Ohne Angst ins neue Jahr

Meinung - Angstlust

Angstlust – Es gibt derzeit genug Nachrichten und Geschehnisse, die die Laune verderben oder sogar Angst machen. Aber bitte keine Panik – lieber ein gutes Fachmagazin lesen.

19. Februar 2016

Sind Sie gut ins neue Jahr gekommen? Oder schauen Sie Nachrichten und lesen Zeitung? Was man dort mitbekommt, kann einem nicht nur die Laune verderben, sondern geradezu in Panik versetzen: Wohin man schaut, türmen sich neue, finstere Bedrohungen auf, die schnell unseren Alltag erreichen können. Sommerurlaub – gibts schon Reisewarnungen für das exotische Wunschziel? Vielleicht doch lieber in Europa bleiben, aber besser nicht nach Paris. Zu Hause bleiben könnte jedoch ebenfalls gefährlich werden, denn auch in heimischen Gefilden zählen Terrorattentate längst zum Bereich des Denkbaren.

Wie können wir uns schützen? Muss Deutschland in den Krieg ziehen? Und selbst wenn es bei uns friedlich bleibt: Wie lange bleibt unser Land angesichts der hohen Flüchtlingszahlen noch eines, in dem wir uns wohlfühlen? Ereignisse wie die Silvesternacht in Köln halten viele für Vorboten einer viel schwereren Krise. Sie fragen sich, welche Auswirkungen die massive Zuwanderung auf unsere sozialen Errungenschaften, auf die Wohnungssituation, unsere Sicherheit und die Wirtschaft haben werden. Ach ja, die Wirtschaft: Bis jetzt lief es für uns ja einigermaßen gut, doch nun bahnt sich, wie uns die Zeitungen berichten, der große Crash der chinesischen Börse an, in dessen Strudel auch wir gerissen werden können. Gibts auch gute Nachrichten? Ja, das Benzin ist so günstig wie lange nicht mehr. Aber auch dies natürlich nicht ohne Verwerfungen in der Weltwirtschaft. In Presse, Funk und Fernsehen grassiert die Endzeitstimmung: Können Deutschland und seine Wirtschaft das schaffen? »Ist … noch sicher?«, »Kann man jetzt noch…?« oder »Droht uns jetzt ein/e …?« Solche Fragestellungen suggerieren die nahende Katastrophe.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Viele Probleme sind dringend und bedürfen einer raschen Lösung. Sicher ist aber auch, dass man bei ständiger Angst und dem Kopf voller Sorgen tatsächliche Größenordnungen von Gefahren aus den Augen verlieren kann. Ein nüchterner Blick in die Gefahrenstatistik kann beruhigen. So geht in Deutschland die weitaus größte Gefahr für ein vorzeitiges Ableben von Haushalts- und Verkehrsunfällen aus. Trotzdem verzichtet deshalb praktisch niemand auf Kochen, Putzen und die persönliche Mobilität. Sind wir angesichts der hohen Haushaltsunfallquote wenigstens durchgehend beunruhigt? Nein, und wer es dennoch wäre, dem würde eine Angststörung diagnostiziert werden. Doch auf der anderen Seite nimmt die Angst vor Anschlägen, die bei uns glücklicherweise einen verschwindenden Anteil an der Gefährdungsstatistik aufweisen, bisweilen panische Züge an. Explizit oder implizit wird der nahen Zukunft eine Vervielfachung des Risikos unterstellt.

Würden Ingenieure bei ihrer Arbeit mit einer vergleichbaren Gefahreneinschätzung zu Werke gehen, könnten sie kaum noch etwas konstruieren. Bei jedem Flugzeug, Fahrzeug, jeder Brücke bleibt ein Restrisiko für technisches Versagen. Nach eingehender Analyse definiert man immer einen Punkt, an dem das Restrisiko unter Abwägung der Schwere eventuell eintretbarer Schäden als hinnehmbar bewertet wird. Eine rein subjektive, gefühlsbasierte Gefahrenbewertung wäre dabei ein schlechter Ratgeber. Es gibt den ebenso schönen wie wahren Satz: »Sorgen sind ein Missbrauch der Vorstellungskraft.« Ein Missbrauch, zu dem wir Menschen aufgrund unserer psychologischen, aber nicht logischen Verfasstheit neigen. Zusätzlich werden die Irritationen leider allzu oft von Medien geschürt, die ich in Anlehnung an das derzeit verbreitete Unwort »Lügenpresse« geneigt bin, eher als »Panikpresse« zu bezeichnen. Sie bedient – aus wirtschaftlich nachvollziehbaren Gründen – verstärkt den eigenartigen Trieb der Menschen, den Psychologen als ›Angstlust‹ bezeichnen. Katastrophen steigern nun mal die Auflage.

Wir aber sollten gelegentlich innehalten und uns fragen, inwieweit uns all das kolportierte Unheil aus aller Welt wirklich selbst betrifft, oder ob es sich in unserer Phantasie nicht zu einem überdimensionalen Popanz aufbläht, der uns die Kraft zu sinnvollem, vernünftig vorausschauendem Handeln nimmt. Zum Glück aber gibt es nicht nur solche Medien, sondern auch die Fachpresse. Wer den Eindruck hat, dass ihm all die täglichen schwarzen Nachrichten aufs Gemüt schlagen, dem empfehle ich mehr Abstand von den Tagesnachrichten und stattdessen die Lektüre der :K. Hier kann man immer wieder nachvollziehen, zu welchen Ideen, erstaunlichen Innovationen und Problemlösungen die Menschen fähig sind, wenn sie sich mit klarem Kopf und nüchternen Verstand Herausforderungen widmen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein erfolgreiches und möglichst angstlustfreies 2016.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 01/2016