Technologie an erster Stelle

Interview

Dr. Fritz Faulhaber – Der geschäftsführende Gesellschafter der Faulhaber-Gruppe lässt 60 Jahre Unternehmensgeschichte Revue passieren und spricht über Innovationen und Zukunftspläne.

30. März 2012

Herr Dr. Faulhaber, die Erfolgsgeschichte Ihrer Antriebe begann vor über 60 Jahren, wofür stehen das Unternehmen und die Marke Faulhaber heute?

Wir sind ein Technologie-getriebenes Unternehmen. Schon als mein Vater vor 60 Jahren die eisenlosen Rotorspule erfand, stand die Technologie an erster Stelle. Auch heute ist es die berühmte Nasenlänge voraus, die Faulhaber motiviert, und die unseren Kunden und besonders uns selbst immer wieder neue Wege eröffnet. Deshalb war und ist Innovationskraft unser wichtigster Unternehmenswert. Schon lange allerdings beschränken sich unsere Innovationen nicht mehr nur auf die reine Produktentwicklung.

Nein, Innovation erstreckt sich bei uns heute über alle Unternehmensbereiche, vor allem auch was Produktionsverfahren und Fertigungsprozesse angeht. Entscheidend ist, wie wir unsere Mannschaft einsetzen und wie hochwertig und zuverlässig wir arbeiten. In solch wirtschaftlich turbulenten Zeiten wie diesen ist sicher auch Stabilität ein treffender Begriff, für den das Unternehmen und die Marke Faulhaber stehen. Und damit meine ich Stabilität unter allen Gesichtspunkten, ob im Management, im Qualitätsanspruch, im Wachstum oder in der Finanzkraft. Denn um als klassisches mittelständisches Familienunternehmen 60 Jahre am Markt bestehen zu können, muss man doch recht stabil arbeiten.

Welche Ereignisse in der Unternehmensgeschichte haben Sie geprägt?

Technologisch gab es seit den Anfängen natürlich sehr viele Highlights. Wir haben zahlreiche fantastische Projekte mit unseren Kunden realisiert, von der Fotokamera bis zur Medizintechnik, von der Tiefsee bis zum Weltall. Diese Vielfalt ist mit das Schönste an unserem Geschäft. Von größter Bedeutung für mich persönlich war allerdings das Wachstum, das wir aus eigener Kraft über diesen Zeitraum erreicht haben. Wir sind weitestgehend eigenfinanziert und damit immer gut gefahren.

Wir können unsere Unternehmensziele über einen langen Zeitraum ausrichten, ohne Bankern Rechenschaft ablegen zu müssen. Aus eigener Kraft ist es uns gelungen, zur heutigen Faulhaber-Gruppe mit immerhin rund 1.500 Mitarbeitern heranzuwachsen, unser Technologie- und Produktspektrum zu verbreitern und zu vergrößern und die sehr feinen, kleinen Produkte an der Grenze des Machbaren zu bauen.

Wie haben sie die Krise 2009 erlebt?

Natürlich wurden auch wir nicht von der Krise verschont. Der Standort Schönaich und die produktionsverbundenen Firmen haben darunter gelitten, und wir waren gezwungen, dort auch betriebsbedingte Anpassungen, hauptsächlich im Produktionsbereich, vorzunehmen. Allerdings sind unsere Produkte sehr anspruchsvoll, und es bedarf einer langen und intensiven Einarbeitungszeit, um auf einem solch hohen Niveau solide zu arbeiten. Deshalb haben wir eher Verluste in Kauf genommen, um unsere Mitarbeiter zu halten, als uns den Weg in die Zukunft zu verbauen.

Wie sehen Sie den Produktionsstandort Deutschland für die zukünftige Entwicklung von Faulhaber?

Neben Hightech stehen unsere Produkte vor allem für hohe Qualität – die von unseren Kunden erwartet wird. Und wenn man sich die Anwendungen ansieht, in denen unsere Produkte zum Einsatz kommen, dann ist das auch nicht verwunderlich. In Bereichen wie der Medizintechnik ist es heute nicht mehr eine Frage, ob eines von hundert Teilen einen Fehler haben darf. Heute reden wir über eine fehlerfreie Produktion ohne Ausnahmen.

Wir haben früh erkannt, dass der Produktionsstandort Deutschland seine Herausforderungen hat. Deshalb sind wir in der Produktion schon früh auf Automatisierung umgestiegen, ohne Personalabbau dank des Wachstums, und ich denke, wir können heute in Deutschland viele Teile in der benötigten erstklassigen Qualität konkurrenzfähig produzieren.

Haben sich die Qualitätsansprüche tatsächlich so gravierend verändert?

Deutlich, vor allem aus rechtlichen Aspekten. Hersteller von Industriekomponenten müssen so wenig Fehler wie möglich machen, das ist lebenswichtig. Und sie müssen heute proaktiv am Qualitätsmanagement mitwirken, also potenzielle Fehlerquellen abstellen, bevor sie auftreten können. Zudem ist der Trend zur Miniaturisierung ausgeprägter als je zuvor. Man bewegt sich an der Grenze des Machbaren. Und zum Drang nach hoher Leistung in kleinstem Volumen folgt heute zusätzlich die Integration von möglichst vielen Funktionen. Oft kommt eine extreme Belastung hinzu. Unsere Produkte müssen auch tiefgefroren und gekocht zuverlässig und präzise funktionieren.

Welches sind momentan die wichtigsten Branchen für Ihr Unternehmen? Wo sehen Sie die Wachstumsmärkte?

Die wichtigste Branche für uns in Deutschland ist Industrieautomatisierung, also Präzisions- und Sondermaschinen für die SMT-Bestückung oder die Solarzellenherstellung. Darauf folgt die Medizintechnik, weltweit gesehen ist diese Branche wahrscheinlich die wichtigste und auch interessanteste für uns. Wir sind dort in vielen Bereichen vertreten. Auch die Luft- und Raumfahrt ist für uns ein wichtiger Markt, wobei unsere Anwendungsbereiche vielschichtiger waren, als die Fluginstrumente noch vornehmlich mechanisch betrieben wurden. Märkte kommen und Märkte gehen. In früheren Zeiten haben wir noch Hunderttausende Motoren für Diktiergeräte produziert, heute so gut wie keinen mehr.

Wie stellt sich die Faulhaber-Gruppe auf den Wettbewerb ein, insbesondere auch in Asien?

Um darauf eine generelle Antwort zu geben, muss man jeden Markt für sich betrachten. Der asiatische Markt zum Beispiel hat seine ganz eigenen Gesetze. Hier besteht für uns Europäer die große Herausforderung erst einmal darin, überhaupt das Geschäft in diesem Markt und wie der Markt funktioniert zu verstehen. Das hat mit dem Produkt erst mal gar nichts zu tun. Wenn Sie in China versuchen, die deutsche Methode durchzusetzen, werden Sie sehen, dass Sie mit Ihrem Latein sehr schnell am Ende sind.

Man muss dort einen anderen Stil annehmen und sich dem Markt und der Kultur entsprechend öffnen, um erfolgreich zu sein. Und dass wir dort erfolgreich sein können, steht außer Frage. Weil wir erstens technologisch die besten Produkte haben und zweitens in kleineren bis mittleren Serien produzieren können, die besonders maßgeschneidert für die jeweilige Anwendung sind. Die Kleinserienfertigung ist unsere Stärke, das kann ein typischer asiatischer Hersteller nicht und will das auch gar nicht.

2010 eröffnete auch Faulhaber die erste Niederlassung in China. Wie konnten Sie sich dort positionieren?

Unsere Produkte weltweit über Distributoren zu vertreiben, hat sich weitestgehend bewährt. Allerdings dreht sich unser Geschäft heute weniger um Standardprodukte als um maßgeschneiderte Sonderlösungen. Ein Distributor hat meist nicht die Kapazitäten und das Know-how, um ein kompetenter Ansprechpartner für solche Anwendungen zu sein. Daher ist unsere Strategie zusammen mit unseren Distributoren, mit eigenen Büros überall dort auf der Welt zu sein, wo die Märkte eine entsprechende Kundennähe erforderlich machen. China ist ein solcher Markt.

In erster Linie haben wir unser Büro dort eröffnet für europäischen Kunden, die unsere Produkte einsetzen, in China produzieren und von dort wieder exportieren. Für den chinesischen Markt selbst waren die Produkte von uns Europäern zunächst zu teuer. Das hat sich mittlerweile geändert. Der chinesische Markt selbst wird für westliche Unternehmen interessant, der Wettbewerb härter. China ist ein unbequemer Markt, von dem wir uns aber, in absoluten Zahlen gesprochen, das größte Wachstumspotenzial versprechen.

Welcher Aufwand ist notwendig, um auch in Zukunft ausreichend Produktinnovationen auf den Markt zu bringen?

Unsere Entwicklungskapazität ist extrem wichtig. Wir setzen strategisch darauf, immer neue Produkte aus der Pipeline zu bringen und unserem Wettbewerb dabei immer einen Schritt voraus zu sein. Das ist uns bisher in den meisten Fällen auch gelungen. In fast jeder Technologie in unserer Branche waren wir die ersten. Wir sind zwar nicht als reiner Produktionsbetrieb aufgestellt, aber was wir produzieren, ist technologisch so ausgeklügelt und besonders, dass es andere erst einmal nicht können.

So genießen wir immer einen Zweijahresvorsprung, bis der Wettbewerb nachkommt. Unsere Entwicklungszyklen sind relativ lang. Es ist einfach etwas anderes, eine neue Technologie zur Marktreife zu bringen, als nur die Farbe zu ändern. Wir können uns nicht leisten, ein nicht zuverlässiges, nicht produktionsreifes Produkt auf den Markt zu bringen. Dafür würden wir schnell und hart bestraft werden. Um das abzusichern, strecken sich Entwicklungszeiten in die Länge.

Welche Visionen haben Sie für die Zukunft?

Auch wenn es langweilig klingt, aber wir werden unseren Grundsätzen treu bleiben und weiterhin auf Stabilität setzen. Man sieht in Europa momentan sicherlich nicht den Aufschwung einer gesunden und lebendigen Ökonomie. Wir planen deshalb im Moment keine aggressiven Schritte, sondern konzentrieren uns sehr stark auf unsere Produktentwicklung.

Wir werden unser Umfeld in der Antriebstechnologie kaum verlassen. Wir wären zwar in der Lage, Produkte unserer Kunden wie etwa Pumpen zu bauen, aber wir werden es nicht tun, weil wir Antriebssysteme herstellen. Wir werden unter 100 Millimeter bleiben, wir werden höchste Präzision und Zuverlässigkeit herstellen, wir werden Elektronik und Mechanik entsprechend verbinden und wir werden immer Höchstleistung auf kleinstem Raum auf den Markt bringen.

VITA

-Geboren in 1948.

-Seit 1958 Wohnsitz in Florida.

-Geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Fritz Faulhaber GmbH & Co. KG in Schönaich.

-Außerdem Präsident von Micromo in Clearwater, Florida, USA.

-Dr. Faulhaber ist verheiratet und hat fünf erwachsene Kinder.

Erschienen in Ausgabe: 02/2012