Sicherheit mit Brief & Siegel

Schutzeinrichtungen - Aktuelle Untersuchungen ergaben, dass mehr als 50 Prozent aller Sicherheitssysteme nicht korrekt integriert sind. Abhilfe könnten Schulungen von Herstellern, Betreibern sowie Serviceangebote und Sicherheitsinspektionen schaffen.

09. Oktober 2006

Sowohl das Arbeitssicherheitsgesetz als auch die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) verlangen, dass ein Unternehmer feststellt bzw. feststellen lässt, ob die im Betrieb eingesetzten Arbeitsmittel sicherheitstechnisch in Ordnung sind. Dies betrifft nicht nur die eigentlichen Schutzsysteme, sondern auch deren Anbringung und Einbindung in überlagerte Steuerungsebenen. Hier jedoch sind immer wieder nicht korrekt integrierte Sicherheitssysteme anzutreffen. Dies belegt eine Inspektionsstichprobe, deren Schwerpunkt kraftbetriebene Arbeitsmittel mit 44 % und hydraulische Pressen mit 39 % bilden.

Die von Sick Sicherheitstechnik durchgeführten Inspektionen an über 10.000 Maschinen bilden die Grundgesamtheit der Stichprobe. Die Maschinen waren mit unterschiedlichen Schutzeinrichtungen unterschiedlicher Hersteller ausgerüstet.

Erschreckendes Ergebnis

Im Ergebnis konnte bei nur 47 % das Prüfsiegel ohne Auflagen erteilt werden, d.?h. nicht einmal jede zweite Maschine erfüllte die Anforderungen an die Maschinenrichtlinie, waren somit nicht CE-konform. 35 % der Maschinen erhielten das Prüfsiegel unter Auflagen, 18 % der inspizierten Sicherheitseinrichtungen wurde das Prüfsiegel sogar verweigert. Fazit: über die Hälfte der Sicherheitslösungen waren zum Inspektionszeitpunkt nicht sicher. Bei kraftbetriebenen Arbeitsmitteln waren die drei häufigsten Gründe für verweigerte Prüfsiegel: Die fehlerhafte Einbindung der Sicherheitssensorik in die Maschinensteuerung (28%), die Schutzeinrichtung wirkt nicht auf alle gefahrbringenden Bewegungen (26 %) und die Gefahrstelle kann trotz Absicherung durch Um-, Unter- oder Übergreifen erreicht werden (23 %). Bei den Hydraulikpressen waren vor allem die fehlerhafte Einbindung in die Steuerung (26 %) und die Erreichbarkeit der Gefahrstelle durch Um-, Unter-, Über- oder Hintergreifen (35 %), die wesentlichsten Gründe für das verweigerte Siegel.

Gründe für die sicherheitstechnisch erschreckenden Ergebnisse gibt es einige. Zu den wichtigsten gehört die zunehmende Komplexität von Maschinen und Anlagen und damit der vorhandenen Gefahrstellen, die oft weder vom Bediener noch vom Sicherheitsverantwortlichen einfach überschaut werden können. Außerdem entwickelt sich die Sicherheitstechnik durch Technologie- und Normenwandel ständig weiter, was neben regelmäßigen Updates der Kenntnisse auch entsprechende Personalressourcen erforderlich macht. Die wohl schwerwiegendste Ursache jedoch bildet das Manipulieren von Maschinen und ihren Schutzsystemen - oftmals durch die Bediener selbst. Belegt wird dies durch die im Jahr 2005 ver­öffentlichte Studie ›Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen‹ des Berufsgenossenschaftlichen Instituts für Arbeitsschutz (BGIA). Diese geben aus eigener Erfahrung u.?a. an, dass fast 37 % aller Schutzeinrichtungen ständig oder vorübergehend manipuliert sind. In den am häufigsten genannten Fällen betrifft die Manipulation das Beseitigen von Störungen an der Maschine sowie im Arbeitsablauf, das Einrichten bzw. Einstellen, das Umbauen und Umrüsten sowie die Reinigung und Wartung. Die Gründe der Mitarbeiter für diesen Verstoß: Zeitgewinn und schnelleres oder einfach bequemeres Arbeiten. Aber auch Gefahrenunkenntnis. In fast 10 % der Fälle wird eine Manipulation sogar als ›notwendig für den Arbeitsprozess‹ beschrieben. Und manipuliert ist schnell: der BGIA-Studie zufolge dauert die Veränderung im Durchschnitt weniger als 12 Minuten - dafür spart der Bediener aber z.?B. bei einer Störungsbeseitigung im Durchschnitt fast 60 % des Zeitaufwands. In drei von vier Fällen muss für die Manipulation auch kein großer technischer Aufwand betrieben werden. Dies kann, nicht unbedingt für den Verursacher, schlimme Folgen haben. Wenn nämlich bei Schichtwechsel ein anderer Kollege die Maschine bedient und sich in Unkenntnis der Manipulation auf die Sicherheit der Maschine verlässt. Schließlich macht die BGIA-Studie noch etwas deutlich: mechanische Schutzeinrichtungen, z.?B. Verkleidungen, Umzäunungen, Abschirmungen in Verbindung mit Positionsschaltern oder Schaltmatten, werden wesentlich häufiger manipuliert als berührungslos wirkende Systeme auf Basis von Licht, Laser, Wärme, Ultraschall oder Transpondertechnik.

Technologiewandel, Rechts- und Normenunsicherheit, die Sensibilisierung für immer neue, bislang undenkbare Manipulationen und Unkenntnis der mit der Manipulation verbundenen Gesundheitsgefahren und Haftungsrisiken haben Sick nun veranlasst, neben Sicherheitsprodukten und Systemlösungen eine breite Palette an Schulungen, Sicherheitsinspektionen und Serviceoptionen zu konzipieren. Konstrukteur, Projektleiter, Geschäftsführer oder Betreiber - Sicherheitstechnik geht alle an, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Ob Handschutz oder Haftung - dem stetig zunehmenden Interesse und den spezifischen Informationsbedürfnissen werden sicherheitstechnische Anwenderschulungen und Fachseminare für unterschiedliche Zielgruppen gerecht. Das Spektrum reicht von den Grundlagen der Maschinensicherheit über die CE-Kennzeichnung im Maschinen- und Anlagenbau sowie die Betriebssicherheitsverordnung in der täglichen Praxis. Weitere Referenten sind u.?a. Experten vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, der Berufsgenossenschaft Feinmechanik und Elektrotechnik oder der ADCO (Administrativ Coorporation) der EU-Marktaufsichtsgruppe Maschinen. Durch die zielgruppenspezifische Ausrichtung der Veranstaltungen werden die Teilnehmer für das Thema sensibilisiert und ihnen so ein ihren Fragen und Bedürfnissen entsprechender Zugang zur komplexen Materie ermöglicht.

Trend zur externen Sicherheit

Sicherheitstechnische Anlagen müssen von den Betreibern auf der Basis europaweit geltender Vorschriften regelmäßig daraufhin geprüft werden, ob die Schutzeinrichtungen der betriebenen Anlagen optimalen Unfallschutz bieten. Will man eine Maschine oder Anlage also dauerhaft sicher betreiben, kommt es auf einen ebenso regelmäßigen Wissens-Update hinsichtlich Produkt-Know-how, Applikationskenntnis und Vorschriftenentwicklung an. Nur so kann ein Betreiber seiner sicherheitstechnischen Verantwortung gerecht werden und dabei gleichzeitig sein Qualitäts- und Sicherheitsmanagement sinnvoll unterstützen. Da dies im eigenen Betrieb jedoch häufig ohnehin schon knappe Ressourcen bindet, ist ein klarer Trend zur Inanspruchnahme externer Sicherheitsdienstleistungen festzustellen. Hier bietet Sick die von der Deutschen Akkreditierungsstelle für Technik e .V. (DATech) akkreditierte Sicherheitsinspektionen nach EN 17020, Typ C an. Und zwar in den Bereichen der berührungslos wirkenden Schutzeinrichtungen wie Lichtgitter, Lichtschranken, Lichtvorhänge oder Laserscanner. Überprüft werden dabei auch die direkt mit diesen Schutzeinrichtungen

verbundenen Schutzmaßnahmen, z.?B. Not-Aus, Zwei-Hand-Schaltungen, Zustimmschalter oder Schutztüren. Ob Erstinbetriebnahme, regelmäßige Überprüfung oder Nachlaufmessung − das Sick-Prüfsiegel bestätigt die erfolgreiche akkreditierte Inspektion der Schutzeinrichtungen. Die mit anerkannten Prüfmethoden und objektiven Prüfberichten inspizierten Schutzeinrichtungen gewährleisten einen hohen Sicherheitsstandard. Mit eine Reihe von Vorteilen für den Kunde bzw. Anwender: CE-konforme Sicherheitstechnik an der Maschine, Entlastung im Bereich

Arbeitssicherheit, nachvollziehbare, dokumentierte Ergebnisse für das eigene Qualitätsmanagement, eine höhere Anlagenverfügbarkeit durch frühzeitiges Erkennen von Sicherheitsrisiken und die Reduzierung des Haftungsrisikos, sichtbar durch das erteilte Prüfsiegel.

Das permanente Bemühen, durch eine möglichst hohe Verfügbarkeit einer Anlage deren total Cost of ownership zu minimieren, schlägt sich auch in einer wachsenden Nachfrage nach Serviceangeboten nieder. Dies beginnt bereits zu Beginn des Lebenszyklus einer Maschine in Form einer sicherheitstechnischen Projektunterstützung, denn geplante Sicherheit stellt eine richtige Geräteauswahl sowie eine sach- und fachgerechte Einbindung in ein Maschinenkonzept sicher. Das Servicepaket ›Installation und Inbetriebnahme‹ umfasst Endmontage, Justierung, Programmierung und Prüfung der installierten Sicherheitstechnik sowie eine gezielte Einweisung des Personals. Während des Maschinen- bzw. Anlagenbetriebs gewährleisten Serviceverträge über regelmäßig durchzuführende Sicherheitsinspektionen, zum Beispiel während geplanter Maschinenstillstandszeiten, einen guten Schutz gegen unvorhersehbare Störungen. Darüber hinaus fordert die EU-Richtlinie für die Benutzung von Arbeitsmitteln eine regelmäßige Überprüfung der Schutzeinrichtungen. Ob Schulungen, akkreditierte Sicherheitsinspektionen und spezialisierte Serviceangebote - Dienstleistung mit Qualität ist gerade in der Sicherheitstechnik dem Do it vourself vorzuziehen, will man Sicherheit gewährleisten, Kosten kontrollieren und Haftungsrisiken minmieren. Allerdings gibt es weltweit nur wenige Unternehmen, die über ein umfassendes Angebot rund um die Sicherheitstechnik, über akkreditierte Dienstleistungen und das hierfür erforderliche, sachkundige Personal verfügen.

Gerhard Dieterle/ Simon Köpfer, Sick AG

FAKTEN

Sicherheitsinspektionen EN 17020, Typ C:

- Wirkung der Schutzeinrichtung.

- Die Kategorie der Schutzeinrichtung hinsichtlich der Gefahren.

- Einbindung der Schutzeinrichtung bis zur Signalübergabe.

- Umgehungsmöglichkeiten der Schutzeinrichtung.

Erschienen in Ausgabe: 07/2006