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Plagiatschutz – Neue Möglichkeiten zur Überprüfung der Echtheit von Maschinenkomponenten schieben der Produktpiraterie einenRiegel vor. Helfen sollen dabei Design-for-Anti-Counterfeit-Regeln.

08. November 2010

Untern dem Begriff »Design for X« werden Konstruktions- und Produktgestaltungsregeln zusammengefasst, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Bekannte Beispiele sind »Design for Assembly« oder »Desing for Manufacturing«, die heute bereits umgesetzt werden. Sollte in Entwicklungsabteilungen in Zukunft auch ein »Design for Anti-Counterfeit« realisiert werden, also Konstruktions- und Gestaltungsregeln, die das Kopieren von Produkten unterbinden sollen? Oder wäre der Aufwand größer als ihr Nutzen?

Eine aktuelle Umfrage des VDMA zeigt, dass bereits heute der deutsche Maschinen- und Anlagenbau jährlich Umsatzeinbußen in Höhe von 6,4 Milliarden Euro verzeichnet. Inzwischen sind zwei Drittel aller Unternehmen der Branche betroffen. Aber Umsatzeinbußen sind nicht die einzigen negativen Konsequenzen der Produktpiraterie: Verlust an Marktanteilen, unberechtigte Regressforderungen, Imageverlust oder die Erosion der Marke sind weitere Folgen. Solange Produktpiraten weiterhin nur mit niedrigen Strafen, dafür aber lukrativen Gewinnen rechnen können, wird sich die Situation weiter verschärfen.

Know-how im Unternehmen schützen

Zentrale Know-how-Träger eines jeden Unternehmens sind seine Produkte. Damit wird auf dem Absatzmarkt das Knowhow eines Unternehmens den Imitatoren sozusagen auf dem Silbertablett zur Verfügung gestellt. Ein Design for Anti-Counterfeit ist also der Stellhebel, den Unternehmen selbst in der Hand haben, um das eigene Know-how zu schützen. Dabei werden mit den Gestaltungsmaßnahmen zwei Ziele verfolgt: Zum einen wird das Produkt so konstruiert, dass es nicht mehr kopiert werden kann. Zum anderen lohnt sich durch die Produktgestaltung das Kopieren für den Produktpiraten nicht mehr.

Beim ersten Ziel geht es um die Unterbindung des Reverse Engineering. Das Reverse Engineering beschreibt die Vorgehensweise der Produktpiraten beim Kopieren, nämlich zunächst ein Produkt zu demontieren und anschließend genau auszumessen. Mit Hilfe der so gewonnen Informationen wird anschließend das Produkt nachgebaut. Beim zweiten Ziel sollen Plagiateure wirkungsvoll abgeschreckt werden.

Das Kopieren ist aus Sicht von Produktpiraten vor allen Dingen dann lohnenswert, wenn sie einfach und risikofrei hohe Gewinne erzielen können. Das bedeutet im Umkehrschluss für einen Originalhersteller, dass seine Produkte so zu gestalten sind, dass ein Produktpirat bei der Herstellung des Plagiats einen hohen Aufwand betreiben muss, der mit dem Risiko verbunden ist, dass der Imitator seine Investitionen nicht amortisieren kann. In der Regel wird sich dann der Produktpirat lieber ein einfacheres Opfer suchen.

Kapselung und Variantenvielfalt

Das Design for Anti-Counterfeit verbindet neue Gestaltungsregeln mit bereits existierenden Maßnahmen, die lediglich im Sinne des Produktschutzes angepasst werden müssen. Um einen Einblick in das Design for Anti-Counterfeit zu geben, werden im Folgenden einige Maßnahmen vorgestellt: Eine konstruktive Maßnahme ist die sogenannte Kapselung. In das Produkt wird ein Selbstzerstörungsmechanismus implementiert. Beginnt ein Imitator mit dem Reverse Engineering und demontiert das Produkt, so wird die gekapselte Produktkomponente zerstört. Damit sind die weiteren Schritte des Reverse Engineering nicht mehr möglich. Besteht bei den Komponenten ein Wartungsbedarf, ist die Kapselung so zu konzipieren, dass eine Demontage auch weiterhin mit Spezialwerkzeugen oder -wissen möglich ist. Ein Bespiel für eine Kapselung ist das Vergießen von Wicklungen eines Elektromotors.

Die Erhöhung der Variantenvielfalt, um individuelle Kundenbedürfnisse besser befriedigen zu können, kann auch zur Abwehr gegen Produktpiraten eingesetzt werden. Das Eingehen auf individuelle Wünsche der Kunden setzt einen direkten Kundenkontakt voraus. Oftmals besitzen aber Plagiatoren diesen direkten Umgang nicht. Daher besteht für sie das Risiko, nicht ausreichende Stückzahlen absetzen zu können. Durch die Erhöhung der Variantenvielfalt können also nicht nur Marktanteile gegenüber legalen Wettbewerbern, sondern auch gegen Produktpiraten abgesichert werden. Um die dadurch entstehende Komplexität beherrschen zu können, sollten Methoden zur Komplexitätsreduktion, wie die Modularisierung, angewendet werden. Bei der Modularisierung werden Produktfunktionen bestimmten Modulen zugeordnet. Durch den Zusammenbau verschiedener Module entsteht das Produkt. Zur Bildung von Produktvarianten reicht nun die Bildung von Modulvarianten, die miteinander kombiniert werden können. Die eindeutige Zuordnung von Produktfunktionen zu Modulen erleichtert grundsätzlich den Produktpiraten das Reverse Engineering, daher sollten die Module selbst wiederum nicht modular, sondern integral aufgebaut sein.

Die Verknüpfung von Plagiatsschutz zu dessen Zusatznutzen aus Kundensicht erfolgt durch zusätzliche Funktionen am Produkt wie beispielsweise der Diagnosefähigkeit. Der Kundenmehrwert bezieht sich in der Diagnosefähigkeit auf die Möglichkeiten wie einer eigenständigen Identifizierung der Module, einer Druckabfrage in jedem Modul sowie auch einer vollelektronischen Druckregelung und Anpassung. Darüberhinaus können auch entsprechende Verbrauchsmaterialien identifiziert werden und schaffen auf dem weitreichenden Gebiet der Diagnosefähigkeit entsprechende Diagnosedaten, die ein verbessertes Condition Monitoring erlauben. Der Zusatznutzen des Kunden lässt sich auch anhand der hohen Bandbreite an Kommunikationsmöglichkeiten widerspiegeln. Hierunter fallen unter anderem die Unterstützung aller gängigen Feldbusse sowie von Bluetooth und GSM als auch die Voraussetzung für die Möglichkeit einer Fernwartung.

Echtheit durch digitale Typenschilder

Umfassende Diagnose- und Kommunikationsmöglichkeiten bieten dadurch dem Kunden einen Mehrwert, die nur ein Originalhersteller mit Originalteilen bieten kann. Die Gesamtanlageneffektivität (Overall Equipment Effectiveness; kurz OEE) wird wie bereits erwähnt durch den Einsatz von Originalteilen und einer daraus resultierenden optimierteren Instandhaltung erhöht. Die Vorteile, die durch planbare Instandhaltungsszenarien ermöglicht werden, können durch die Sammlung von produktionsnahen Einsatz- und Schädigungsdaten zur Gesamtoptimierung von ganzen Maschinen ergänzt werden, wodurch eine Erhöhung der Verfügbarkeit resultiert.

Durch die Möglichkeiten der Überprüfung der Maschinenkomponenten auf Echtheit strebt die Zusammenarbeit von Partnern der Wertschöpfungskette die Verhinderung der Produktpiraterie an. Außerdem wird der Schutz vor dem Einbau von Plagiaten durch den Schutz durch Authentifizierung der Echtheit von Maschinenkomponenten über ein digitales Typenschild ergänzt.csc

Veranstaltung

Kolloquium »Produkt- und Markenpiraterie – Krebsgeschwür der Globalisierung« am 6. Dezember in Esslingen.

Eine Veranstaltung der Festo AG & Co. KG, der Festo Didactic GmbH & Co. KG, Training and Consulting und des Instituts für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen der TU Darmstadt. Informationen und Anmeldung unter www.festo-tac.de oder unter der Hotline 0800 337 8682.

Erschienen in Ausgabe: 08/2010