Neue Ansätze

Thomas Pilz – Ein Unternehmen sollte sich nicht auf ein Thema fixieren lassen. Darum sucht Pilz nach neuen Betätigungsfeldern außerhalb der reinen Safety, die das Unternehmen laut seinem Geschäftsführer mit Security und Service-Robotik gefunden hat.

03. September 2019
Neue Ansätze
Thomas Pilz: »Es gibt keine sichere Maschine ohne Security, das ist uns als Safety-Spezialist bewusst geworden.« (© Pilz)

von Michael Kleine

Herr Pilz, welche Neuigkeiten gibt es bei Pilz zu vermelden?

Neben der Safety, die jeder von uns erwartet, gewinnt Security für uns – als Anbieter von Automatisierungssystemen – an Bedeutung. Deshalb fokussieren wir uns verstärkt auf Technologien, die beide Aspekte abdecken. Safety war schon immer der Schutz von Menschen und Umwelt vor der Maschine, während Security den Schutz der Maschine vor dem Menschen darstellt. Und in dieser Hinsicht herrscht derzeit – und da lehne ich mich nicht zu weit aus Fenster – eine Art von Krieg.

Bestes Beispiel ist ein Wurm in unserem Büro im indischen Pune, der unseren gesamten Server vernichtet hat – auch um uns zu erpressen. Und deshalb ist das Thema Cyber Security immens wichtig geworden für unsere Gesellschaft, da es jeden von uns treffen kann. Die Sicherheit des IT-System ist aber vor allem für die Industrie von entscheidender Bedeutung, denn es gibt keine sichere Maschine ohne Security.

Wie wollen Sie sich dem Thema Security am besten nähern?

Das geht über zwei Wege: Einmal wollen wir dem unbefugten Zugriff aus dem Internet mit Hilfe eines technischen Produktes, der SecurityBridge, einen Riegel vorschieben. Dazu haben wir mit bewährter Security-Technologie aus dem Büroumfeld eine Firewall geschaffen, mit der man den Zugriff auf Steuerungen PSS und konfigurierbare Kleinsteuerungen PNOZmulti absichern kann, wenn die Maschine ferngewartet werden soll. Auf der anderen Seite können wir durch unser Betriebsartenwahl- und Zugangsberechtigungssystem PITmode fusion die physische Security abbilden.

Das System besteht aus einer Ausleseeinheit mit RFID-Technologie und einer separaten sicheren Auswerteeinheit, die die gewählte Betriebsart auswertet und funktional sicher zwischen bis zu fünf Betriebsarten umschaltet. Wir können also ein sicheres Berechtigungsmanagement vollumfänglich lösen. Denn die größte Schwachstelle ist immer noch der Mensch, der die Maschine bedient und wartet. Darum sollte man immer auch auf Security im altmodischen Sinne setzen und das sind Werkssicherheit und Zugangskontrollen zu einem bestimmten Areal. PITmode erlaubt über die funktionale Sicherheit hinaus, eine Maschine secure in Maintenance zu versetzen. Das System agiert dabei ganz einfach als Totmann-Schalter und Bedien-Panel gleichermaßen. Ein ausgebildeter Mitarbeiter vor Ort kann dann überprüfen, was falsch gelaufen ist oder ob jemand Lichtschranke und Schutztürschalter überbrückt hat. Dem Anwender steht so ein kontrolliertes Zeitfenster zur Verfügung und er kann einen Menschen vor Ort sicher authentifizieren. Solche Security-Mechanismen lassen sich mit dem PITmode-System in einem Gerät zusammen mit der Safety abbilden.

Haben Sie damit den ersten wichtigen Schritt getan?

Ja, aber das Thema wird uns nicht loslassen, einerseits zum Wohl der eigenen Einrichtungen und andererseits zum Wohl unserer Kunden. Denn die Bedrohung ist groß. Wir haben auf einem Stick aus dem Ausland tatsächlich einen Trojaner gefunden, der unser Netzwerk ausspionieren sollte. Nur dank unser großen Awareness und einer sofortigen Untersuchung vor Inbetriebnahme haben wir den Angriff verhindern können. Das Wichtigste bei der Cyber Security ist darum, sich der ständigen Bedrohung bewusst zu sein.

Gilt das auch für die Service-Robotik,von der Sie so oft sprechen?

Ja, auch dort ist Security extrem wichtig und ja das ist derzeit mein Lieblingsthema: Der mobilen Service-Robotik gehört die Zukunft, auch in der Industrie. Wir haben dazu unser Manipulatormodul PRBT vorgestellt, das durch seinen flexiblen Einsatz und die hohe Modularität punktet. Wir sind der Meinung, dass unser 24-Volt-Anschluss und die 6 Kilogramm Traglast Eigenschaften sind, die den Arm für die Nutzung in mobilen Service-Anwendungen prädestinieren.

Der zertifizierte PRBT lässt sich individuell mit Bedien- und Steuerungsmodulen kombinieren und bietet eine hohe Kompatibilität mit anderen Produkten und Schnittstellen. Mit unserem Baukasten können Endnutzer und kleine mittelständische Unternehmen Roboterlösungen bauen. Sie brauchen dafür keine Spezialisten, jeder Uniabgänger kann sofort damit arbeiten. Was wir allerdings niemals machen werden, ist die Komponenten für die Peripherie wie Greifer, Navigations-Software oder die Plattform für fahrbare Informationssysteme selbst zu produzieren. Das können andere besser und dazu holen wir uns gerne kompetente Partner ins Haus.

Beispiele für Systeme in der Service-Robotik gibt es ja bereits, wie der bekannte Pepper oder der Care-O-bot im Media Markt, der den Kunden abholt, durchs Angebot führt und ihm die Grunddinge erklärt. Der Mitarbeiter für weitergehende Informationen wäre eigentlich gar nicht notwendig, denn der so genannte Search Bot könnte automatisch Datenbanken abfragen, Rabatte überprüfen und per Auswahlmenü das optimale Produkt bestellen. Es mag uns allen zu denken geben, welche Arbeitsplätze sich in der Zukunft durch diese Technologie verändern werden. Das schafft man aber nur dann, wenn man über Grenzen hinweg denkt.

Sie streben zusätzliche Angebote an?

Außer der mobilen Plattform bieten wir einen Baukasten für den Antriebsstrang – unsere Motion Control PMC Primo in Kombination mit dem Sicherheits-Laserscanner PSENscan und der konfigurierbaren Kleinsteuerung PNOZmulti 2. Aus diesem System kann sich der Anwender bedienen und zum Beispiel ein Hybridelektrofahrzeug (HEV) aufbauen. Das ist für uns nutzbringender, als eine fertige Plattform mit Zubehör und dem dazugehörenden Applikationswissen zu verkaufen.

Außerdem ist das Thema Kollaboration in aller Munde. Aber der Unterschied zwischen einer stationären kollaborativen Roboterlösung und einem Service-Roboter ist schon dadurch beschrieben, dass letzterer grundsätzlich mobil ist und sowohl innerhalb als auch außerhalb der Industrie eingesetzt werden kann. Diesen Bereich müssen wir aber erst noch besetzen.

Wann wird die Service-Robotik einen relevanten Anteil am Umsatz bilden?

Hier müssen wir vorerst geduldig sein. Ein neues Produkt bringt nicht unbedingt auch sofort Gewinne. Wenn man als reiner Sicherheitstechnikanbieter plötzlich in der Automatisierungstechnik erfolgreich sein will, dauert es halt länger. Aber wir sind zuversichtlich, in drei bis fünf Jahren so weit zu sein, da wir jetzt über die Möglichkeit verfügen, unsere Technik im Service-Segment zu platzieren. T

Infobox

Hintergrund

Thomas Pilz zu 5G und Edge Computing:

»Seitdem die USA den Handelskrieg mit China eröff- net haben bezüglich 5G, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob dieser Standard so schnell flächendeckend eingeführt wird. Denn Huawei hält ein Großteil der 5G-Patente. Darum werden wir uns hier erst mal eher zurückhalten. Edge Computing dagegen halte ich für sehr wichtig. Wir haben zwar noch keine eigene Plattform dafür, aber es gibt sicher Bereiche, in denen wir die Technologie erfolgreich einsetzen könnten.«

Erschienen in Ausgabe: 06/2019
Seite: 38 bis 39