Neues aus dem Morgen-Land

Innovationen – Innovationsrhetorik mit aufschiebender Wirkung

28. Mai 2019
Neues aus dem Morgen-Land
(© gii)

Das zum Markenkern einer Industriegesellschaft gehörende Vertrauen in den technologischen Fortschritt ist in letzter Zeit arg strapaziert worden. Eben erst wurde mit liberaler Nonchalance mal wieder vorgeschlagen, einen Wechsel auf die Zukunft zu ziehen, bei dem die Probleme von heute irgendwann, aber ganz bestimmt noch rechtzeitig von selbst die Lösungen von morgen generieren. Man möchte eine existenzielle Herausforderung unserer Zivilisation wohl in frühkapitalistischer Laissez-faire-Manier der markteigenen Entwicklungsdynamik überlassen. Ein »Weiter so« kommt mir persönlich ähnlich chinesisch vor wie die vier Schriftzeichen, die beim letzten Parteitag der FDP auf der Großbildleinwand prangten, um der eigenen Auffassung von Wirtschaftspolitik Weltgeltung zu verleihen. Mittlerweile rütteln Teile der jüngeren Generation angesichts gerissener Klimaziele wöchentlich sichtbar an den Grundfesten eines ungeschriebenen Generationenvertrags.

Der paternalistische Tadel, lieber in die eigene Ausbildung und Zukunft zu investieren und die Probleme der Gegenwart den Profis zu überlassen, konnte die Freitagsaktivisten bisher nicht zur reumütigen Rückkehr auf die Schulbank bewegen. Und das dann doch sehr durchsichtige Manöver, ihre politischen Anliegen als bloßen Vorwand zum Schulschwänzen zu verunglimpfen, hat in der breiten Öffentlichkeit auch noch nicht so recht verfangen. Man darf das als das sehen, was es ist: ein schnöder Versuch, Gegner der eigenen Ideologie zu diskreditieren. Denn die von zigtausend jungen Menschen vertretene Freitagsbotschaft lautet ja ausdrücklich, die aufschiebende Wirkung vager Zukunftsversprechen mit der Dringlichkeit sofortiger Maßnahmen zu kontern.

Doch nicht nur um die Debatte, sondern um die Innovationskraft selbst ist es in ausgewiesenen Schlüsselbereichen nicht sonderlich gut bestellt. So droht die einst für ihren Vorsprung durch Technik weltweit gerühmte deutsche Automobilindustrie auf dem Feld der Elektromobilität abgehängt zu werden und muss nun auf den letzten Drücker eilig umsteuern. Denn es zeichnet sich ab, dass die Tage des Verbrennungsmotors in vielen europäischen Absatzmärkten gezählt sind. Allen voran Norwegen, wo Elektrofahrzeuge heute schon die Hälfte der neu in den Verkehr gebrachten Pkws ausmachen, wird ab 2025 keine diesel- und benzinbetriebenen Neuwagen mehr zulassen. Und eine ganze Reihe weiterer Staaten – darunter auch Frankreich und Großbritannien – will bis 2030 oder 2040 nachziehen.

Immerhin für die letzte Meile hatte unser Verkehrsminister kürzlich stolz eine elektrisch betriebene Lösung parat: den E-Tretroller als Mobilitätsalternative, die sich bald auf Gehwegen zwischen Fußgängern hindurchschlängeln oder ihnen als weitere Barriere neben den Leihrädern und Miet-E-Bikes unzähliger Anbieter das Fortkommen erschweren könnte. Ansonsten hat er sich anscheinend in der Rolle eines Cheflobbyisten für die ungebremste Freude am Fahren eingerichtet, die deutsche Autofahrer den Verkaufszahlen nach weiterhin vor allem mit dem Erwerb PS-starker Benziner verbinden. Ein Seitenblick auf die Gelbwesten im Nachbarland mag die politische Scheu des deutschen Ministers erklären, hier ins Steuer zu greifen und beispielsweise mittels CO2-Abgabe einen Lenkungseffekt zu bewirken.

Nicht nur das Beispiel der Automobilindustrie zeigt, dass sich Großkonzerne mit einschneidenden Technologieumstellungen oft schwertun. Auch RWE würde ohne den schließlich ausgehandelten Kohlekompromiss wohl noch deutlich über das Jahr 2038 auf die lukrative Kohleverstromung setzen. Daher wundert es schon, wenn der Wirtschaftsminister in seinem Thesenpapier zur Nationalen Industriepolitik den erfolgreichen Fortbestand der Sozialen Marktwirtschaft fast ausschließlich an die Bildung marktbeherrschender Konsortien knüpft und den deutschen Mittelstand mit seinen »Hidden Champions« nur am Rande streift. Wer auf marktfähige Innovationen setzt, sollte auch im Schlagschatten der Tech-Riesen aus Fernost und Übersee die Stärken nicht übersehen, die gerade kleine und mittlerer Unternehmen mit ihrer dynamischen Verzahnung von Entwicklung und Fertigung sowie einer ausgeprägten Kundennähe auszeichnen.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de.

Erschienen in Ausgabe: 04/2019
Seite: 66