Spielfreude als Antrieb

Porträt

Fraba – Gleich zwei Jubiläen kann die Fraba-Gruppe in diesem Jahr feiern: die Gründung vor 100 und die Wiederbelebung durch neue Eigentümer vor 25 Jahren. Entstanden ist eine elektrisierende Mischung aus Tradition und Moderne, aus Drehgebern und Digitalisierung.

24. Mai 2018

Es wirkt in der Tat, als beträte man eine Wolke: Alles ist weiß im Hauptquartier der Fraba-Gruppe mitten in der Kölner Innenstadt. Und das kommt nicht von ungefähr: Kaum ein anderes Unternehmen ist so vollständig digitalisiert. »Unser Büro ist auch weiß, weil wir die Menschen und Produkte in den Vordergrund stellen wollen«, sagt dazu Jörg Paulus, Geschäftsführer Fraba-Posital Europa. »Nur so kommen wir auf exzellente Ergebnisse und Innovationen. Wir arbeiten nach einem sehr offenen Hotelkonzept, es gibt keine festen Büros, auch die Geschäftsführer sitzen mittendrin. Alle notwendigen Arbeitsmittel sind in einem personenbezogenen Koffer untergebracht und der Mitarbeiter sucht sich einen freien Platz. Kernelement ist der eigene Laptop, auf dem alles vorhanden ist, was er für seine Arbeit benötigt.«

Die Fraba entsteht 1918 als Franz Baumgartner elektrische Apparate GmbH. »Unser Gründer war ein genialer Tüftler und Erfinder und begann in Köln mit mechanischen Relais. Nach dem Krieg hat er sofort in der Nähe der nicht zerstörten Ford-Werke weitergemacht, 1963 als Allererster einen absoluten Bürsten-Drehgeber herausgebracht und 1973 die erste optische Ausführung«, erzählt Jörg Paulus. »Überhaupt waren wir bei vielen Technologieschritten von Drehgebern der Pionier. Sie sind ein klarer Kern des Unternehmens bis heute.«

Der Neuanfang

1993 ging es dem Unternehmen ziemlich schlecht, da traten die Gebrüder Dr. Achim und Christian Leeser auf den Plan. Darum kann man dieses Jahr durchaus als Neubeginn der Fraba-Gruppe bezeichnen. »Damit kamen neue Impulse ins Haus und die bis heute propagierte Spielfreude«, sagt Martin Wendland, langjähriger PR-Mann der Fraba-Gruppe. Nette Anekdote: Der Vater der Leesers hatte 1968 als Fraba-Handelsvertreter die Festrede zum 50-jährigen Bestehen der Firma gehalten. Dadurch kam auch der Kontakt zustande. Christian Leeser ist heute geschäftsführender Gesellschafter und Mehrheitsaktionär, es gibt aber neun weitere Partner, darunter auch Jörg Paulus. »Das zeugt für eine große Durchlässigkeit«, kommentiert Martin Wendland. »Bemerkenswert, weil Leeser mit der Fraba viel Risiko auf sich genommen hatte und in den ersten Jahren ums Überleben kämpfen musste.«

Basis des Wirkens ist seitdem ein bis heute unverändertes Wertesystem – die Fraba-DNA. So sind etwa alle Informationen, die zum Unternehmen gehören, grundsätzlich frei und werden offen kommuniziert. Dazu gehören alle Entscheidungen, Projekte, Probleme und sogar die Gehälter bis hin zum Inhaber. »Auf diese Weise werden Informationen nicht als Machtinstrument missbraucht«, sagt Jörg Paulus. »Und wir können auch schneller reagieren.«

Fair Sharing bedeutet, so der Geschäftsführer, untereinander und zu den Mitarbeitern, Kunden und Partnern fair zu sein. »Es sollte immer auf eine Balance hinauslaufen.« Zudem entscheidet bei Fraba immer derjenige, der in einem Projekt am meisten Kompetenz versammelt hat. »Das kann sogar ein Praktikant sein, der sich in ein Thema sehr gut eingearbeitet hat«, nennt Jörg Paulus ein Beispiel. »Wir halten nichts von Hierarchie, aber Entscheidung und Verantwortung hängen sehr eng zusammen.«

Außerdem soll das Unternehmen dynamisch, schnell und agil sein. »Wohl gemerkt, das gilt seit 25 Jahren. Heute redet jeder davon.« Bei Fraba gibt es laufend Veränderungen; »disruptiv« ist eine vielbenutzte Vokabel. Als Quintessenz dieser Werte könnte seiner Ansicht nach der Satz stehen: Zusammen wollen wir als Team durch Spielfreude das Spiel gewinnen und der Beste sein. Ähnlichkeiten zum Fußball seien hier durchaus angemessen. »Das mag nach Zeitgeist oder Hype klingen, für mich erzeugt das aber viel Energie und Lust«, ergänzt Martin Wendland.

Neue Wirkungskreise

Inzwischen hat das Unternehmen sein Portfolio deutlich erweitert. Es sind Inkrementaldrehgeber hinzugekommen, Neigungssensoren und Motor-Feedback-Sensoren wie der komplett integrierte Kit Encoder. Als Pionier engagiert sich Fraba auf dem Gebietder magnetischen Drehgeber. Dazu hat man sich etwa in das Abenteuer Wiegand-Draht gestürzt und die Originalmaschine des amerikanischen Erfinders erworben. Unter dem Strich bietet Fraba-Posital längst kleine und günstige Sensoren, die die Performance der optischen Gegenstücke toppen. »Wir glauben, dass Magnetik die Optik künftig ersetzt und werden hier mit weiteren Innovationen für frischen Wind sorgen«, sagt Paulus.

Fraba bezeichnet sich bis heute als Komponentenhersteller; den viel zitierten Weg zum Systemanbieter möchte das Unternehmen nicht gehen. Nicht zuletzt deshalb wurde vor elf Jahren die komplette Produktion in Köln eingestellt und vollkommen digitalisiert in Polen wieder aufgebaut. »Ziel war schon sehr früh, die Massenfertigung in Losgröße 1 zu realisieren. Die Leesers wussten genau, dass sich das bald großflächig durchsetzen würde«, sagt Martin Wendland. Der Kunde kann sich online über den sogenannten Product Finder aus Millionen Varianten in Sekunden den passenden Sensor bestellen. Jörg Paulus: »So können wir super gut skalieren und globalisieren.« Viele Chancen ergeben sich durch diese Digitalisierung auch für das Ersatzteilgeschäft und das Retrofitting von Maschinen.

Schlagkräftiges Team

Die zentrale Forschung und Entwicklung sitzt in Aachen. »Grundlage ist der genaue Scan des Markts durch unser Produktmanagement in Köln, Singapur und den USA«, sagt Entwicklungsleiter Dr. Michael Löken. »Die Kollegen kommen oft schon mit einer konkreten Applikation auf uns zu und wir entwickeln dazu ein reales Produkt. Die Digitalisierung greift dabei von Anfang an. Wir in Aachen erarbeiten die Daten für den Product Finder. Um die Kosten gering zu halten, schauen wir, was bestehende und günstige Sensoren aus anderen Bereichen schon können und setzen bei unseren Lösungen gezielt auf Algorithmen und Software.«

Der Charakter des Teams ist sehr international. »Wir wollen die besten Ingenieure! Darum versuchen wir, eine Atmosphäre zu schaffen, die Kreativität und Spielfreude in den Fokus hebt. Das Menschliche zählt, wir brauchen Teamplayer«, sagt Michael Löken. »Forschung und Entwicklung haben einen hohen Stellenwert in der Fraba-Gruppe. »Jeder fühlt sich für den Erfolg mit verantwortlich. Das macht uns sehr schlagkräftig und zielgerichtet.«

Auf der Reise durchs Fraba-Universum zeigen sich also mehrere Gesichter: In Köln gibt es die »Cloud«, in Aachen steht eine 40 Jahre alte, kryptische Maschine eines Eigenbrötlers aus den USA. Das Unternehmen lebt also offenbar von Brüchen und in unterschiedlichen Welten gleichzeitig, denkt aber überall identisch. So könnte das Erfolgsrezept der Fraba-Gruppe auch für die Zukunft aussehen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2018