Nischen finden

Porträt

Engel Elektroantriebe – Das Unternehmen, seit vielen Jahren mit speziellen Motoren als feste Größe in der Schraubtechnik etabliert, findet auch mit integrierten Antrieben neue Nischen.

22. Juli 2013

Am weiß-blauen Firmengebäude in Walluf bei Wiesbaden liest man groß den Namen Engel. Tatsächlich sind aber mehrere Unternehmen in dem Gebäude ansässig. »Darum lege ich Wert darauf, dass wir nicht nur Engel heißen sondern Engel Elektroantriebe GmbH«, sagt Geschäftsführer Thomas Preußer. Das ist umso verständlicher, als dass die Familie Preußer seit einem Jahr im Besitz aller Unternehmensanteile ist.

Engel Elektronantriebe beschäftigt sich mit permanenterregten Synchron-Servomotoren. Das Unternehmen ist 1984 entstanden als Ausgründung der Engel GmbH. »Es ging darum, die Anfang der 80er-Jahre aufkommende Motortechnologie aufzugreifen und vor allem auf dem Gebiet der Schraubtechnik mit den neuen Motoren zu punkten.« Maßgeblichen Anteil an dieser Ausgründung hatte der Vater von Thomas Preußer, Ortwin Preußer, der bis vor fünf Jahren Geschäftsführer mehrerer Unternehmen am Standort »Am Klingenweg« war.

Zu den weiteren dort ansässigen Unternehmen gehören ein Hersteller für Dreh- und Frästeile und einer für Getriebe. »Es ist für uns von Vorteil, dass wir Lieferanten im selben Haus haben«, erläutert Thomas Preußer, »die beteiligten Unternehmen profitieren aus der räumlichen Nähe, aber interne Lieferanten müssen sich heute genauso dem Wettbewerb stellen wie jeder externe auch.«

Engel Elektroantriebe ist mit 56 Mitarbeitern das größte der auf dem Firmenschild aufgelisteten Unternehmen. »Wir sind aber noch eine überschaubare Firma mit kurzen Wegen, einem guten Team und einem ebenso guten Betriebsklima. Die Mitarbeiter sollen mit Freude zur Arbeit kommen, und das brauche ich für mich selbst auch.«

Der Diplomingenieur ist 1999 zunächst als Entwickler ins Unternehmen eingestiegen. »Zum Synchronmotor gehört zwangsläufig eine Regelelektronik, darum wollte ich selbst entwickeln und meine Fachkenntnisse in das Unternehmen einbringen. Das zeigt sich heute in unserer Ausrichtung und in unseren Produkten.« Im Wesentlichen basiert die Geschäftstätigkeit auf kundenspezifischen Antrieben, mit denen das Unternehmen etwa 90 Prozent seines Umsatzes erzielt »Die Entwicklung und Fertigung dieser Antriebe ist eine unserer Stärken. Unsere Standardprodukte, die dem neuesten Stand der Technik entsprechen, bilden hierzu die Basis.«

Die Möglichkeiten spezieller Ausführungen erstrecken sich über alle Produktgruppen und beginnen bei den geforderten elektrischen Motorcharakteristika, Anbaumöglichkeiten, Oberflächenbeschichtungen sowie Steckverbindern und Winkelgebersystemen bis hin zu exklusiv kundenspezifisch- entwickelten Motorsystemen. Was für die mechanische Seite gilt, findet auch in der Elektronik Anwendung. Zunehmend werden bei integrierten Antrieben projektspezifische Gerätefunktionalitäten softwaremäßig umgesetzt. Es gelingt immer wieder, Nischen zu finden, in denen sich das Unternehmen durch seine Stärken behaupten kann.

Stark in Schraubern

Das wichtigste Produkt im Portfolio sind die Schraubermotoren der Serie HLM, die für Engel Elektroantriebe ein Alleinstellungsmerkmal bilden. »Wir bedienen viele namhafte Hersteller von Schraubtechnik weltweit.« Hauptabnehmer von Schraubtechnik ist dabei die Automobilindustrie, die qualitativ hochwertige Komponenten benötigt.

»Wir waren bei den ersten Anbietern, die einen angepassten Motor für die Schraubtechnik entwickelt haben. Diesen Vorsprung konnten wir bis heute halten. Es ist ein breites Portfolio an verschiedenen Größen entstanden, mit dem wir einen wesentlichen Teil unseres Umsatzes erreichen.«

Im Vergleich zur eigenen Firma sind die Kunden meist größere Unternehmen, die neben der Qualität, Flexibilität und Lieferbereitschaft heute auch zusätzliche Anforderungen stellen. Beispielsweise wird auf die Erfüllung sozialer, ethischer und umweltrelevanter Kriterien geachtet, was laut Thomas Preußer im verantwortungsvollen Bewusstsein positiv angegangen und umgesetzt wird. »Wir beweisen uns stets aufs Neue und entwickeln uns weiter.«

Engel Elektroantriebe bietet ein großes Programm von Schraubermotoren mit Durchmessern von 28 bis 80 Millimetern. Die Motoren bestechen durch ein dünnes Stahlgehäuse und sie bauen schlank, um möglichst wenig Trägheitsmoment zu erzeugen. Mit elf Newtonmeter Drehmoment aus einem 55-Millimeter-System direkt und ohne Getriebe sind sie zudem sehr stark.

Die weitere große Produktgruppe, die integrierten Antriebe, geht direkt auf eine Entwicklung von Thomas Preußer zurück. »Anfang der 2000er-Jahre entstanden verschiedene Verstärker, die wir optimal auf unsere Motoren anpassen konnten und die weitere Funktionalitäten ermöglichen. So konnten wir neben den Schraubanwendungen weitere Applikationen bedienen. Einige Jahre später waren wir in der Lage, diese Elektroniken optimal in die Motoren zu integrieren.«

Dank der hohen Kompetenz der eigenen Entwicklungsbereiche sieht sich Thomas Preußer dabei auf einem guten Weg. Bis heute ist eine stattliche Palette mit verschiedenen Größen und diversen Konfigurationsmöglichkeiten zusammengekommen.«

Die Elektronik ist bei den integrierten Motoren der Serie HBI ungewöhnlich kompakt in die Einheit eingebaut. »Gegenüber den meisten Mitbewerbern sieht man bei uns nicht, dass der Motor eine Elektronik enthält.«

Ganz frisch hat Thomas Preußer Gehäusemuster aus Fernost bekommen, die für die kostenoptimierten Drehstrom-Synchronmotoren der Serie HBR gedacht sind und das aktuelle Motorprogramm zu kleineren Leistungen und Baugrößen hin ergänzen. Dafür ist auch eine Verstärkerelektronik in Arbeit.

Der neue Regler wird mit Einsteckkarten für beliebige Feldbusse ausrüstbar sein, vor allem in Richtung Ethernet geht die Entwicklung. »Wir wollen unser Sortiment erweitern, um potenziellen Kunden viele Optionen aus einer Hand bieten zu können.«

Darum sieht er gerade im Systemgedanken einen Punkt, an dem Engel Elektroantriebe in der Zukunft verstärkt ansetzen wird. Mit einer eigenen und für alle Produkte identischen Parametriersoftware lassen sich die Antriebe und Regler direkt auf eine bestimmte Applikation anpassen. »Alles, was wir machen, ist konsistent und abwärtskompatibel.«

Im Markt behaupten

Engel Elektroantriebe setzt auf eine hohe Fertigungstiefe, wobei externe Partner eigene Kapazitäten und Ressourcen unterstützen. Ein Highlight in der Produktion ist ein Nadelwickelautomat, der, in enger Abstimmung mit dem Maschinenbauer, auf die Bedürfnisse des Produktspektrums hin realisiert wurde. Eine Fertigungsmöglichkeit, auf die Thomas Preußer sehr stolz ist. »Diese Maschine ist äußerst flexibel einsetzbar und bietet neue Möglichkeiten.«

Die Beziehung zum Kunden hat sich laut Thomas Preußer in den letzten 15 Jahren gewandelt. »Zu Zeiten meines Vaters fußte viel auf Vertrauen und persönlicher Beziehung, heute ist das Geschäft schnelllebiger geworden, Die Kontaktpersonen bei den Kunden wechseln häufiger.« Als Vorteil dabei sieht der Geschäftsführer, »dass man sich stets neu beweisen und profilieren kann. Generell müsse sein Unternehmen bestrebt sein, in regelmäßigen Abständen neue Entwicklungen und Motorgeneration zu präsentieren. »Nur so können wir die Auftraggeber begeistern, uns vom Wettbewerb absetzen und dem stetigen Preisdruck begegnen.«

Ein wichtiges Ziel von Thomas Preußer ist, die gute Entwicklung des Unternehmens in den letzten Jahren fortzuführen und zu stabilisieren. Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Mitarbeiterzahl des Unternehmens fast verdoppelt. »Wir wollen durch passende Produkte, durch eine effiziente Organisation und durch eine gute Kommunikation weiterhin attraktiv und interessant bleiben.«

Auf einen Blick

- Engel Elektroantriebe in Walluf entstand 1984 als Ausgründung aus der Engel GmbH, die seit 1923 Antriebstechnik produziert.

- 21.000 Antriebe im Jahr, im Wesentlichen Motoren für Schraubtechnik und integrierte Antriebe.

- Motortechnologie und Elektronikentwicklung aus einer Hand.

Erschienen in Ausgabe: 05/2013