Spezialist fürdas Besondere

Porträt

Johannes Oswald – Seit über 100 Jahren ist das Stammhaus der Oswald Elektromotoren GmbH in Miltenberg am Main. Der heute in vierter Generation geführte Traditionsbetrieb fertigt wasser- und luftgekühlte Elektromotoren von 1 bis 1000 Kilowatt, genau nach Kundenwunsch.

15. Oktober 2010

Irgendwann fängt jeder mal klein an. Als Karl Oswald den ersten selbst gebauten Elektromotor fertiggestellt hatte, gab er ihm eine mehrstellige Seriennummer. Der Schlossermeister wollte nicht, dass der Kunde herausfindet: Der von ihm bestellte Motor ist ein Erstlingswerk.

Heute leitet Dipl.-Ing. Johannes Oswald die Geschicke der Oswald Elektromotoren GmbH. Der Urenkel des Firmengründers Karl Oswald hat nachgeforscht, zu welchen Zwecken sein Urgroßvater die ersten Elektromotoren gebaut hat. »Es handelte sich um Lüftermotoren, die zum Beispiel bei der Kirchenorgel unserer Stadt Miltenberg die Arbeit des Kalkanten ersetzten.« Früher hat der Kalkant mit einem Blasebalg die Luftversorgung des Instruments sichergestellt. Rückblickend stellt Johannes Oswald fest: »Die Bälgetreter waren mit die ersten, deren Arbeitsplatz durch elektrische Automatisierung ersetzt worden ist – im Dienste des allgemein wachsenden Wohlstands.«

ELEKTROMOTOREN VOM SCHLOSSER

Gegründet wurde Oswald Elektromotoren anno 1909 als Firma Karl Oswald & Sohn. Von Anbeginn an war der Stammsitz des Unternehmens Miltenberg am Main. Mit Gebläsen und Antrieben wurde in den ersten Jahren vor allem die umliegende Landwirtschaft bedient. Unter Eugen Oswald kamen Hersteller von Werkzeugmaschinen, Hebezeugen und Kunden aus der Textilmaschinenindustrie hinzu. Schon 1955 wurde das erste dieselelektrische Hybridfahrzeug, ein Lastenkran mit Oswald Antrieben, gebaut. Bernhard Oswald brachte die Magnetfeldtechnik und die Forschung im Bereich der Supraleitung ein. Vielfältige Kooperationen mit Hochschulen und Forschungsinstituten wurden etabliert. Unter seiner Leitung kamen zu den Gleichstrommotoren frequenzgeregelte ASM-Maschinen zum Beispiele für Druck- und Werkzeugmaschinen hinzu. Und noch heute ist der Senior Bernhard Oswald maßgeblich an der Entwicklung supraleitender Maschinen beteiligt.

GEREGELTE ENERGIEEFFIZIENZ

Von den ersten Produkten des Hauses spannt Johannes Oswald den Bogen in die Gegenwart. »Unsere Mitarbeiter sind gut ausgebildet und engagiert. Sie arbeiten mit modernsten Computern und leistungsstarker Software, mit 3D-CAD-Systemen und FEM-Programmen. Neben einer modernen Produktion unterhalten wir ein hochspezialisiertes Prüffeld mit modernsten Mess- und Prüfeinrichtungen. Wir leisten uns einen großen Aufwand an F & E mit dem Ziel, innovative Produkte schnell und mit zugleich höchster Qualität auf den Weg zu bringen. Dies ist unerlässlich, wenn man vorne mitspielen will, erklärt Johannes Oswald.

»Unerlässlich ist auch, dass wir mit Freude und Spaß dabei sind, Neues zu entwickeln. Dabei gilt es, den Spagat zwischen aus Erfahrung Bewährtem und dem Mut zu Neuem aufrechtzuerhalten.«

Ein Beispiel gelungener Entwicklung sind die Oswald-Torquemotoren. Vor 10 Jahren wurde der erste Prototyp entwickelt, heute bilden diese Direktantriebe mit über 50 Prozent Umsatzanteil das Rückgrat der Firma. Durch ihre enorme Kraft und Dynamik reduzieren sie den Stromverbrauch oder erhöhen die Produktivität der jeweiligen Maschine oft im zweistelligen Prozentbereich.

Zur Realisierung maßgeschneiderter Konstruktionen werden sämtliche Bauformen und Anbauten angeboten. Allein bei der Kühlung bleibt der Hersteller konsequent: Flüssigkeitskühlung. Es sind nur einige Prozent Verluste, die vom Motor abgeführt werden müssen, und das geht mit Wasserkühlung am effektivsten. Im Ergebnis werden die Motoren kompakter, leiser, langlebiger und ausfallsicherer, so Dipl.-Ing. Oswald. Auf dem Gebiet der Torquemotoren ist Oswald in den vergangenen zehn Jahren zu einem der führenden Hersteller weltweit aufgestiegen. »Im Gegensatz zu den Motoren, die nicht neu genug sein können, sind wir in den Beziehungen wertkonservativ: Wir bauen auf langfristige Zusammenarbeit mit Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten.« In dieser Konsequenz feiert Oswald nun die 60-jährige Zusammenarbeit mit einem Kunden, der schon von Großvater Eugen bedient wurde.

PRODUKTION HEUTE

Fokus der weltweit exportierenden Firma mit derzeit 130 Mitarbeitern sind Entwicklung und Produktion von wassergekühlten Elektromotoren für Umrichterbetrieb von 10 bis über 1000 Kilowatt beziehungsweise 100 bis 170.000 Newtonmetern. Zum Oswald-Produktionsprogramm gehören Direktantriebe wie Torque- und Linearmotoren, Asynchronmotoren und Magnetfeldspulen. Zertifiziert ist man seit Juli 1996 nach der Qualitätsnorm DIN EN ISO 9001:2008.

»Das Unternehmen fertigt Motoren in Stückzahlen von 1 bis 1.000 Einheiten pro Jahr«, erklärt der Unternehmensleiter Johannes Oswald. »Wir sind enorm individuell und flexibel«, sagt Oswald »Und genau da liegt unsere Chance: Wir kennen jeden Elektromotortyp persönlich, der das Betriebsgelände verlässt und wissen exakt, für welche Aufgabe er bestimmt ist. Der Anwender erhält die Sicherheit, dass jeder von uns gelieferte Motor auf die Erfordernisse seines Einsatzgebiets hin optimiert und hergestellt ist.«

Hersteller vieler weiterer Branchen gehören heute zu den Kunden der Miltenberger Motorenbauer. So werden zum Beispiel weltweit Kunststoffmaschinen, Großpressen, Mischer, Schredder, Nutzfahrzeuge oder Wasserkraftanlagen mit modernsten individuell angepassten Motoren ausgerüstet. Für Automobilprüfstände stehen mehrere speziell entwickelte Motorreihen zur Verfügung. So arbeiten Oswald-Motoren in den Prüffeldern aller namhaften Automobilhersteller bei Antriebs- und Belastungsaufgaben, in Getriebe- sowie Motoren-Prüfständen.

AN DER GRENZE DER PHYSIK

Dazu arbeitet man sowohl mit regionalen, bundesweiten, wie mit internationalen Hochschulen zusammen, und man beteiligt sich, zum Teil federführend, an nationalen und internationalen Forschungsprojekten. Gerade mit seinen Aktivitäten auf dem Gebiet von supraleitenden Elektromotoren tastet sich der traditionsreiche Elektromaschinenbauer nah an die Grenzen der modernen Antriebstechnik heran. Vor allem an das, was in Bezug auf Leistungsdichte, Dynamik und Effizienz allein schon von der Theorie her gerade noch erreicht werden kann.

Michael Mack

Zur Person

Der gebürtige Münchner Johannes Oswald studierte Elektrotechnik an der FH Coburg. Anschließend arbeitete er als Entwicklungshelfer in Kolumbien und als Ingenieur am IPP Garching. Vor rund 17 Jahren wechselte er dann in das familieneigene Unternehmen Oswald Elektromotoren, das er seit nunmehr zwölf Jahren als Geschäftsführer lenkt.

Erschienen in Ausgabe: 07/2010