Panasonic für alle

Wolfgang Tondasch - Alles unter einer Marke, lautet die neue Strategie bei Matsushita. Aus NAiS wird Panasonic. »Panasonic steht mehr noch als NAiS für Kreativität in der Entwicklungsarbeit«, sagt der Geschäftsführer von Matsushita Electric Works in Deutschland. Auf welche Neuerungen müssen sich die Kunden einstellen?

04. Juli 2005

Matsushita Electric Works Deutschland bietet viele unterschiedliche Produkte. Geben Sie einen kurzen Überblick.

Unsere Unternehmensgruppe arbeitet für drei verschiedene Vertriebskanäle: Das sind zum ersten die Komponenten, zu denen Relais, Schalter, Steckverbinder, GPS-Antennen und Lampenlifte zählen. Ein markantes Beispiel für den technischen Anspruch unserer Komponenten sind Lastschalter für den Einsatz in Automobilen. Mit Hilfe dieser ›EVPCs‹ werden Hybridfahrzeuge lautlos auf Batteriebetrieb umgeschalten. Auch in der Hochfrequenz-Technik haben wir Erfahrung. So bieten wir z.B. für UMTS komplette Kanäle mit diversen Relais- Ein- und -Ausgängen inklusive Lichtleitumschalter.

Der zweite große Bereich ist die Fabrik-Automation. Dazu gehören die Bereiche Sensorik mit optischen Sensoren und der Bildbearbeitung sowie die »klassischen« Komponenten der Automation wie Zeitschaltuhren, große Lastschalter und Steuerungen inklusive Antriebstechnik. Den dritten großen Vertriebskanal bezeichnen wir als den Gesundheits- und Wellness-Bereich. Hier fertigen wir Produkte wie Blutdruckmeßgeräte, elektrische Zahnbürsten, Elektrostimulationsgeräte und Massagestühle.

In welcher Liga spielt jetzt eigentlich Panasonic mit?

Neben einer Reihe anderer bekannter Brands ist Panasonic sicherlich die Weltmarke aus dem Konzern Matsushita. Vielleicht ist es an dieser Stelle aber hilfreich, kurz die Strukturen im Konzern Matsushita zu erläutern. Das Unternehmen Matsushita besteht aus zwei Konzernteilen Matsushita Electric Industries und Matsushita Electric Works.

Matsushita Electric Industries mit Hauptsitz in Hamburg ist das, was unter den Marken Panasonic, JVC, Technics hierzulande sehr bekannt ist.

Matsushita Electric Works zu diesem Unternehmensteil gehört unsere Organisation hier in Holzkirchen hat ein ähnliches Produktprogramm, bietet aber keine Unterhaltungsgeräte an. Dafür stellen wir die gesamte Palette der elektrotechnischen Produkte rund um die Gebäudeautomatisierung und die Gebäudetechnik her. Und zwar nicht nur im Investitionsgütersektor, auch im Consumerbereich. Auf dem japanischen Markt umfaßt dieses Spektrum sogar Einbauküchen oder komplette Fertighäuser. Natürlich gab es schon früher Gemeinsamkeiten und Synergien zwischen den beiden Konzernteilen. Hierzulande stand Panasonic bisher nur im Wellness-Bereich mit uns in Verbindung. Der auf dem deutschen Markt sehr populäre Rasierer ›Wet & Dry‹ wurde bereits unter dem Label Panasonic verkauft, aber bei Matsushita Electric Works produziert. Aus dieser Ausnahme wird jetzt eine Regel.

Panasonic statt NAiS? Wie kommt es zu der Neuregelung der Markenbezeichnung?

Schon in der Vergangenheit war Matsushita Electric Industries mit ca. 31 Prozent Großaktionär von Matsushita Electric Works. Zum 1. April 2004 hat MEI den Aktienanteil auf 51 Prozent aufgestockt, und hat damit die absolute Majorität. Eine solche stärkere Bindung hat natürlich Auswirkungen auf die gemeinsame strategische Marschrichtung. Eine der wichtigsten Entscheidungen für Matsushita Electric Works ist hierbei die Installation des Brands ›Panasonic‹.

Gibt es dazu Prognosen oder auch Befürchtungen seitens Matsushita Electric Works?

Für Befürchtungen besteht überhaupt kein Anlaß. Es ist aber mehr als eine Prognose, daß in absehbarer Zeit unser bisheriges Brandzeichen NAiS aus dem Markt genommen wird und die Marke Panasonic durch unsere weltweiten Aktivitäten noch mehr Bekanntheit erlangen wird.

Ein neuer Name führt doch leicht zu Irritationen der Kunden?

Nicht, wenn die Verhältnisse so klar liegen. Wir können bei kommenden Produktinnovationen eindeutig von der weitaus bekannteren Weltmarke Panasonic nur profitieren. Das erfordert natürlich eine konsequente Kommunikationsstrategie, die auf das Premiumimage der Marke Panasonic gerichtet ist. Unser Unternehmen wird auch in Zukunft unter dem Namen Matsushita Electric Works Deutschland GmbH firmieren. Auch das hat im Gesamtkonzern Tradition.

Wie groß ist der Abschiedsschmerz vom gewohnten Label NAiS?

Grundsätzlich steht Matsushita mit allen Brand-Labels für Qualität, Präzision und Zuverlässigkeit. Aber ich muß zugeben, daß wir uns sehr darauf freuen, in Zukunft den starken Namen Panasonic präsentieren und repräsentieren zu können. Panasonic ist in vielen Bereichen bis hin zum Endverbraucher weitaus populärer als unser bisheriges Label. Ein entscheidender Vorteil, den wir nutzen werden.

Der Bruder kauft die Schwester: Matsushita Electric Industries erwirbt Matsushita Electric Works. Wie machen Sie das Ihren Kunden verständlich?

Alles bleibt in der Familie. Der einheitliche Auftritt wird uns insgesamt nur zugute kommen. Wenn ein Konzern wie Matsushita mit einem bekannten Brand weltweit auftritt, dann ist er sicherlich gut aufgestellt und gerüstet für den globalen Wettbewerb mit den großen Konkurrenten. Auf den asiatischen Märkten ist es eine Antwort auf Sony und andere große Unternehmen. Im Automatisierungsbereich stärkt das unsere Wettbewerbsposition gegenüber GE Fanuc, Siemens und anderen namhaften Herstellern.

Im übrigen geht Siemens mit seinem Label ähnlich vor Präsenz auf allen Ebenen: Ob -Küchengerät, Fernseher oder Kraftwerksbau. Global agierende Unternehmen können vom Imagetransfer der Marke profitieren. Um es überspitzt zu sagen: Wenn Consumer-Produkte wie Radio oder PC zu-verlässig funktionieren, dann kann auch das Investitionsgut Steuerung für eine Maschine nicht schlecht sein.

Verkaufen Sie jetzt Radios?

Nein, das überlassen wir doch lieber der Konzernschwester Matsushita Electric Industrial. Wir nutzen nur den hohen Bekanntheitsgrad des Labels Panasonic. Das Nebeneinander mehrerer Brand-Labels auf Produkten aus unserem Hause erforderte bisher einen großen Erklärungsbedarf beim Kunden. Es hilft uns in Deutschland sehr, wenn hier Einheitlichkeit im Auftritt einkehrt. Künftig läuft alles unter einem großen Namen Panasonic.

Gibt es über das einheitliche Label hinaus Synergien zwischen Matsushita Electric Industries und Electric Works?

Synergien wird es sicher geben, aber es ist jetzt noch zu früh, darüber zu spekulieren. In einer Hinsicht ergänzen wir uns bereits heute sehr gut: Wir kaufen von Panasonic Antriebe und bieten sie dann zusammen mit unseren Steuerungen als Komplettlösung an. Diese Zusammenarbeit wird sich sicherlich schnell weiterentwickeln und noch enger werden.

Und dem Kunden alles aus der rechten und der linken Hand von Matsushita bieten?

Auf der einen Seite sind wir mit Relais ein Komponentenanbieter; in der Fabrikautomation haben wir uns allerdings bereits als Komplettanbieter etabliert. Nur mit einer kundengerechten Komplettlösung können wir gegen die großen Wettbewerber auf dem Markt bestehen. Dazu analysieren wir, wie der Kunde z.B. eine Bildverarbeitung einsetzen kann und bieten ihm daraufhin die gesamte Anlage inklusive Steuerungspaket.

Sie kommen von der Bildbearbeitung zur SPS. Ist der umgekehrte Weg nicht der übliche?

Rein theoretisch ist das richtig. Jedoch gibt es im deutschen Steuerungsgeschäft zirka fünf große Anbieter, die sich etwa 85 Prozent des Marktes teilen. Wir verkaufen Lösungen. Es wäre also nicht marktorientiert und schon gar nicht kundengerecht, ausschließlich über den Weg der Steuerungstechnik unsere Bildverarbeitungssysteme zu verkaufen. Wir setzen den Hebel anders an. Wir akzeptieren, daß in vielen Schaltschränken Steuerungen einiger weniger Unternehmen zu finden sind und platzieren eine intelligente Bildverarbeitung an der Schnittstelle zu bestehenden technischen Strukturen. Nicht selten bietet dieser Ansatz aber auch die Möglichkeit, zusätzlich unsere kundenoptimierten Steuerungslösungen im Komplettpaket zu realisieren.

Die Alternative wäre eine Nische für Ihre Steuerungstechnik zu besetzen?

In allen Branchen gibt es wirkliche Nischen nur für kurze Zeit, dann springen andere auf den Zug auf. Wir haben zum Beispiel als erstes Unternehmen die drahtlose Steuerungstechnik auf dem Markt etabliert. Von unserem Entwicklungsteam stammt die SPS mit drahtloser Kommunikation. Heute erhalten Sie diese Technik auch bei allen anderen Herstellern. Allerdings sind wir schon wieder einen Schritt weiter als unsere Konkurrenz: Wir können unseren Kunden den Sanftanlauf für Motorsteuerungen auch auf diesem Wege bieten.

Stammt diese Entwicklung aus Ihrem eigenen Haus?

Wir haben den Sanftanlauf für Motorsteuerungen in Eigenregie hier in Deutschland entwickelt. Unsere Kollegen in den anderen europäischen Ländern haben an dieser Technik partizipiert.

Wo bleibt der Reiz für Sie bei den Drahtlos-Systemen, wenn Sie nur noch einer von vielen Anbietern sind?

Der Reiz liegt in den Applikationen. Als ›Vater‹ des Gedankenguts fällt es Matsushita leichter, die Technik für besondere Anwendungen, wie zum Beispiel für Motorantriebssysteme und Fertigungsanlagen, weiterzuentwickeln. ›Normale‹ Steuerungen sind hier oft überfordert.

Für derartige Applikationen haben wir Spezialsteuerungen entwickelt und sind der Konkurrenz somit wieder eine Nasenlänge voraus. Abgesehen von diesem Entwicklungsvorsprung haben wir als Unternehmen mit flacher Hierarchie das Ohr näher am Kunden und können kurze Entscheidungswege nutzen. Ideen müssen bei uns nicht von zahllosen Gremien abgenickt werden. Sie müssen im Dreigestirn Produktmanager, Vertriebsleiter und Geschäftsführer bestehen, dann kann es losgehen.

Aber japanische Mütter können sehr autoritär sein.

Das Gegenteil ist bei uns der Fall. Wir gehören zwar zum japanischen Konzern, unsere eigentliche Muttergesellschaft ist aber die Euro-Matsushita, direkt hier im Nachbargebäude. Diese Holding und Aktiengesellschaft gehört als Tochtergesellschaft zum japanischen Konzern. Wir sind Teil von Euro-Matsushita und stark erfolgsorientiert aufgestellt. Diese offenen, sehr auf nationale Märkte fokussierten Strukturen gehören zur besonderen Unternehmenskultur unserer japanischen Muttergesellschaft.

Sie gelten als einer der Väter der SPS/IPC/DRIVES. Wie kommt Matsushita Electric Works aus Holzkirchen zu den Messemachern bei der Mesago?

Die Messe im süddeutschen Raum, also quasi ›vor der Haustür‹ war immer eine Idee von mir. Außerdem war eine Veranstaltung, die wirklich die Automatisierung fokussiert, längst überfällig. Das zeigt der Erfolg der SPS/IPC/DRIVES.

Schließlich sichert die elektrische Automatisierung den In

dustriestandort Deutschland. Wird nicht automatisiert, wandern die Unternehmen ab, denn billigere, manuelle Arbeitsplätze gibt es überall auf der Welt. Um eine Automatisierungsmesse zu etablieren, habe ich zunächst Gespräche in München geführt. Da zu diesem Zeitpunkt die Erfolgsaussichten für eine weitere Messe in München eher gering waren, nahm ich Kontakt zu Herrn Rath von der Mesago auf, und der SPS/IPC/DRIVES stand nichts mehr im Wege.

Peter Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 05/2004