über den Erwerb der Sparte Anleim- und Kaschiermaschinen des Anbieters Jagenberg der Einstieg in die Papierverarbeitung. Erweitert durch die Kaschieranlagen von Karma bildete dieses Produktsegment in dieser Zeit eine wichtige neue Säule des Unternehmens.

Weitere Beispiele für neue Geschäftsfelder waren der Bau von Vibrationsrammen für die Bauindustrie sowie Elektrorollstühle, die Tünkers in einer Kooperation mit einer Ratinger Behindertenwerkstatt fertigte. »Damit mussten wir uns in Ratingen abermals ausbreiten«, ergänzt der Firmengründer. »Diese räumliche Zergliederung in insgesamt drei Standorte war aber irgendwann unpraktisch und so entstand der Plan, die verschiedenen Produktsegmente an einem Standort zusammenzubringen.« Das Ziel wurde umgesetzt und Anfang der 80er-Jahre entstand der Neubau am Rosenkothen 8 und damit ein gemeinsamer Firmenverbund.

Die internationale Expansion der Automobilindustrie führte bei Tünkers auch zu einem Aufschwung im Geschäftsbereich Spanner. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch die Ausweitung der Produktpalette mit Stanz-, Präge- und Fügesystemen und später mit Greifersystemen für Roboter. Dessen populärster Vertreter ist im James-Bond-Film »Die Another Day« zu sehen.

Heute fertigt die Tünkers Maschinenbau GmbH als Familienunternehmen und Fabrikausrüster mit rund 700 Mitarbeitern in neun Fertigungsstandorten, unter anderem in Ratingen und Lorsch sowie in Frankreich, Spanien, Brasilien, den USA, China und Indien. Olaf Tünkers: »Wir sind also überall dort, wo die Automobilindustrie stark ist.« Wenn möglich, verstärkt sich Tünkers gezielt durch den Zukauf von zum Produktprogramm passenden Unternehmen. Das Produktprogramm ist dadurch und durch eigene Entwicklungen immer breiter geworden.

Ein zentrales Umfeld für die Entwicklung von Tünkers ist heute der Industrieroboter, der viele Anwendungen in den Bereichen Spannen, Positionieren, Verfahren, Umformen, Fördern, Greifen, Drehen, Schweißen und Transportieren bietet und die Automationstechnik im Karosseriebau prägt.

Nicht vergessen ist bis heute das Thema Elektromobilität. Nach wie vor entstehen im Unternehmen Behindertenrollstühle und Kleinelektromobile für das Einsammeln von Gepäckwagen an Flughäfen oder auch der MoVi. Dieses Kleinfahrzeug könnte Antworten geben auf die Fragen der Mobilität von morgen – in großen Werken, auf Flughäfen oder in Städten.

Tünkers ist aber wie in den Anfängen immer noch ein Unternehmen, das stets auf Suche ist nach neuen Märkten und Produkten. »Unser Slogan lautet Erfindergeist serienmäßig«, erklärt André Tünkers. »Bei uns wird jeden Tag eine neue Produktidee geboren und jede Woche ein neues Produkt entwickelt. Dafür stehen auch die mehr als 300 Patente im In- und Ausland, mit dem das Know-how der Unternehmensgruppe abgesichert ist.«

Auf einen Blick

Wichtige Produkte

-Kniehebelspanner: fixieren die Karosserie während des Schweißens.

-Verfahrschlitten und Schwenker: stellen und positionieren einzelne Baugruppen in der Vorrichtung.

-Stanz- und Prägezangen: bringen Löcher in Karosserien ein.

-Punktschweißzangen: verbinden Karosserieeinzelteile.

-Rundtaktdrehtische: bringen komplette Förderanlagen in Position.

-Shuttleanlagen: transportieren fertige Karosserien ab.

-Greifersysteme für Industrieroboter.

Erschienen in Ausgabe: 06/2012