»Nur ein Tröpfchen «

Sabine Herold – Mit einem Liter Klebstoff werden 10 Millionen Smart- Labels geklebt. Für Skilift oder Fußballstadion regelt das Etikett mit Chip und Antenne den Eintritt. Kleine Mengen, höchste Qualität und Ideen fürs Kleben – das sind Elemente der Erfolgsformel der Chemieingenieurin Sabine Herold.

20. Juni 2008

Wenn dann noch genaue Marktkenntnis, Durchsetzungskraft und Charme hinzukommen, kann nichts mehr schiefgehen. Dass die Mitinhaberin und Geschäftsführerin von Delo Industrieklebstoffe, einem Anbieter maßgeschneiderter Klebstoffe für Hightechbranchen, in zahlreichen Mittelstandsorganisationen wie BDI oder dem Mittelstandsbeirat des Bundeswirtschaftsministeriums ein gewichtiges Wort mitredet und von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Treffen im Kanzleramt eingeladen wird, hat etwas mit Engagement und analytischem Verstand zu tun. Schließlich kennt sich eine Chemieingenieurin in der Verfahrenstechnik und in der Chemie aus. Für Sabine Herold eine ideale Mischung: »Ich verstehe, welche Klebstoffe unsere Chemiker entwickeln und kenne die Anwendungen sowie die Anforderungen an unsere Klebstoffe.«

Analytische Schlüsse

Zum analytischen Denken von Sabine Herold gehört es, Impulse vom Markt zu erkennen: »Ob ein Chip oder ein Lautsprecher fürs Handy verklebt werden müssen, die Impulse für neue Klebstoffe kommen meist vom Markt - vor allem, wenn neue Materialien im Spiel sind, die heute noch keiner kleben kann.« Geklebt wird fast überall in der Industrie, von kleinsten Teilen bis hin zu Glastrennwänden. Delo fühlt sich in vielen Branchen heimisch: in der Elektronik, in der Mikroelektronik, in der Automobilindustrie, aber auch im Glasdesign, der Optik, der Feinmechanik sowie im Maschinen- und Werkzeugmaschinenbau.

»Wir haben Anwendungen in Windkraftanlagen oder in Werkzeugmaschinen, in denen zum Beispiel Platten, Halterungen und Präzisionsteile verklebt werden. Weitere Beispiele sind der Einsatz von Klebstoffen zur Schraubensicherung und Gehäuseabdichtung, etwa bei Maschinen und Mähdreschern.« Der große Unterschied zwischen den Branchen, für die Delo Klebstoffe entwickelt, beruhigt Sabine Herold: »Wenn eine boomt, verkraften wir die Atempause einer anderen.« Deshalb freut sich die Delo-Chefin besonders über weltweite Erfolge des Maschinenbaus. »Geht ein Marktsegment im Umsatz zurück, lässt sich das meist durch Umsatzsteigerungen in einer anderen Branche einfach kompensieren. Damit streuen wir unser Risiko.«

Mit Klebstoffen lässt sich’s trefflich wachsen.Das zeigt die Mitarbeiterzahl: 1997 waren es 70. Damals hatte Sabine Herold gemeinsam mit Ehemann Dr. Wolf-Dietrich Herold in einem Management-Buy-out Delo Industrieklebstoffe übernommen. 2001 waren es 100 und im Jahr 2008 hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Das Klagen über Ingenieurmangel liegt ihr nicht. Sie schaut lieber voraus, zieht logische Schlüsse aus Marktentwicklungen und sucht sich dann die besten Bewerber aus: »Schließlich spricht der Arbeitsmarkttrend für den Mittelstand. Zumal viele in Großunternehmen schlechte Erfahrungen gemacht haben, kommen Ingenieure mit einigen Jahren Berufserfahrung sowie Studienabgänger gerne zu uns. Unser wichtigstes Kapital sind kluge Köpfe. Sie machen den Erfolg aus, und wir nehmen nur die Besten. Auch wenn wir eigentlich vier Ingenieure wollen, und dann nur zwei qualifizierte bekommen, hindert uns das nicht, weiter zu wachsen.«

Produktion in Deutschland

Mit Wachstum meint Sabine Herold den Standort Deutschland, zu dem sich Delo in den Unternehmensleitlinien bekennt. »Wir können es uns leisten, hier zu fertigen, denn wir stellen Spezialklebstoffe her. Es sind die kleinen Tröpfchen in hoher Stückzahl, die Delo zum Spezialisten für kniffliges Kleben von kleinen Teilen machen.« Im Unterschied zu den großen Massenklebstoffherstellern wie Henkel und 3M ist Delo mit geringen Klebstoffmengen weltweit präsent. »Wir sind in 80 Prozent aller Smart Cards und in jedem zweiten Handy dieser Welt.«

Dabei sind die Mengen so gering, dass Transportkosten auf dem Weg nach Asien oder Amerika kaum ins Gewicht fallen. Dass sich kleine Mengen rechnen, zeigt der Auslandsmarkt. »Er macht heute schon 50 Prozent des Umsatzes aus, und China hat den Löwenanteil, denn viele unserer Kunden entwickeln in Europa, fertigen aber in Asien«, erklärt Sabine Herold. Für Vertrieb und Beratung vor Ort gibt es deshalb auch eine Niederlassung in Shanghai. »Da chinesische Kunden auch Ansprechpartner brauchen, die ihre Sprache sprechen, haben wir auch chinesische Ingenieure eingestellt – allerdings nur solche mit Auslandsabschluss.«

Sabine Herold begründet: »Es ist ein großer Unterschied, was Absolventen chinesischer Hochschulen im Vergleich zu unseren exzellent qualifizierten Ingenieuren in Deutschland können.« Die Angst vor den zahllosen Ingenieuren aus China hält sie daher für übertrieben. Auch ihre Angst vor Patentverletzung und Ideenklau hält sich in Maßen: »Eine Maschine lässt sich nachbauen, in die Klebstofftöpfe schaut keiner hinein und erkennt sofort die passende Formel.«

Ins richtige Licht gerückt

Die Formeln sind bestgehütetes Geheimnis im oberbayerischen Windach – aber längst nicht das einzige. Dort werden die Bestandteile zusammengemischt und die Klebstoffe in all ihren Eigenschaften von A bis Z getestet. »Ein besonderes Merkmal eines Klebstoffs sind die Bedingungen, unter denen er am besten aushärtet« , erklärt die Delo-Chefin. Dazu wird zum Beispiel ganz spezielles Licht bei den UV- bzw. lichthärtenden Klebstoffen benötigt. In den Testlaboren der Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Windach werden auch die entsprechenden Lampensysteme zur Aushärtung der Klebstoffe entwickelt und getestet.

Die LEDTechnik mit einem speziellen Kühlmechanismus ist dabei ein heißes Thema. Ebenso wie das richtige Kleben ein komplexes Spiel zwischen Chemie und Licht ist, gehört für die Delo-Chefin zum erfolgreichen Verkauf von Klebstoffen mehr als nur das Produktions- Know-how. »Wir wollen auch Plug-and Play- Lösungen für den Kunden bieten. Er muss wissen, welcher Klebstoff sich wozu eignet, wie er ihn aufbringt und aushärtet. Auch die Beratung zu Produktionsprozessen ist unsere Stärke«, so Sabine Herold weiter. »Dabei setzen wir auch auf Technologiepartnerschaften – beispielsweise mit Maschinen- und Anlagebauern. Mit unseren Kunden stimmen wir den Klebeprozess in der jeweiligen Anlage ab und beraten sie intensiv.«

Die weltweite Organisation von Vertrieb und Beratung fußt auf der Delo-Philosophie, dort zu sein, wo der Kunde ist. Für die Produktion ermöglicht der Standort Deutschland klare Qualitätsvorteile: »Delo-Klebstoffe kommen weiterhin aus Deutschland. In Asien werde ich niemals produzieren«, bekennt die Firmenchefin. »Bei uns ist die Qualität maßgeblich, denn ein kleines Tröpfchen muss wichtige Komponenten zusammenhalten,« sagt Sabine Herold. Sie ist stolz auf ihre Qualitätsstandards, zumal sowohl Unternehmen als auch Produkte fortwährend mit Preisen ausgezeichnet werden – angefangen vom Bayerischen Qualitätspreis 2008 bis hin zum Rad- Tech Award für Innovation.

Peter Schäfer

Vita

- Sabine Herold studierte Chemie-Ingenieurwesen in Erlangen/Nürnberg. - 1989 Arbeitsbeginn bei Delo Industrieklebstoffe als Anwendungsingenieurin. Später Leiterin Marketing, dann Leiterin Vertrieb und von dort Eintritt in die Geschäftsleitung. - 1997 Management-Buy-out von Delo gemeinsam mit Ehemann Dr. Wolf-Dietrich Herold.

Erschienen in Ausgabe: 04/2008