Qualität gewinnt

Siegfried & Hartmut Hänchen - Erfahrungen sind dazu da, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Dieses Rezept bewährt sich bei Hänchen nicht nur in der Hydraulik.

11. Oktober 2006

Heute stellt Hänchen Hydraulikzylinder her. Doch wie viele andere Zulieferer, die entstanden, nachdem die Motoren laufen lernten, hat Hänchen Hydraulik seine Wurzeln in der Automobilindustrie. Herbert Hänchen gründete 1925 das ›Spezialwerk für die neuzeitliche Motoreninstandhaltung‹. Dazu gehörte damals echter Pioniergeist. Doch für die Söhne und Enkel des Unternehmensgründers ist die General­überholung von Motoren inzwischen nicht mehr interessant. »Heute wird kein Motor mehr in Stand gesetzt. Wenn er kaputt ist, hat meist auch das Auto ausgedient«, unterstreicht Hartmut Hänchen. Zusammen mit seinem Bruder Siegfried leitet er das Unternehmen. Geblieben ist nach über achtzig Jahren das große Interesse für Metalloberflächen. Auf deren Qualität hatte bereits Herbert Hänchen sein Augenmerk gerichtet: Honen und Feinstbearbeiten gehören seither zu den Spezialitäten des Hauses Hänchen.

Vom Honen zur Hydraulik

Vom Honen führte der Weg direkt zum Zylinder: »Nach dem zweiten Weltkrieg wurden eben Hydraulik-Zylinder gehont«, sagt Siegfried Hänchen. Zunächst waren das Aluminium-Zylinder für Porsche, dann für Baumaschinen und Schiffe. Da Hydraulik genau dort gefragt ist, wo wenig Platz, aber viel Kraft gebraucht wird, brachte das Unternehmen aus Ostfildern Innovationen in Sachen Hydraulikzylinder auf den Markt. »Unsere Stärken liegen heute eindeutig in der Industriehydraulik, also im Maschinenbau und in Prüfständen für die Automobil- und Flugzeug-Industrie. Bestes Beispiel ist der dynamische Langzeit-Test des A380.«

Bei Hänchen zählt weiterhin ›Klasse statt Masse‹. Gefertigt wird zu 100 Prozent in Deutschland, was für die beiden Geschäftsführer auch eine Frage der Qualität ist. »Wir produzieren nicht in großen Stückzahlen. Unsere Stärke sind maßgeschneiderte Problemlösungen für unsere Kunden.«

Der Hydraulik-Spezialist mit 200 Mitarbeitern gehört zu jenen Mittelständlern, die mit Erfindungsgabe und viel Pioniergeist für Bewegung sorgen. »Und Bewegung hat heute immer mehr mit Mechatronik zu tun«, ist sich Siegfried Hänchen sicher. Zumal der Trend in der Hydraulik zu einer möglichst kompakten und optimal regelbaren Mechanik geht. Auch wird die Verbindung zwischen Elektronik und Ventiltechnik immer enger. Entscheidend ist vor allem die Dichtungstechnik, die laufend verbessert wird. Nicht zum Schaden der Hydraulik: »Früher war Hydraulik in vielen Anwendungen verpönt. Das Ölsardinen-Image entspricht nicht mehr dem technischen Stand. Dichtungen und Verschraubungen sind längst keine Schwachpunkte mehr.«

Mechatronik, die bewegt

Elektronik, Mechanik und Hydraulik ergeben zusammen Hydromechatronik. »Für gute hydraulische Lösungen verschmelzen diese drei Welten. Kein Unternehmen kann sich heute nur auf den mechanischen oder den elektronischen Markt beschränken. Mechanik, Elektronik und Softwareentwicklung wachsen hier in einem Prozess zusammen, an dessen Ende der Kunde zum Beispiel einen Linearantrieb bezieht. Wer die einzelnen Disziplinen der Mechatronik kennt, kann auch seine Kunden gut beraten«, sind die Experten aus Ostfildern überzeugt. Wenn jemand beurteilen kann, ob Hydraulik oder Elektronik die bessere Lösung ist, dann doch der Spezialist mit Know-how auf beiden Gebieten. »Wir scheuen den Systemvergleich nicht und können für den Anwendungsfall die optimale Lösung anbieten«, sagt Hartmut Hänchen. Doch trotz eines ergänzenden Angebots mit elektrischen Linearantrieben - die Marke Hänchen steht für Hydraulik. Und hier machen die beiden Brüder Siegfried und Hartmut aus ihrem Herzen keine ›Mördergrube‹: Im Ausstellungsraum des Unternehmens ist der Vergleich greifbar. Der Hydraulikzylinder und die elektrische Lösung sind dort in gleicher Leistungsklasse aufgebaut. Im Größenvergleich zeigt sich die Stärke der Hydraulik: Für gleiche Kräfte muss der Elektrozylinder viel größer dimensioniert werden. Außerdem kann ein elektrischer Leistungsmotor nur durch die Spannung geregelt werden, die Geschwindigkeit und Kraft gleichzeitig beeinflusst. Im Hydraulik-Zylinder wird dagegen die Geschwindigkeit durch den Fluiddurchfluss und die Kraft durch den anliegenden Druck geregelt. Und es wird auch kein Zylinder im luftleeren Raum installiert. »Unsere Stärke ist, dass wir uns über das Umfeld des Zylinders Gedanken machen«, so Hartmut Hänchen. Das Engagement beginnt bei Kleinigkeiten wie einem Entlüftungsset oder einem speziellen Hakenschlüssel zur Installation eines Zylinders. Zum Baukasten gehören eben nicht nur die Umsatzträger. Wer zum Beispiel die Befestigungsschrauben für die Lagerböcke mitliefert, macht sich Gedanken, wie er dem Kunden die Arbeit erleichtern kann. »Es ist wichtig, weiter zu denken als andere Anbieter «, sagt Siegfried Hänchen. Im elektronischen Katalog sieht der Kunde die gesamte Stückliste, die er für seine Installation braucht. »Wir wollen hundertprozentigen Service bieten und dazu gehört es, dass keine Schraube reißt, wenn ein Hänchen-Zylinder montiert wird.« Qualität muss in einem System bis zur kleinsten Schraube in der Peripherie eines Zylinders reichen. Verantwortung heißt auch, auf Kleinigkeiten zu achten: Ob die technischen Eigenschaften eines Zylinders richtig zum Tragen kommen, hängt zuweilen mit an kleinen Dingen wie einer Schraube. Ob der Kunde gerade diese Schraube findet, ist nicht sicher: »Wir verlassen uns nicht darauf, dass jeder diese hat«, betont Siegfried Hänchen.

Begeisterte Konstrukteure

Was bei einer Lieferung von Hänchen auch nicht fehlen darf, ist die Wartungsanleitung. Denn Zylinder werden nicht zuletzt durch die mechatronische Integration von Elektronik und Software komplizierter. Wer ein Elektronikbauteil anschließen möchte, sollte die Steckerbelegung kennen − hier leistet die Hänchen-Anleitung wertvolle Dienste: So wird etwa in einem Testzylinder die Kolbenstange auf einem Ölpolster geführt. Deshalb muss auch die Zuführung angeschlossen werden. Das hört sich einfach an, hat aber manchmal seine Tücken. Deshalb hängt auch hier die Wartungsanleitung für den Monteur am Lieferschein.

Bei Hänchen hat die Arbeit mit dem 3D-CAD den Alltag der Konstrukteure revolutioniert. Revolutionen verlaufen aber selten problemlos. Früher hat der Konstrukteur die Außenumrisse eines Zylinders entworfen und diese an den Detailkonstrukteur weitergegeben. Der musste sich dann anhand dieser Außenkontur zum Beispiel mit Dichtungsräumen und Führungsflächen herumplagen. »Kundenspezifischen Varianten waren eine Qual«. Durch die Arbeit mit 3D muss der Konstrukteur jetzt eng mit den Fertigungsleuten zusammenarbeiten. Dabei stellte sich mehr als einmal heraus, dass NC-Programme anders aufgebaut waren als die Zeichnungen. Sie enthielten Änderungen, die in der Zeichnung später nie nachvollzogen wurden. Aus dieser Erfahrung hat Hänchen gelernt. Heute definieren innerbetriebliche Normen zum Beispiel die Dichtungsräume eines Zylinders. »Fertigungs-Know-how und Konstruktion gehören eng zusammen«, versichert Matthias Hänchen. »Ohne dieses gemeinsame Fundament können wir unsere Produkte nicht weiterentwickeln und auch keine Ersatzteile liefern.« Der Neffe von Siegfried und Hartmut Hänchen weiß, wovon er redet, denn er ist Fertigungsleiter: Wer heute für einen 40 Jahre alten Zylinder Ersatzteile wie zum Beispiel Dichtungen oder eine Kolbenstange braucht, bekommt sie von Hänchen. »Wir haben alle unsere Konstruktions- und Fertigungszeichnungen gescannt«, so Hartmut Hänchen. »Das zeigt an einem Beispiel, dass unsere Kunden auch langfristig mit uns rechnen können!«

Peter Schäfer

Zur Person

- Siegfried Hänchen (geb. 1933) studierte nach einer Lehre in der Metallverarbeitung Maschinenbau. 1969 wurde der Diplom-Ingenieur Geschäftsführer.

- »Beharrlichkeit bei der Suche nach technischen Lösungen war und ist oft der Schlüssel zur Entwicklung neuer Lösungen in der Fluid-Technik, die bis dahin als nicht machbar oder zu teuer galten«, ist Siegfried Hänchen überzeugt.

- Weit über das Unternehmen hinaus wirkte er auch im Vorstand der Fachgruppe Fluid-Technik des VDMA. Diese Aufgabe hat inzwischen sein Bruder Hartmut übernommen.

- Hartmut Hänchen (geb. 1943) absolvierte nach einer Lehre als Mechaniker die Techniker- und danach die Wirtschafts-Fachschule. Es folgte das Studium zum Diplom-Betriebswirt.

- Er ist heute als Geschäftsführer für Marketing, Kaufmännisches und Organisation verantwortlich.

- Er engagiert sich vor allem für Innovationen im Unternehmen, wie etwa für das Hänchen Baukasten-System, das im elektronischen Katalog und in einer modularen CAD-Konstruktion seine praktische Anwendung findet.

Erschienen in Ausgabe: 07/2006