Und sie drehen sich doch!

Kommentar

Erneuerbare Energien – Wider die wechselnden Einwände gegen die Energiewende

04. Juni 2016

Am Muttertag 2016 wurden fast 90 Prozent des Strombedarfs in Deutschland aus erneuerbaren Energien gedeckt. Hätte man dies vor 40 Jahren zuversichtlich angekündigt, man wäre als weltfremder Träumer abgetan worden. Vielleicht auch als gefährlicher Spinner. Der Umstieg von konventionellen Brennstoffen auf erneuerbare Quellen – soeben also kurzfristig schon fast total erreicht – galt in der guten alten Bundesrepublik in weiten Kreisen der Politik und Öffentlichkeit als technisch praktisch undurchführbar. Gutachten aus dieser Zeit schienen das auch zweifelsfrei zu untermauern.

Die Prognose-Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie von 1984 etwa kam zu dem Schluss, dass Windenergie, Photovoltaik, Biogas, Geothermie, Solarthermie und Biokraftstoffe bis ins Jahr 2000 keinerlei statistisch relevanten Beitrag zur Energieversorgung leisten würden. Das entpuppte sich als reichlich falsch, wie wir heute wissen. Im Jahr 2000 übertraf die tatsächliche Nutzung erneuerbarer Energien sogar eine damals erst zwei Jahre alte und nachträglich angehobene BMWi-Prognose um das Dreifache. Und nicht nur das Wirtschaftsministerium wurde von der Wirklichkeit überholt. Die Internationale Energieagentur IEA lag mit ihren Vorhersagen regelmäßig ähnlich weit daneben. 1994 sagte sie für die Windenergie eine Gesamtkapazität von 100 Gigawatt im Jahr 2020 voraus. Schon im Jahr 2008 kassierte die Realität diese Marke – und legte gleich noch 20 Prozent oben drauf. 2014 wurden dann 369 Gigawatt erreicht. Ähnlich die Lage in der Photovoltaik: Die für 2024 erwarteten 180 GW wurden bereits 2015 produziert.

Dabei tat die Politik über die Jahre allerhand, um ihre pessimistischen Prognosen zu halten – bis an die Grenze zur aktiven Sabotage. Vielen unvergessen bleibt zum Beispiel die Scharade rund um das Riesen-Windrad Growian. Dieses Pilotprojekt wurde 1981 für saftige 90 Millionen Deutsche Mark errichtet. Es besaß einen fantastischen Rotordurchmesser von 100 Metern. Es speiste in zwölf Monaten sensationelle neun Stunden lang Strom ins Netz ein. Der spektakuläre Flop war kaum verwunderlich, denn man hatte den Bock zum Gärtner gemacht und ausgerechnet das Kernforschungszentrum Jülich und den Kohle-Konzern RWE mit dem Bauvorhaben betraut. »Wir bauen Growian, um zu zeigen, dass es nicht geht«, hieß es unverblümt aus dem Vorstand des Energieversorgers. Keine 20 Jahre später standen in Deutschland trotzdem so viele Windkraftanlagen wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Die technische Entwicklung ist den Unkenrufern in so atemberaubender Geschwindigkeit enteilt, dass heute die Machbarkeit der Energiewende kaum mehr glaubwürdig zu bestreiten ist. Rein technisch könnte sie weltweit bis zum Jahr 2030 vollzogen sein.

Gegenwinde politischer Art werden die Entwicklung aber voraussichtlich unnötig bis zum Jahr 2050 verschleppen. Man stellt sich mit immer neuen Bedenken und originellen Verhinde-rungsmaßnahmen quer. Sei es die Sorge um die Verspargelung der Landschaft. Die EEG-Umlage. Die Diskussion um eine effiziente Laststeuerung. Die Regulierung der Strompreise. Den vorübergehenden Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomenergie und anschließenden Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg, mitsamt neuen Verhandlungs- und Verfahrensschritten.

Jüngst wurden sogar wieder ganz offensiv Argumente für die nukleare Energieerzeugung ins Feld geführt: Als energiepolitische Strategie gegen die Abhängigkeit von russischem Öl und Gas wollen vor allem Länder wie Polen und Tschechien, aber auch Frankreich und Großbritannien bitteschön weiter auf Atomkraft setzen. Auch wohlfeile Forschungs- und Wirtschaftsinteressen müssen als Rechtfertigung herhalten. Mitte Mai erst wurden Pläne öffentlich, nach denen die EU neue Mini-Reaktoren bauen wolle, um »die Technologieführerschaft in der Nuklearenergie zu erhalten« – was natürlich nur mit einer »lebendigen heimischen Nuklearindustrie« umzusetzen sei. Dabei hat man offenbar nicht nur Tschernobyl und Fukushima gründlich verdrängt, sondern auch die Überlegung, dass uns eine grüne Energiewende ebenfalls unabhängig von russischem Gas und Öl machen würde. Und selbst wenn in keinem Meiler je wieder etwas passiert, scheint die Atommüll-Diskussion plötzlich auch keine mehr zu sein. Es ist aber doch bekannt: Ein Endlager sollte tunlichst eine Million Jahre sicher verschlossen bleiben. Dafür sind verlässliche Vorkehrungen zu treffen. Rechnerisch müssen sie in die Total Cost of Ownership eingehen. Und schon sieht die Kosten-Nutzen-Rechnung für die Atomenergie sehr betrüblich aus. Eine strahlende Zukunft stelle ich mir anders vor.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 05/2016