Notierungen sind keine Preise

Kommentar

Spekulation – Der Rückgang der Aktienkurse in China sollte niemanden überraschen. Solange Zockerei und Hochfrequenzhandel das Börsengeschäft prägen, ist die nächste Krise programmiert.

17. September 2015

Gerade hatte man sich daran gewöhnt, dass Deutschland trotz (manche sind auch der Meinung, wegen) des wirtschaftlichen Niedergangs der südeuropäischen Staaten prosperiert und die Wirtschaft stabile Zahlen vorweisen kann, da trifft uns der nächste Alarmruf: Die chinesische Börse befindet sich im freien Fall! Schon wieder ist von einer »Ansteckungsgefahr« für die Weltwirtschaft die Rede, der Dax zittert, amerikanische und chinesische Wirtschaftsexperten bezichtigen sich gegenseitig einer falschen Fiskalpolitik. Man bekommt den Ein-druck, dass die Welt nicht nur an Schnupfen erkrankt, wenn China hustet, sondern an offener TBC.

Aber was war denn der Auslöser für die Börsen-Talfahrt? Geht China das Öl aus? Sind alle Maschinen auf einmal kaputt gegangen? Benötigen die Chinesen keine neuen Produkte mehr? Droht ein politischer Umsturz? Mitnichten – die chinesische Regierung hat lediglich den Wechselkurs des Yuan vom Dollar entkoppelt, und der Yuan wertete im Verhältnis um vier Prozent ab. Auch das ist keine Katastrophe, zumal Ab- und Aufwertungen dieser Größenordnung zwischen Euro und Dollar regelmäßig stattfinden. Nicht zu vergessen, dass der Yuan durch die Dollar-Bindung zuvor eine starke Aufwertung erfahren hat. Natürlich gibt es auch einige beunruhigende realwirtschaftliche Entwicklungen aus dem Reich der Mitte – aber der Rest ist Panik, die Börse wirkt als Brandbeschleuniger, und wir erleben zum x-ten Mal das Platzen einer Blase, deren Entstehung schon seit Längerem zu beobachten war:

Tatsächlich gab es einen beispiellosen Boom an der chinesischen Börse. Der Shanghai Composite zum Beispiel legte auch unter Einberechnung des jüngsten »Absturzes« vom Sommer 2014 bis Sommer 2015 um etwa 40 Prozent zu! Die Zeitungen berichteten von der Wettsucht vieler Chinesen, die nun die Börse als neue Spielhalle entdeckt haben und oft Kredite für ihre Zockerei aufnahmen, während die chinesische Führung das Ganze nach Kräften förderte. Nun versucht die Regierung durch milliardenschwere Stützkäufe und Aussetzung von Aktien das »freie Spiel der Kräfte« zu bändigen. Doch in Zeiten, in denen die Krise zu einer Art Dauerzustand geworden ist, helfen auch solche Noteinsätze nichts mehr, zumal die Staaten – wir erleben es ja auch in Europa – mit jedem Kraftakt am Finanzmarkt mehr Handlungsspielraum verlieren. In China steht nun also erst einmal der kleine Spekulant von nebenan im Regen.

Der Glauben an die mitunter fantastisch anmutenden Kurssteigerungen erinnert mich derweil stark an meine Erfahrungen und Enttäuschungen als jugendlicher Briefmarkensammler. Stolz saß ich vor meinem Album und errechnete anhand meines aktuellen Michel-Briefmarkenkatalogs, über welche Schätze ich verfügte. Die Stunde der Wahrheit schlug, als ich meine gesammelten »Reichtümer« in einem Sammlerladen veräußern wollte und feststellen musste, dass niemand bereit war, mir den von mir errechneten Preis zu spendieren. Damals begriff ich, dass es einen elementaren Unterschied zwischen vermeintlich verbindlichen »Notierungen« und den Preisen gibt, die Menschen zum Zeitpunkt X bereit sind, tatsächlich zu zahlen. Gerade bei ersten Anzeichen einer Krise verpuffen virtuelle Werte zuerst, weil Menschen in härteren Zeiten Greifbares brauchen. Da heute aber Wetten, Luftschlösser und Schneeballsysteme zu zentralen Wachstumstreibern geworden sind, treffen durch sie ausgelöste fiskalische Verwerfungen heute auch die reale Wirtschaft mit voller Wucht, zerstören Märkte und rauben Unternehmern, die nicht deshalb Maschinen kaufen, weil irgendwelche Kurse steigen oder fallen, sondern weil sie eine echte Nachfrage bedienen wollen, die Liquidität. Das ist bekannt, doch weder wird der Hochfrequenzhandel durch geeignete Transaktionssteuern beruhigt, noch die Zockerei mit undurchsichtigen Derivaten unterbunden. Gleichzeitig strömt immer weiter »billiges Geld« an die Börsen. Da eine Änderung nicht in Sicht ist, lautet meine Prognose: Die aktuelle Krise aus China wird die letzte sein – vor der nächsten. Versprochen!

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 07/2015