Neue Ideen für bewährte Ziele

Forum - Mechatronisches Arbeiten heißt oft, bestehende Denkweisen und Muster zu durchbrechen und Organisationsstrukturen anzupassen. Welche Muster aber, und wie neue Strukturen zum wirtschaftlichen Erfolg führen, war Thema des 3. Forums Mechatronik im Maschinenbau.

18. August 2006

Die Welt zu Gast bei Freunden - kaum ein Slogan passt wohl besser in diesem Sommer, als dieser. Bei aller fairer Rivalität und sportlichen Konkurrenz natürlich. So auch für das ›3. Forum Mechatronik im Maschinenbau‹, das der mechatronische Arbeitskreis der :K veranstaltete. Als Gastgeber lud Siemens Auto­mation and Drives (A& ) nach Stuttgart ein. Die Verbindung von Siemens und Mechatronik wird dabei wohl erst auf den zweiten Blick deutlich. Natürlich bietet das Unternehmen reinste Elektrotechnik, sicherlich viel Software. Aber Mechanik, Maschinenbau? Dass dieser Ort dennoch kein feindliches Terrain, sondern eine anregende Herausforderung war, sollte sich im Verlaufe dieses heißen Julitages noch beweisen. »Wirtschaftlicher Erfolg durch Mechatronik« - so der verheißungsvolle Titel des Forums; nach der Begriffsklärung im Vorjahr bei Festo und dem Sammeln der Aufgaben Anfang dieses Jahres bei Phoenix Contact, jetzt also diese klare ergebnis­orientierte Zielvorgabe.

Praxiserfahrungen

Anhand von Best-practice-Vorträgen wurden zunächst vier erfolgreiche Unternehmenskonzepte von mechatronischem Engineering vorgestellt. »Schneller zur Maschine mit Simulation«, vorgetragen von Dr. Olaf Rathjen von Siemens. »Die Nase vorn im Maschinenbau« versprach Dr. Andreas Mootz von EMAG. »Erfolg durch Modularität und Mechatronik«, erläuterte Dr. Hubert Reinisch von Teamtechnik, und nicht zu- letzt: »Mechatronik, damit die Zahlen stimmen - eine Erfolgsstory« referierte Robert Strehle von Zwick/Roell.

Mehr Modularität und System­offenheit ist eine ganz klare Forderung vieler Maschinenbauer. »Außerdem fordern die Kunden heute mehr Investitionssicherung von den mechatronischen Produktionssystemen. Dies beinhaltet eine all­gemeine Risikominimierung, Stufeninvestitionen und die Möglichkeit, einen individuellen Richtungswechsel vorzunehmen«, so Hubert Reinisch von der Firma Teamtechnik in seinem Vortrag. Natürlich wird heute von modernen mechatronischen Systemen auch Intelligenz und verstärkt Mobilität erwartet. Eine Erfahrung ganz andrer Art, hat man bei Zwick/Roell gemacht. So hat sich bei diesem Unternehmen ein regelrechter Paradigmenwechsel in den letzten Jahren ereignet. »Man baue nicht mehr Maschinen mit Software, sondern man liefere zur Software eine Maschine«, so Robert Strehle. Die Software stelle das zentrale Verkaufsargument dar. Die hohe Integration von Hardware, Elektronik und Software aus einer Hand sei ein absolutes Alleinstellungsmerkmal und damit ein großer Wettbewerbsvorteil.

Aktiver Gedankenaustausch

Welchen hohen Stellenwert die Software im heutigen Engineering hat, zeigten nicht nur die einzelnen Vorträge, sondern auch die unterschiedlichen Diskussionsgruppen der nachfolgenden forumspezifischen Open-Space-Konferenz. 25 Prozent der insgesamt 140 Teilnehmer zeigten ein reges Interesse an der Fragestellung nach mechatronischen Hilfsmitteln/Tools, die einerseits Unterstützung in der interdisziplinären Kommunikation geben als auch den mechatronischen Entwicklungsprozess an sich darstellen und überwachen lassen. Anders als in der Mechanik gebe es noch keine klaren Prozesse und Vorgehensweisen für das parallele Engineering bzw. wie Software sich in die bestehenden Engineering- und Geschäftsprozesse integrieren lasse. Ein so genannter Masterplan wurde von vielen Teilnehmern gewünscht.

Einen weiteren Themenschwerpunkt stellte die mechatronische Ausbildung dar. Während der Bedarf bei der fachlichen Ausbildung weitestgehend gedeckt ist, zeigt sich in der Ebene der Führungskräfte erheblicher Nachholbedarf. Prozesse können nur dann eingeführt bzw. umstrukturiert werden, wenn die vollständige Unterstützung durch das Top-Management gewährleistet sei. Diese fehle aber häufig aufgrund mangelnden mechatronischen Fachwissens. Mangelnde Kommunika­tion zwischen den einzelnen Disziplinen war übrigens ein wesentlicher Punkt in beinahe allen acht Diskussionsgruppen. Das Verständnis füreinander sei der Schlüsselfaktor zum Erfolg mechatronischer Projekte.

Simulieren hilft entscheiden

Ein weiteres Thema war die mechatronische Simulation. Hier kamen die Teilnehmer zu dem Schluss, dass die Datenbasis für eine Simulation teilweise noch auf sehr »schwachen Füßen« steht. Außerdem besteht der Wunsch nach einem Simulationstool Mechanik (CAD, FEM, MKS), Steuerung und Regelung innerhalb einer Benutzeroberfläche. Als ein weiteres interessantes Thema ergab sich die Fragestellung nach den Anforderungen der Maschinenbauer an die Komponentenhersteller. Als Ergebnis hielt man vor allem fest, dass der Komponentenlieferant eine höhere Kompetenz über seine eigenen Produkte hinaus haben muss und er gleichzeitig mehr Anbieter von Lösungen, nicht nur von Komponenten, sein sollte. Denn der Komponentenlieferant weiß genau, wie die mechatronische Aufgabe gelöst wird und unterstützt den Maschinenbauer bei der Zusammenstellung der Komponenten.

Weitere Diskussionsrunden fan­den sich zu den Themen der Begriffsdefinition der Mechatronik sowie zu betriebswirtschaftlichen Konzepten in der Mechatronik. Hier wurde vor allem die Notwendigkeit der Transparenz, die Verteilung über den gesamten Produktlebenszyklus, die Notwendigkeit von Vorleistungen und die bessere Organisation proklamiert. Alle ausführlichen Protokolle zu den Diskussionsgruppen stehen übrigens in Kürze unter www.maschinenbau-mechatronik.de zum lesen und downloaden bereit.

Netzwerke schaffen

Eines wurde aber auch in Stuttgart erneut deutlich. Komplexe Themen lassen sich nicht in

den 90-minütigen Diskussionsgruppen der Open-Space-Konferenz vollständig lösen. Dennoch wird hier den Entscheidungsträgern aus unterschiedlichen Unternehmen die einmalige Möglichkeit geboten, Erfahrungen auszutauschen und andere Sichtweisen und Anregungen zu erhalten. Deshalb ist es auch das oberste Ziel des Forums, stets ein Problemlösungs-Netzwerk zu schaffen, das die Kontakte der Teilnehmer verdichtet und den Erfahrungsaustausch auch über die Veranstaltung hinaus ermöglicht.

AK

Erschienen in Ausgabe: 05/2006