Rezept gegen Stillstand

Technik Konstruktionsmanagement

Dienstleistung – An einer neuen Verpackungsmaschine von Nestlé Wagner verhinderten Stillstände an neuralgischen Punkten der Fertigungskette die volle Leistung und verlangten nach einer Optimierung des Instandhaltungskonzepts. Ein Mix aus unterschiedlichen Maßnahmen sorgt jetzt für mehr Zuverlässigkeit.

17. August 2016

Jeder deutsche Haushalt lässt sich pro Jahr rund 5,4 Kilogramm Tiefkühlpizza schmecken. Etwa ein Drittel davon stammt aus dem Werk von Nestlé Wagner im saarländischen Nonnweiler. Hier befindet sich das Erbe des Tiefkühl-Pioniers Ernst Wagner (1929 1999), der 1973 die erste Tiefkühlpizza in Deutschland herstellte. Um den enormen Heißhunger auf Wagners Backwerke zu stillen, sind inzwischen auch automatisierte Produktionsanlagen im Einsatz.

Im Werk Nonnweiler stellt Wagner jedes Jahr rund 350 Millionen Tiefkühlprodukte her. Rein rechnerisch bedeutet das bei sechs Arbeitstagen die Woche, dass dort pro Minute knapp 700 Pizzen produziert werden. Wo der Namensgeber anfangs noch mit eigenentwickelten Steinöfen arbeitete, befinden sich heute Produktionslinien von mehr als 100 Metern Länge. Die reichen von der Teigverarbeitung übers Backen und Belegen bis hin zum Frosten und Verpacken der Pizzen. Der langjährigen Bäckertradition hilft nunmehr modernste Automatisierungstechnik auf die Sprünge.

Um den Verpackungsvorgang zu beschleunigen, hatte Nestlé Wagner 2012 eine neue Maschine installiert. Das System arbeitete aber nach seiner Inbetriebnahme noch nicht mit voller Leistung. Vereinzelte unvorhergesehene Stillstände an neuralgischen Punkt der Fertigungskette verlangten nach einer Optimierung des Instandhaltungskonzepts. »Wir können unsere Produkte problemlos und in bester Qualität bis zu 20 Minuten zwischenspeichern«, erläutert Martin Kranich, bei Nestlé Deutschland zuständig für die Instandhaltung. »Steht die Teil-Anlage aber länger, steht die gesamte Produktion. Dies wollten wir beseitigen.«

Auf einer internationalen Nestlé-Konferenz erfuhr der Instandhaltungsexperte von den SKF-Dienstleistungen zur Minimierung des Ausfallrisikos und der Effizienzsteigerung von bestehenden Anlagen. Kranich erinnert sich, »Als die Frage aufkam, wer sich für ein entsprechendes Pilotprojekt zur Verfügung stellen möchte, habe ich zugestimmt.«

Das Risiko bewerten

Um die Maschine gleichsam präventiv im optimalen Betriebszustand halten zu können, führte SKF zunächst eine Kritikalitätsanalyse durch. Was so holprig klingt, sorgt unter dem Strich für eine reibungslosere Produktion: »Im Prinzip handelt es sich dabei um eine detaillierte Risikobewertung pro Anlagen-Komponente«, erklärt der Instandhaltungsstrategie-Berater Benjamin Pfannes von SKF. »Anders ausgedrückt: Wir durchleuchten jede Art von Anlage so, dass ihre ganz spezifischen Risiko-Potenziale zutage treten.« Die identifizierten Gefahrenstellen werden anschließend je nach Folgenschwere eines möglichen Fehlers bewertet. Daraus lassen sich dann konkrete Gegenmaßnahmen für jede einzelne potenzielle Störquelle ableiten. So wurde die Kritikalitätsanalyse fester Bestandteil der Anlagen-Effizienz-Optimierung.

Ein solcher Optimierungsprozess basiert zwar auf einer standardisierten Methodik, wird aber immer an die individuellen Kundenbedürfnisse angepasst. So wurden im Falle der Nonnweiler Tiefkühlexperten unter anderem spezifische Besonderheiten in Sachen Bau und Anlagenteile berücksichtigt und diese hinsichtlich ihrer eventuellen Ausfallwahrscheinlichkeit bewertet. »Die Kritikalitätsanalyse zeigte ganz deutlich, wo ein Ausfallpotenzial besteht und welche Bereiche eher unkritisch sind«, sagt Martin Kranich. Dazu wird eine Unmenge an Möglichkeiten für Ausfälle in Betracht gezogen – angefangen von einer Mangelschmierung über optimierbare Materialien und Lagerdimensionen oder auch Ausrichtungsfehler oder Schiefstellungen bis hin zu elektrischen Verbindungen und eventuellen Kurzschlüssen.

Maßnahmen getroffen

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse sowie der Risikobeurteilung wurden schließlich entsprechende Instandhaltungsmaßnahmen erarbeitet und definiert. »Für den Erfolg einer neuen Instandhaltungsstrategie ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv einbringen«, betont Michael Nöth vom Beratungsteam bei SKF. »Die hohe Detail-Genauigkeit hat mir imponiert«, lobt Martin Kranich.

Insgesamt 33 Projekttage investierten Nestlé Wagner und SKF, um den idealen Mix aus unterschiedlichen Instandhaltungsmaßnahmen für die größtmögliche Zuverlässigkeit zusammenzustellen. Den neuen Instandhaltungsplan integrierte man in das SAP-System, um dort zu hinterlegen, was täglich, wöchentlich oder in entsprechend festgelegten Zeitintervallen zu tun ist.

Gewinn mit vielen Facetten

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: »Unser technischer Leiter bestätigt, dass die Anlage eine spürbar bessere Performance an den Tag legt«, berichtet Martin Kranich. »Mich freut aber nicht nur die technische Effizienzsteigerung, sondern auch eine bemerkenswerte Veränderung auf Seiten unserer Instandhaltungsmitarbeiter: Durch die intensive Zusammenarbeit mit SKF verstehen sie besser, wie die Anlage funktioniert. Weil sie den Instandhaltungsansatz mit eigenen Ideen anreichern konnten, ist der Erfolg der vorbeugenden Maßnahmen nicht zuletzt ihr eigener. Das brachte einen Motivationsschub mit sich.«

Dadurch stellt das »Rezept« einen Gewinn mit vielen verschiedenen Facetten dar. Nestlé Wagner profitiert von einer optimierten und organisierten Instandhaltung durch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für eine bessere Anlagenperformance sorgen – und die Kunden von den leckeren Pizzen.

Auf einen Blick

SKF ist ein weltweit führender Anbieter von Wälzlagern, Dichtungen, Schmiersystemen und Mechatronik-Bauteilen mit umfassenden Dienstleistungen in den Bereichen Technischer Support, Wartung und Instandhaltung sowie Engineering-Beratung und Training. Der Umsatz der Unternehmensgruppe betrug im Jahr 2015 rund 76 Milliarden schwedische Kronen. Die Anzahl der Mitarbeiter lag bei 46.635. Weltweit ist SKF in mehr als 130 Ländern präsent.

Erschienen in Ausgabe: 06/2016