Umwälzungen

Editorial

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen (Karl Valentin). »Digitalisierung schafft Hunderttausende neue Jobs« (Spiegel, 9.4.15). »Fünf Millionen Jobs verschwinden durch Industrie 4.0« (Welt, 18.1.16). So oder so, sicher ist jedenfalls: Seit der ersten industriellen Revolution, seit Bauern zu Fabrikarbeitern wurden, hat es keine vergleichbare Veränderung der Arbeitswelt mehr gegeben, wie sie mit I4.0 auf uns zukommt. Was auch Siemens Chef Joe Kaeser meint, wenn er tausendfache Entlassungen in der Kraftwerkssparte von Siemens damit rechtfertigt, dass diese Umwälzungen nichts seien, im Vergleich zu dem, was die Digitalisierung bringe.

10. April 2018

Seit der ersten industriellen Revolution, seit Bauern zu Fabrikarbeitern wurden, hat es keine vergleichbare Veränderung der Arbeitswelt mehr gegeben, wie sie mit I4.0 auf uns zukommt. Was auch Siemens Chef Joe Kaeser meint, wenn er tausendfache Entlassungen in der Kraftwerkssparte von Siemens damit rechtfertigt, dass diese Umwälzungen nichts seien, im Vergleich zu dem, was die Digitalisierung bringe.

Diese »Änderung durch Digitalisierung« ist auch Thema unserer Umfrage zur Hannover Messe (s. ab Seite 42). In einem Punkt stimmen jedenfalls alle Befragten überein: Der größte Fehler, den ein Unternehmen bei Industrie 4.0 machen kann, ist, nichts zu machen. Und »etwas machen« heißt, die IT-seitigen Herausforderung und Chancen angehen – aber gleichzeitig auch die internen und externen Prozesse. Denn eine starre Organisation wird auch durch Digitalisierung nicht kunden- und mitarbeiterorientiert.

Neben den Unternehmen ist zudem auch die Politik dringend gefordert: In der Bildung beispielsweise muss schnellstmöglich umgesteuert werden, um Nachwuchs heranzubilden, der kreativ und selbstorganisierend arbeiten kann und nicht das erste Mal mit der Industrie-4.0-Welt in Kontakt gerät, wenn er die Schule verlässt.

Doch selbst mit einer weiteren Absenkung des Bildungsstandards wird man nicht jeden zu einem Ingenieur oder IT-Spezialisten machen können. Was aber passiert mit Menschen, die heute Werker, Monteure, Lagerarbeiter, Staplerfahrer oder Bus- und Taxifahrer werden – ihr Job aber in 10 Jahren von intelligenten Robotern und autonomen Fahrzeugen erledigt wird? Hartz IV direkt nach der Schule? Grundeinkommen?

Das Positive und der Unterschied zur 1. industriellen Revolution: Wir wissen, dass enorme Veränderungen auf uns zukommen. »Hände zur Raute falten und aussitzen« wäre deshalb auch politisch der größte Fehler, den die Gesellschaft machen kann. Sonst können wir demnächst mit Karl Valentin tatsächlich sagen: »Die Zukunft war früher auch besser!«

Hajo Stotz

Chefredakteur

Erschienen in Ausgabe: 03/2018