Tatort im Netz

Software - Engineering-Dienstleister DMT konstruiert heute nicht mehr nur Gehäusekomponenten, sondern koordiniert die gesamte Produktentwicklung vom Konzept bis zur Serienfreigabe. Wo die Auftraggeber sitzen, spielt dank ›Collaboration-Plattform‹ keine Rolle.

06. April 2006

General Electric ist für DMT kein alltäglicher Kunde, aber das gerade laufende Projekt ist durchaus nicht ungewöhnlich: Die in Holzgerlingen ansässige Firma entwickelt im Auftrag von GE Austria, der österreichischen Tochter des Elektronikriesen, ein neues medizintechnisches Gerät, das im nächsten Jahr auf den Markt kommen wird. »Wir sind nicht mehr wie früher der Lieferant von bestimmten Mechanikkomponenten, sondern für das Produkt in seiner Gesamtheit verantwortlich«, erläutert DMT-Geschäftsführer Jürgen Häberle. DMT bietet neben Engineering-Know-how das innovative Gehäusekonzept E-PAC (Electronic Packaging and Assembly Concept), das die späteren DMT-Gründer noch bei HP erfunden und zur Serienreife entwickelt hatten. Statt elektronische Bauteile konventionell durch Schraub- und Schnappverschlüsse zu fixieren, werden sie in ein passend ausgeschäumtes Innengehäuse aus expandiertem Polypropylen (EPP) formschlüssig eingebettet. Das spart Gewicht, schützt die Bauteile gegen Stöße oder Vibrationen und vereinfacht ihre Montage. Das Outsourcing von Entwicklungsaufgaben reicht nirgendwo so weit wie in der Elektronikindustrie, wo manche Hersteller ihre Produkte vollständig von externen Partnern entwickeln lassen und sich ganz auf Marketing und Vertrieb konzentrieren. DMT nutzt deshalb seit vielen Jahren die webbasierte Zusammenarbeit, um mit anderen Entwicklungspartnern oder Zulieferern über Projekt- und CAD-Daten diskutieren zu können. Die Firma gehört zu den Pionieren unter den Anwendern der Collaboration-Software von CoCreate und ist auch einer der ersten Kunden, der die aktuelle ›OneSpace.net-Plattform‹ als gehosteten Dienst in Anspruch nimmt. OneSpace.net ist eine webbasierte Lösung, mit der verteilte Entwicklungsteams ihre Projektdaten online verwalten können, so dass alle Mitglieder immer Zugriff auf die aktuellen Versionsstände haben. Über Webservices lassen sich die Daten mit den firmeninternen PLM- oder ERP-Datenbanken verlinken und bei Veränderungen praktisch auf Knopfdruck aktualisieren. Auch Termine und Aktivitäten in Outlook oder Lotus Notes können automatisch synchronisiert werden.

Online-Zusammenarbeit

Zu den herausragenden Merkmalen der Plattform gehören die Möglichkeiten der Online-Zusammenarbeit, entweder mit Hilfe optimierter Application Sharing-Techniken oder aber über den Model Explorer, ein Werkzeug für die Echtzeit-Visualisierung von CAD-Daten verschiedener Herkunft und anderen Dokumenten, mit denen man sogar kleinere Änderungen an 3D-Modellen online durchführen kann. Wenn man OneSpace. net als gehostete Client-Anwendung nutzt, reduziert sich Installationsaufwand praktisch auf null: Die Client-Anwendung installiert und aktualisiert sich automatisch, wenn die Projektmitglieder auf den entsprechenden Link in der Einladungsmail klicken. Das trägt dazu bei, dass die Akzeptanz für die Lösung bei den Projektpartnern groß ist. »Selbst GE mit seiner anspruchsvollen Sicherheitsarchitektur ließ sich problemlos anbinden«, sagt Häberle. Die neue Generation der Collaboration-Anwendung, die auf der Microsoft.net-Technologie aufbaut, ist bei DMT seit diesem Jahr im Betrieb. DMT nutzt OneSpace.net als zentrale Projektplattform, in der die Masterdaten eines Produktes abgelegt werden. »Alle Ergebnisse der Entwicklungspartner wandern dort hinein, um ein gemeinsames Datenmodell aufbauen zu können, bevor wir den ersten realen Prototypen erzeugen«, erläutert Häberle. »Wie leicht wir die Daten reinkriegen, ist eine andere Frage. Das hängt davon ab, wie gut die Partner vernetzt sind und um was für Daten es sich handelt. Die Integration der Elektronik-Informationen in das CAD-Modell ist mit einem erheblichen Aufwand verbunden, weil wir die elektronischen Komponenten praktisch von Hand nachmodellieren und einbauen müssen, um dem Elektroniker zeigen zu können, wo wir beispielsweise seinen Konnektor platziert haben.« Die Schwierigkeiten bei der Einbindung der Elektronik-Informationen haben aber nichts mit OneSpace.net zu tun, sondern mehr mit der fehlenden Integration zwischen Elektronik- und Mechanik-CADAnwendungen. Grundsätzlich bietet die Software die Möglichkeit, Daten und Dokumente aus beliebigen Anwendungen im virtuellen Projektraum abzulegen und von verschiedenen Standorten aus online zu visualisieren. Das ist für verteilte Entwicklungsteams mit einer heterogenen CAD-Landschaft ein Vorteil, vorausgesetzt sie verfügen über die CAD-Adapter.

Konsolidiertes Datenmodell

Bei dem GE-Projekt ging DMT allerdings einen etwas anderen Weg, obwohl die Projektpartner zum Teil mit Pro/Engineer und mit SolidWorks arbeiteten. Um die CAD-Daten möglichst flexibel weiterverarbeiten zu können, wurden sie ins STEP- oder IGESFormat umgewandelt und in CoCreates 3DCAD- System OneSpace Designer Modeling geladen, mit dem die Produktentwickler bei DMT vorzugsweise arbeiten. Im Unterschied zu parametrischen CAD-Systemen bietet die dynamische Modelliertechnik der Co-Create-Software den Vorteil, importierte CAD-Modelle mit demselben Funktionsumfang manipulieren zu können, wie die im System erzeugten Daten. Bei Besprechungen konnten die anderen Projektpartner eine Ansicht des konsolidierten Modells simultan betrachten. Dazu wurde die One-Space Designer Modeling-Oberfläche mit den anderen Arbeitsplätzen ›geshared‹. Häberle erläutert die Gründe: »Als Koordinator müssen wir die Daten vorbereiten und prüfen, um sicher zu sein, dass der Datensatz komplett ist und stimmt. Es wäre vermessen, alle Daten online in die Sitzungen laden zu wollen, denn wir haben für eine Besprechung nur zwei Stunden Zeit. Deshalb stellen wir den Sitzungsteilnehmern einen aufbereiteten Datensatz zur Verfügung, damit sie online ihre Anmerkungen einbringen können, die wir für eine Entscheidung benötigen.« Die Konvertierung der Daten in ein einheitliches Format hat den Nachteil, dass dabei die Konstruktionshistorie und die parametrischen Beziehungen verloren gehen. Bei Kunden, die keine eigene Konstruktion haben, spielt das meist keine Rolle. Anders sieht es bei Auftraggebern aus, die selbst ein parametrisches CAD-System nutzen und Daten in ihrem CAD-Format benötigen. In der Zusammenarbeit mit Partnern, die andere Systeme einsetzen, müssen die Daten im nativen Format neu aufgebaut werden. Auch wenn sich bei der Zusammenarbeit in heterogenen CAD-Umgebungen sicher noch vieles verbessern lässt, ohne ein Werkzeug wie OneSpace.net wäre sie in dieser Form überhaupt nicht realisierbar. »Wenn man sich erst einmal darauf verständigt hat, wie die Aufgaben zu verteilen sind und wie man die Zusammenarbeit koordiniert, dann ist man mit diesem Werkzeug sehr schnell«, sagt Häberle. »Nachdem die Spezifikation stand, haben wir bei dem GE-Projekt für die Konstruktion und Detaillierung bis zum ersten Funktionsprototypen nur zwei Monate benötigt, Abstimmungsaufwand inbegriffen. Das hätte früher mindestens vier bis fünf Monate gedauert.«

Verkürzte Entwicklungszeiten

Die Verkürzung der Durchlaufzeit erklärt sich zum einen dadurch, dass sich viele Geschäftsreisen erübrigen. Früher musste man sich spätestens alle zwei oder drei Wochen beim Kunden treffen, um Probleme vor Ort zu diskutieren und das weitere Vorgehen abzustimmen. Heute versammeln sich die Projektmitglieder einmal wöchentlich im ›virtuellen Konferenzraum‹ und erörtern die erforderlichen Änderungen am Telefon bzw. am Bildschirm mit dem CAD-Modell vor Augen. Richtige Treff en des gesamten Projektteams finden nur noch in der Anfangsphase und dann zu den jeweiligen Meilensteinen statt. Der Zeitaufwand für Reisen zu Besprechungen hat sich dadurch um mindestens 75 Prozent reduziert, wie Häberle sagt, von den damit verbundenen Kosten ganz zu schweigen. Zeit spart man aber auch dadurch, dass Kollisionsprobleme oder Fehler durch die zentrale Datenverwaltung und den kontinuierlichen Revisionsabgleich frühzeitiger entdeckt werden. Dank der regelmäßigen Online-Sitzungen werden sie schneller gelöst und ziehen keine weiteren Änderungen nach sich. Oft finden die Projektmitglieder direkt in der Sitzung eine Lösung. An den Online-Sitzungen sind manchmal bis zu acht oder zehn Mitarbeiter von vier oder mehr Firmen beteiligt, je nach Projektphase. Am Anfang diskutieren vielleicht der Industriedesigner und der Konstrukteur miteinander, später werden dann auch die externen Lieferanten in die Diskussionen eingebunden, um z. B. Machbarkeit und Werkzeugaufwendungen zu beurteilen.

Michael Wendenburg

Fakten

¦ ›OneSpace.net‹ ist eine webbasierte Lösung, mit der verteilte Entwicklungsteams ihre Projektdaten online verwalten können.

¦ Online-Zusammenarbeit, entweder mit Hilfe optimierter Application Sharing-Techniken oder aber über den Model Explorer.

¦ Wenn man OneSpace.net als gehostete Client-Anwendung nutzt, reduziert sich der Installationsaufwand auf null: Die Client-Anwendung installiert und aktualisiert sich automatisch, wenn die Projektmitglieder auf den Link in der Einladungsmail klicken.

Erschienen in Ausgabe: 02/2006