Technik mit Kultur

Porträt

Finder – Ein Besuch im Finder-Hauptwerk ist nicht nur wegen der schönen Landschaft lohnenswert, vor allem die Entstehung der Relais & Co. ist äußerst eindrucksvoll.

18. März 2016

Wenn ein Unternehmen seinen Hauptsitz im Piemont hat, ist es von Natur aus schon mal gesegnet. Die grünen Hügelketten mit zahlreichen Burgen und Klöstern sind gesäumt von den Feldern, auf denen die Kirschen als Herz der bekannten Praline gedeihen. Und erst der Wein, der zum Beispiel im riesigen Gut »Fontanafredda« in uralten Fässern reift …

Darum ist es eine gute Idee, dieser Landschaft Respekt zu erweisen und auch das Unternehmen zu besuchen. Es handelt sich hierbei um den Elektronikspezialisten Finder, den Piero Giordanino 1954 in Almese unweit von Turin gründete. Analog zu den Früchten des Landes reifen hier vor allem Relais heran, die ihren Weg in die ganze Welt finden und Finder zu einem der wichtigsten Anbieter auf diesem Gebiet machen. Weitere Standorte befinden sich in der Nähe von Sanfront, in Valencia und im französischen Saint Jean de Maurienne, gleich hinter der Grenze.

Neun Stationen zum Relais

Am besten lernt man die Welt von Finder bei einem Rundgang durch die weitläufige Produktion kennen. Dabei kann das Unternehmen eine sehr hohe Fertigungstiefe vorweisen, sogar alle Werkzeuge werden eigenständig gebaut. Neben modernen Bearbeitungszentren und Produktionslinien finden sich in Almese auch immer noch einige manuelle Arbeitsschritte.

Finder bereitet alle benötigten Kunststoffe aus Granulaten selbst auf und leitet sie direkt und automatisch in die Fertigung weiter. Die thermoplastischen Varianten haben dabei eine Verarbeitungstemperatur von 150 und die Thermosetting-Varianten eine solche von 230 Grad Celsius. »Wir produzieren 535 Tonnen Kunststoffe pro Jahr«, sagt Alexander Krutzek, Geschäftsführer von Finder Deutschland. »Das ergibt 80 Millionen Bauteile.«

Bei der Halbzeugfertigung gilt es für ihn, das Know-how strikt im eigenen Haus zu behalten. »Darum bauen wir die Montageautomaten selbst und verwenden nur hochwertige Grundstoffe. Mit Schrott baut man nur Schrott.« Diese Halbzeuge bilden dann die Basis für die komplexeren Endprodukte.

Stets im Betrieb befindet sich die Kunststoffspritzerei. Alexander Krutzek: »Diese läuft 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche und rund ums Jahr.« Ungefähr 30 selbstständige Anlagen erzeugen thermoplastsiche Bauteile, nebenan stehen zwölf für den Bereich Thermosetting. »Hier sind längere Zykluszeiten gefordert, dafür erzeugen wir eine höhere Qualität.«

Aus den einzelnen Bauteilen entsteht in der Elektronikfertigung zum Beispiel die beliebte 55er-Serie – teils manuell und an zwei Linien vollautomatisch. Die längste der Linien ist stolze 17 Meter lang, wie alle im Haus komplett selbst konstruiert und realisiert, mit hoch komplexem Aufbau. Auch die Spulenwicklung erfolgt vollautomatisch. »Nicht zuletzt darum bieten wir das größte Sortiment am Markt«, freut sich Alexander Krutzek. »Darunter sind auch viele Kleinserien und kundenspezifische Produkte.«

Da die Relais oft in sensiblen Bereichen zum Einsatz kommen, wird sehr sorgfältig geprüft. »Ein Teil für einen Euro ist manchmal verantwortlich für das Funktionieren einer 700.000-Euro-Anlage.« Finder prüft die Qualität aller Schritte in der Montage und führt abschließend einen Endtest inklusive Dokumentation aller Parameter durch.

Selbstverständlich fertigt Finder auch die Platinen selbst. An fünf großen SMT-Linien laufen unzählige Varianten. Größere Bestandteile wie Kondensatoren gehen aber auch noch durch die bewährten Hände der erfahrenen Mitarbeiter. In der Endmontage findet dann die Hochzeit von elektronischer Baugruppe und Gehäuse sowie Anbauteilen statt. Auch hier durchläuft jedes Gerät einen separaten Testzyklus.

Viel Kompetenz in der Fertigung

Am Abschluss steht der Versand. »Hier in Almese betreiben wir das Hauptlogistikzentrum für die gesamte Finder-Gruppe«, erklärt Alexander Krutzek. »Da das Lager komplett zollfrei ist, können wir den weltweiten Versand selbst und einfach abwickeln.« Die Kommissionierung erfolgt automatisch, die Endprüfung wird aber wieder von den Mitarbeitern erledigt.

Nach diesen insgesamt neun Stationen wird deutlich, was die Italiener an Kompetenz in der Relaisfertigung angehäuft haben und was sie für ihre Kunden investieren. Einer von ihnen und ein langjähriger noch dazu ist Hermes Systeme aus Wildeshausen bei Bremen. Das Unternehmen entwickelt innovative Lösungen für sehr unterschiedliche und individuelle Anforderungsprofile in den Bereichen Messen, Steuern, Regeln und Automatisierungstechnik. Geschäftsführer Ingo Hermes präzisiert: »Wir liefern dem Kunden alles, was er für ein elektronisches System benötigt. Das erstreckt sich vom Schaltplan über die Elektromontage, den Schaltanlagenbau und die Programmierung von Steuerung und SPS. Weitere Betätigungsfelder sind die Anwendungsentwicklung für Human-Machine-Interfaces sowie Lösungen für Leittechnik und Datenbankanbindung, wie zum Beispiel an ERP-Systeme.«

Diese breite Aufstellung offenbart große Überschneidungen zum Finder-Portfolio. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Hermes nicht an dem Anbieter vorbeigekommen ist. »Von der Natur des Fachgebietes ist Finder fast so etwas wie Uhu bei den Klebern, man kommt also kaum daran vorbei, wenn man in der Elektronik unterwegs ist«, bringt Ingo Hermes einen anschaulichen Vergleich. »Seit ewigen Zeiten sind wir darum direkter Kunde bei Finder.«

Zuverlässigkeit ist entscheidend

Eine noch intensivere Zusammenarbeit resultiere aus der eigenen Elektronikentwicklung in Wildeshausen. »Hier haben wir ein selbst entworfenes E/A-Peripheriesystem entwickelt, in dem auch Relais von Finder verbaut sind. Diese eigenen Produkte vertreiben wir über unsere Tochter, die Am-Systeme GmbH. Für diese ist die Zuverlässigkeit der Finder-Produkte von entscheidender Bedeutung und ein wesentlicher Faktor für den Markterfolg.« Der Geschäftsführer sieht es als eine Bestätigung, dass negative Meldungen über Finder ausbleiben, und als Indikator, dass er auf das richtige Produkt setzt.

Die Herkunft aus dem europäischen Nachbarland Italien sieht Ingo Hermes durchaus als einen Vorteil. »Unsere direkte Geschäftsbeziehung besteht aber mit Finder Deutschland. Hier besteht wie gesagt seit Langem ein sehr partnerschaftliches, persönliches und vertrauensvolles Verhältnis.« Dieses schlägt sich in zahlreichen konkreten Projekten nieder. »Besonders erwähnenswert sind unserer Meinung nach die Einsätze im Weserstadion, dem Flughafen Bremen, dem Klinikum Bremen Mitte, das aktuell im Bau ist, und bei Gruner und Jahr in Hamburg«, ergänzt Hermes.

Enger Kontakt zum Kunden

Steht ein solches Projekt an, ist Finder in ständigem Kontakt zum Kunden, was Geschäftsführer Krutzek als ein wesentliches Element der Unternehmensphilosophie ansieht. »Dessen Nutzen steht für uns im Vordergrund. Wir wollen ihm eine einfache Handhabung bieten und umfangreiches und kompatibles Zubehör dazu zur Verfügung stellen.« Haupteinsatzgebiete sind die industrielle Automatisierung, Klimatechnik, Haushaltsgeräte oder Installationen in Gebäuden. Ganz allgemein – überall dort, wo Strom geschaltet wird.

Auf einen Blick - Finder

- Einer der größten Hersteller für Relais weltweit.

- Gegründet 1954 von Piero Giordanino in Almese, noch heute in Familienbesitz.

- Deutsche Niederlassung in Trebur-Astheim, gegründet von Peter Krutzek, heute geführt von seinem Sohn Alexander Krutzek.

- Hohe Fertigungstiefe im Werk Almese.

- Treue Stammkunden im Elektroniksektor.

Erschienen in Ausgabe: 02/2016