Noch mehr Elektronik

Sonia Bonfiglioli - Harter, aber fairer Wettbewerb auf dem deutschen Markt fordert Sonia Bonfiglioli heraus: Ständig bessere Lösungen in der elektronischen Antriebstechnik sind ihre Sache. Die konsequente Entwicklung zum mechatronischen Lösungsanbieter zeigt Erfolge. Für die Bonfiglioli-Chefi n ein Grund jetzt noch mehr Tempo zu machen.

25. Mai 2005

Sonia Bonfiglioli: In den vergangenen Jahre hat sich Bonfiglioli rasant entwickelt. Wir haben unsere Produktpalette erheblich erweitert. Als mein Vater das Unternehmen 1956 in Bologna gründete, war Bonfiglioli ausschließlich mechanisch orientiert. Einfache Getriebe wurden produziert. Seither hat sich einiges getan: 1970 haben wir Transmital gekauft und sind in die Produktion von Planetengetrieben eingestiegen. In den 90er Jahren haben wir ein Unternehmen zur Motorenfertigung gekauft und im Jahr 2000 durch den Erwerb von Vectron unsere Kompetenz in Richtung elektronische Antriebstechnik erweitert. Wir haben uns von einem Unternehmen, das überwiegend Schneckengetriebe fertigt, zu einem Anbieter von mechatronischen Lösungen entwickelt. Das Spektrum reicht von einfachen Getrieben über Motoren bis hin zu fertigen Antriebssystemen.

Sie sprechen von Systemen, doch wenn von Bonfiglioli die Rede ist, denkt man meist an Getriebe. Ist das noch korrekt?

Nein, jedes Unternehmen hat seine Geschichte: Wir haben zwar mit Getrieben begonnen, aber der reine Getriebebauer gehört der Vergangenheit an. Das traditionelle, mechanische low-cost-Getriebe bauen heute überwiegend solche Unternehmen, die dort fertigen, wo die Kosten gering sind. Die neue Dimension ist die Verbindung von Elektronik und Mechanik. Damit entsteht für Kunden ein neuer Wert, der über die einfache mechanische Komponente hinausreicht. Technische Lösungen, die dadurch entstehen, bieten dem Kunden erheblich mehr Serviceleistungen. Diesen Weg werden wir konsequent weiterverfolgen.

Haben Sie ihre Kernkompetenz verlassen?

Getriebe sind unsere Kernkompetenz. Wir haben unsere Kompetenz nur erweitert. Es fällt einem mechanisch orientierten Unternehmen nicht leicht, sich konsequent in Richtung Antriebselektronik zu bewegen. Wir haben für diese Ziele viel investiert und dadurch ein großes Know-how aufgebaut.

Wie kommen Sie aus den Niederungen der Mechanik auf die Höhen der Elektronik?

Zunächst haben wir analysiert, wohin sich der Markt entwickelt und welche neuen Anwendungen gefragt sind. Dabei haben wir festgestellt, daß klassische Mechanik mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Deshalb mußten wir handeln, denn es ist besser, ganz vorne bei den Trendsettern zu sein, als durch neue Trends unter die Räder zu kommen. Um das Know-how in der Elektronik zu erreichen, haben wir Vectron als Partner gewonnen. Das war ein Meilenstein für Bonfiglioli, denn diese ausgeprägte Kompetenz für Elektronik gibt es nur in Deutschland. In Italien hätten wir keine Chancen ein solches Maß an Engineering-Know-how zu finden.

Was unterscheidet Sie von den Antriebsherstellern hierzulande?

Wir haben viel voneinander gelernt. Deutsche Unternehmen gelten als führend in der elektronischen und systemischen Ausstattung der Antriebstechnik, während wir in Italien Spitzenreiter im mechanischen Getriebebau sind. Daraus resultiert aus mechatronischer Sicht unsere Stärke. Sie ist die Synergie zwischen Elektronik und Mechanik. Durch die enge Zusammenarbeit mit deutschen Kunden können wir heute Highend-Applikationen bieten.

Mit welchen Leistungen und Produkten treten sie im harten Wettbewerb auf dem deutschen Markt an?

Das hängt von der jeweils geforderten Lösung ab. Mit unseren Klassikern für die mobile Antriebstechnik, den Planetengetrieben, haben wir bereits eine gute Marktstellung erreicht, die weit über die Stufe der Akzeptanz hinausgeht. Aus dieser Position heraus werden wir uns vor allem für komplette Antriebslösungen stark machen. Wir haben gute Chancen, denn auf dem deutschen Markt sind Qualität, umfassende Garantieleistungen und technischer Service gefragt. Fürs starke Wachstum im Jahr 2004 sorgten ein komplettiertes Produktprogramm, die applikationstechnische Unterstützung übers gesamte Antriebssystem hinweg sowie die enge Zusammenarbeit mit Kunden.

Was bringt die Neuorganisation von Vectron und Bonfiglioli in Deutschland?

Eine wesentliche Ursache für unseren Erfolg war sicherlich die Reorganisation des Konzerns. Wir arbeiten kompetenzorientiert. Ein großer Schritt nach vorne war die konzernweite Integration des elektronischen Know-hows von Vectron. Vectron ist unser weltweites Kompetenzcenter für Antriebselektronik und Umrichtertechnik. Bonfiglioli Deutschland steht für die Kompetenz im deutschlandweiten Vertrieb und Applikationsengineering. Ergänzend dazu haben wir den weltweiten Vertrieb nach direkter Kundenbeziehung, also als OEM-Vertrieb, sowie Vertrieb über Distributoren und Vertrieb mobiler Antriebstechnik strukturiert. Die Antriebstechnik für Industrie und Automatisierung läuft also über Direktvertrieb und Distributoren. In dieser aus drei Kanälen bestehenden Organisation sind Bonfiglioli Vectron für die Antriebselektronik, Bonfiglioli Riduttori für die Getriebemotoren und Bonfiglioli Trasmital für die mobile Antriebstechnik zuständig.

Welche Stellung hat für Sie der deutsche Antriebsmarkt im Vergleich zu anderen Ländern. Welche Ziele verfolgen Sie?

Deutschland ist mit Sicherheit der führende Markt für die Antriebstechnik. Er ist der Referenzmarkt für hochentwickelte Technik und Qualität. Wir haben viele Jahre lang Daten über diesen Markt gesammelt, um uns darauf einzustellen. Ganz im Unterschied zu anderen italienischen Unternehmen, die ihren Etat für Forschung und Entwicklung eingefroren haben und kaum neue Produkte vorstellen. Solche Strategien der einfachen Produkte zu geringen Preisen für unkomplizierte Applikationen sind nicht unser Fall.

Wieviel investieren Sie in Forschung und Entwicklung?

Üblicherweise drei Prozent unserer weltweiten Umsatzerlöse.

Das ist nicht viel.

Das ist nur der Prozentanteil, den wir für die Pflege der bestehenden mechanischen Produkte investieren. Betrachtet man die antriebselektronischen Projekte der vergangenen Jahre, ist es erheblich mehr. Darüber hinaus erfordert die neue Generation der Heavy-Duty-Produkte wesentlich höhere Ausgaben. Wir investieren viel, um in der Klasse von Lenze und SEW mitzuspielen. Es hat sich gezeigt, daß der Markt unseren Wandel zum Komplettanbieter sehr gut angenommen hat. Wir sind im vergangenen Jahr um gut 15 Prozent gewachsen.

Antriebstechnik ist ›kopfgesteuert‹. Oft fällt die Entscheidung über antriebstechnische Produkte auf der obersten Ebene, der SPS-Ebene. Wie arrangieren Sie sich mit Ihrem Produktportfolio damit?

Das sehen wir auch so, denn viele Kunden wollen integrierte Lösungen aus einer Hand. Diesen kompletten Service können wir gemeinsam mit Partnern bieten. Für ein Komplettangebot aus eigenem Haus inklusive SPS gibt es allerdings doch noch sehr viele Schritte zu tun. Es ist aktuell nicht das primäre Ziel.

Wer in der Servotechnik tätig ist, braucht entsprechende Motoren. Füllen Sie hier Lücken im Produktprogramm?

Es wird so weitergehen, wie in letzter Zeit - in Riesenschritten. Hätten wir heute bereits alles, könnten wir es uns bequem machen. Doch das ist nicht unsere Art. Denn wir wollen weiterhin kreativ, ruhelos und enthusiastisch sein. Deshalb planen wir auch in der Motorensparte neue Entwicklungen. Darüber werden wir gerne in der :K berichten. Über die Fortschritte in der Antriebselektronik, bei Heavy-Duty-Produkten sowie bei unseren gängigen Getrieben hinaus bieten sich bei Servoantrieben viele Chancen. Bonfiglioli entwickelt sich eben ständig weiter.

ZUR PERSON

Sonia Bonfiglioli ist als Geschäftsführende Gesellschafterin der Bonfiglioli Riduttori SpA zuständig für Strategie, Internationalisierung, Marketing, Forschung & Entwicklung sowie Vertrieb. Sie hat 1991 in Bologna das Ingenieurstudium der Mechanik abgeschlossen und arbeitet seit 1992 im Familienunternehmen.

Peter Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 04/2005