»Step by Step«

Interview

Henrik A. Schunk – Überall auf der Welt fürs Familienunternehmen aktiv sein und immer wieder Neuheiten in der Welt der Spanntechnik und Greifsysteme auf den Markt bringen – der Vertreter der dritten Generation bei Schunk kann sich derzeit nichts Spannenderes vorstellen.

22. September 2012

Herr Schunk, Sie sind jetzt schon seit 2006 als geschäftsführender Gesellschafter von Schunk aktiv, wie ist der Übergang für Sie bis jetzt verlaufen?

Es hat sich für mich und unser Unternehmen als sehr vorteilhaft erwiesen, den Übergang schleichend, also »Step by step« zu vollziehen. Unser Vater hat es mit seiner Ruhe und Bescheidenheit geschafft, das fließend im Verborgenen und ohne großen Zeitdruck in der Planung hinzubekommen – entgegen vieler Berater, die empfehlen, jeden Schritt genau festzulegen.

Irgendwann stand nicht mehr mein Vater vor den Mitarbeitern, sondern ich. Dann versteht jeder, dass die Führung in die Hände der dritten Generation übergeht. Nach innen entscheidet die Familie, die Kommunikation nach außen habe immer stärker ich übernommen. Meine Schwester und ich sind unserem Vater für sein Vertrauen und die Art und Weise der Übergabe dankbar. Es gab nie Kompetenzgerangel.

Macht es Spaß das Unternehmen zu leiten, und was ist spannend daran?

Es ist eine einzigartige Herausforderung, die ich mit viel Passion und höchstmöglichem Einsatz annehme. Und natürlich habe ich viel Freude an meiner Aufgabe. Die strategische Führung eines Unternehmens beinhaltet täglich spannende und abwechslungsreiche Aufgaben. Man ist der Motor und Antreiber. Das ist im Naturell und in der DNA eines Familienunternehmens verankert. Wir bei Schunk sind mit viel Herzblut dabei.

Schunk wird zunehmend global, wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Diese Entwicklung ist ganz klar zu erkennen und darum ist es für mich normal, regelmäßig nach Nord- und Südamerika sowie nach Asien zu fliegen. Auch ich muss nah an unseren Märkten und Kunden im Ausland sein.

Ebenso motiviert es unsere Mitarbeiter in den Niederlassungen wie Schweden, Indien, China oder Mexiko, wenn ich sie vor Ort besuche. Die Präsenz der Familie wird insbesondere im Ausland als Wertschätzung für die Mitarbeiter aufgefasst.

Wie geht eine wichtige Entscheidung in Ihrem Familienunternehmen vonstatten?

Maschineninvestitionen werden oft auf der Treppe per Handschlag entschieden. Wir sind ein produzierendes Unternehmen und handeln in diesem Bereich eher emotional, da schlägt das familiäre, mittelständische Herz. Große Ausgaben für Marketing oder IT hingegen erfordern meist mehrere Verhandlungsrunden,

War das bei dem Testimonial-Projekt mit Jens Lehmann auch der Fall?

Ich konnte meinen Vater von meiner Idee überzeugen, denn er hat sich schon immer um Andersartigkeit bemüht. Das zeigt sich zum Beispiel an den Schunk-Messeständen, die nicht nur Produktwelt sondern auch Erlebniswelt sind. Jens Lehmann habe ich über den Geschäftsführer der TSG Hoffenheim, Jochen Rotthaus, kennengelernt.

Herr Lehmann war schnell angetan von meiner Idee und hat uns im Werk in Lauffen besucht. Wir haben alle sofort gespürt, dass seine Persönlichkeit, Intelligenz und Begeisterungsfähigkeit für Technisches sehr gut zu uns passt. Bei unseren Mitarbeitern ist er bestens angekommen. Auch vordergründig sind Greiftechnik und das Halten von Bällen sehr verwandt. Darum entwickelten wir ein Konzept, das beide Welten verknüpft und nach außen deutlich sichtbar wird. Wir wollen auffallen.

Das ist Ihnen auf der Automatica bestens gelungen.

In der Tat. Wir hatten die erfolgreichste Automatica aller Zeiten, mit 47 Prozent Zuwachs an qualifizierten Leads gegenüber 2010. Jens Lehmann hat viele Besucher auf den Stand gelockt, aber das lag auch daran, dass wir seine Person mit unseren Produkten verknüpft haben. Einige Mitbewerber hätten den Erfolg gern kopiert.

Wir planen unsere Markenkampagne mit Herrn Lehmann langfristig. Nicht nur die Messeauftritte, auch weitere Aktivitäten, wie das EM-Online-Tippspiel mit fast 2.400 Mitspielern, haben uns darin bestärkt. So können auch auf der AMB in Stuttgart unsere Kunden und die Messebesucher Jens Lehmann live erleben. Auch unsere erste Social-Media-Kampagne bei Facebook ist überraschend gut gestartet. Bei allen Aktivitäten dürfen wir uns als Mittelständler aber nicht übernehmen.

Stimmt, die Produkte sollten im Fokus stehen. Für welche schlägt ihr Herz?

Mein Vater würde sofort die Spannbacken nennen, als Grundstein für den Erfolg von Schunk. Ich kann mich für alle unsere Produkte begeistern. Trotzdem gibt es bei mir ein Faible für die Servicerobotik, ein wichtiger Zukunftsmarkt und ein potenzielles Geschäftsfeld. Wir bieten bereits Expertentage für Servicerobotik an, die schon seit einigen Jahren fest im Schunk-Kalender etabliert sind.

Welche Produkte sind Ihre Bestseller?

Unser Vielzahnparallelgreifer PGN-plus hat sich zu einem Blockbuster entwickelt, für den Kleinteilegreifer MPG-plus sehe ich eine ähnliche Entwicklung. Dann gibt es den neuen elektrischen Parallelgreifer EGP, der so leistungsfähig ist wie pneumatische Greifer. Diese werden zwar noch lange ihre Berechtigung behalten, aber die Elektronik, sprich Mechatronik, hält überall Einzug, auch im Maschinenbau. Als Nummer eins in Greiftechnik müssen wir hier die Maßstäbe setzen. Ein neues Highlight ist der Powerball Lightweightarm, bei dem die komplette Elektronik und Antriebstechnik in einer Kugel integriert ist und der bis zu sechs Kilo tragen kann. Das ist von der Leistungsdichte her mit das Beste, was es zum jetzigen Zeitpunkt am Markt gibt.

Was gibt es Neues zur Motek?

Da wäre zum Beispiel unsere neue Hochleistungsschwenkeinheit SRU-plus 20-S, mit der Anwender doppelt so viele Zyklen fahren können, wie mit bisherigen Modellen. Zudem lässt sich die Beladung verdreifachen. Das Geheimnis für eine derart hohe, prozessstabile Leistung steckt in einer patentierten Dämpfung.

In Richtung High-Speed geht auch die pneumatische Hub-Dreh-Einheit DRL 025. In der Elektronik-, Medizintechnik- und Konsumgütermontage ermöglicht der Drehlader hochdynamische und dennoch ruhige Pick-&-Place-Operationen mit Schwenkwinkeln von wahlweise 90 oder 180 Grad ohne zusätzliches Drehmodul. Wir erreichen so bis zu 75 Takte pro Minute.

Wo gibt es noch Handlungsbedarf?

In der Verpackung von Nahrungsmitteln ginge noch mehr, genauso wie in der Mikrozerspanung oder Medizintechnik. Elementar ist dabei immer die Produktion, und da sehe ich in der Industrie 4.0 große Potenziale. Außerdem müssen immer mehr ältere Menschen in einem produzierenden Umfeld leistungsfähig bleiben. Deutschland lebt vom Maschinenbau, und darum müssen wir Neuheiten entwickeln, die ältere Menschen im Arbeitsalltag unterstützen.

Vita

Henrik A. Schunk

-Jahrgang 1972.

-Studium in Kaiserslautern und Dresden, Abschluss als Diplom-Wirtschaftsingenieur (TU).

-Eintritt ins Familienunternehmen 2001.

-Seit Juli 2010 Vorsitzender des europäischen Robotik-Verbands »EUnited Robotics«.

-Hobbys: Fußball, Radsport, Oper, Fotografie.

Erschienen in Ausgabe: 07/2012