Souverän in See stechen

:K Spezial

Touchscreen-Terminal Auf den Bodenseeschiffen macht ein Touchscreen-Terminal Schule und sorgt für eine komfortablere Schiffssteuerung durch den Kapitän an Bord und die Zentrale an Land.

26. Februar 2009

Wenn Stefan Grieble, Schiffsführer auf der MS München, sein 57 Meter langes und zwölf Meter breites Schiff aus dem Konstanzer Hafen steuert, kann er inzwischen auf eine komfortable technische Unterstützung zurückgreifen. Im letzten Jahr modernisierten die Bodensee-Schifffahrts-Betriebe ihre Flotte und damit auch das Fahrgastschiff MS München. Dazu installierten sie auch ein Touchscreen-Terminal von Pro-face, einem Konzernunternehmen von Schneider Electric. Wo früher viele verschiedene Lampen die unterschiedlichsten Meldungen anzeigten, stellt das völlig neue System heute alle Alarm- und Betriebsmeldungen übersichtlich dar: Sicherheitsmeldungen von Türen und Schotten, Pumpen, Leckmeldungen, Brennstofftank, Bilgenüberwachung und Temperaturmeldungen kann Schiffsführer Grieble nun auf einen Blick erkennen.

Mehr Übersicht für den Käpt´n

So entstand auf der Brücke der MS München ein Leitstand, der für den Schiffsführer die Überwachung wesentlich vereinfacht. Dabei ist das Terminal mit einem Gewicht von 1,2 Kilogramm, einer Breite von 171 Millimetern, einer Höhe von 138 Millimetern und einer Tiefe von 60 Millimetern recht kompakt. Die Arbeitstemperatur reicht von 0 bis 50 Grad Celsius, der Spannungsbereich von 19,2 bis 28,8 Volt Gleichstrom. Durch eine Vielzahl von Schnittstellen ist die Ankopplung an unterschiedliche Steuerungssysteme wie zum Beispiel SPSen sowie Leitrechnern möglich.

Viele Vorteile

Das intelligente Terminal erfüllt viele verschiedene Anforderungen der Schiffsführer, der Servicecrew, der Wartungstechniker und der Administration: Neben der Visualisierung der Daten aus dem Schiffsbauch ermöglicht es auch die Verwaltung der Alarm- und Betriebsmeldungen. Über 100 Masken geben dem Schiffsführer dazu den optimalen Überblick. In einem elektronischen Kursbuch werden alle Informationen eingetragen, die früher in einem klassischen Buch erfasst und manuell ausgewertet werden mussten. Diverse Betriebsstundenzähler erfassen die Laufzeiten unterschiedlicher Aggregate. Beispielsweise können die Bodensee-Schifffahrts-Betriebe über die Energiezähler den elektrischen Verbrauch vereinfacht abrechnen, wenn sie das Schiff für Tagesveranstaltungen vermietet hatten. Die Vielzahl der erfassten Daten ermöglicht die rechtzeitige Planung von Service-, Wartungs- und Reparaturarbeiten. Über 100 Masken geben dem Schiffsführer dazu den optimalen Überblick. Ein Telefonbuch mit wichtigen Rufnummern, die auf Knopfdruck abrufbar sind, ist ebenfalls eingerichtet. Und nicht zuletzt der automatische Ablauf des Schiffsgrußes: sequenzielle akustische Signale bei Tag und optische Signale bei Nacht, mit der sich die Schiffe begrüßen, wenn sie sich auf dem See begegnen. An der Umsetzung des Projektes war die Alexander Bürkle GmbH & Co. KG aus Freiburg im Breisgau, die das Touchscreen-Terminal GP2300 von Pro-face als Elektro-Großhändlerin erworben hatte, beteiligt. Bernd Walter, Produktspezialist für Automatisierungstechnik bei Bürkle hat sich darum gekümmert, dass das Terminal nach den spezifischen Kundenwünschen der Bodensee-Schifffahrts-Betriebe parametriert wurde.

Umgesetzte Erfahrung

Dabei wurde er von Schiffsführer Grieble, der im Winter als Elektrokonstrukteur der Bodensee-Schifffahrts-Betriebe arbeitet und als Schiffsführer genau weiß, welche Funktionen er benötigt, um die MS München sicher zu steuern, unterstützt. Die Erfahrung für die Umrüstung sammelte Grieble erstmals auf der MS Karlsruhe, wo er bereits 2006 ein solches Terminal installierte. »Wir waren nach kurzer Einweisung in der Lage, Menüs selbst zu generieren und zu erweitern«, erklärt uns Elektrokonstrukteur und Schiffsführer Stefan Grieble. »So konnten wir unsere Anforderungen aus dem täglichen Betrieb praxisgerecht und zielstrebig umsetzen.« Dabei half ihnen das von Pro-face entwickelte Softwarepaket GP-Pro/BPIII, das auf jedem IBM-kompatiblen Computer unter Windows 95/98/NT/2000/XP läuft. Mit dem Editor erstellten sie die Bilder für die Bedienoberfläche.

Dazu standen Grieble und Walter mehr als 1.800 vordefinierte Objekte wie zum Beispiel Schalter, Lampen, Balkengrafiken, Trendgrafiken sowie Zeiger- und Messinstrumente zur Verfügung. Wo früher aufwendige und teure Verdrahtungsarbeiten für die einzelnen Sensoren erforderlich waren, regten die Ingenieure von Alexander Bürkle die Installation eines praxisbewährten Feldbussystems an. Über den industriellen Feldbus Modbus RTU kommuniziert ein Feldbusmaster mit dem übergeordneten intelligenten Terminal GP2300 von Pro-face, das im Leitstand des Schiffes installiert ist.

Der Schaltschrank selbst befindet sich im Schiffsbauch, direkt neben den Motor- und Technikräumen. Das Terminal erfüllt darüber hinaus die Funktion eines Gateways zu übergeordneten Netzwerken. Der Datenaustausch läuft über die von Pro-face entwickelte Zweiwege-Kommunikation in Echtzeit. Mit der Kommunikationsmethode werden die im Touchpanel gesammelten Betriebsdaten per Ethernet an einen Leit-PC weitergeleitet. Das auf dem PC installierte Softwarepaket Pro-Server/Pro-Studio enthält leistungsfähige Tools zur weiteren Verarbeitung der Daten in SQL-Datenbanken beziehungsweise durch Microsoft-Anwendungen wie Excel oder Access. Der Vorteil: Die Zentrale kann eingreifen und beispielsweise eine defekte Pumpe abschalten, falls Schiffsführer Grieble in dem Moment mit anderen Aufgaben beschäftigt ist.

Vorbildfunktion für andere

In einer Testinstallation wird zurzeit die automatische Übergabe relevanter Daten an ein GSM-Handy-Modem getestet. Beim Einlauf des Schiffes in den Hafen werden die Daten automatisch an die Leitrechner der Werft und der Verwaltung übertragen wo sie gespeichert und ausgewertet werden. Das System hat inzwischen Schule gemacht: Auch die Bodanwerft, in der die meisten Bodenseeschiffe gebaut wurden, hat beim Neubau der MS Lindau diese Lösung verwirklicht und plant für die Zukunft weitere

Nachrüstungen.

Erika Kolb/aru

Fakten

- Das Unternehmen Pro-face ist ein Konzernunternehmen von Schneider Electric und bietet Komplettlösungen im Bereich der Mensch-Maschine-Kommunikation. Mit Außenbüros, Zweigstellen und Entwicklungszentren ist Pro-face weltweit vertreten.

- Pro-face steht für Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von programmierbaren Touchpaneln der GP-Serie und Industrie-PCs der PL-Serie.

Erschienen in Ausgabe: 01/2009