Interview

»Unser Profil muss klar erkennbar bleiben«

Frank Blase – Für ein etabliertes, aber auch aufstrebendes Unternehmen wie Igus ist es unerlässlich, seinen eigenen Weg zu finden und sich auf die wirklichen Stärken zu verlassen. Der Geschäftsführer erzählt, wie er das möglichst erfolgreich umsetzen will.

21. August 2018

Herr Blase, Igus ist die Motions Plastics Company und man merkt, dass die Begeisterung für Kunststoff hier überall gelebt wird. Aber was interessiert Sie ganz persönlich an diesem Werkstoff, mit dem Sie ja quasi aufgewachsen sind, und woher kommt die Konzentration auf bewegte Kunststoffe?

Ich denke, dass es gut ist für eine Firma, wenn dessen Profil klar erkennbar ist. Und vielleicht liegt da auch die Kunst im Weglassen. Wobei Motion Plastics an sich ist schon ein Riesenbereich. Daher sehen wir eher die Gefahr, uns innerhalb der Motion Plastics noch zu verzetteln und zu viel anzupacken, als die Gefahr, dass uns die Stoffe ausgehen.

Zur ersten Frage: Der berühmte Designer Charles Eames hat mal gesagt, man sollte einem Designer den Kunststoff nicht in die Hand geben, bevor er 50 Jahre alt ist, weil man mit dem Kunststoff so viel machen kann. Das Übertragen auf meine Person bedeutet: Ja, ich bin damit groß geworden, aber ich erkenne erst jetzt, was für Möglichkeiten in dem Werkstoff stecken, und ich bin glücklich, weil wir mit der Fokussierung auf die Bewegung ein Feld gefunden haben, dass uns etwas eingrenzt, in dem wir aber noch sehr viel machen können. Und dieses Machen erfolgt aus eigener Kraft.

Ich komme erst gerade aus der letzten Entwicklungsbesprechung für die diversen Bereiche und jede Woche sehen wir die Ergebnisse und Fortschritte. Alles von der Produktidee, Erfindung, Produktion, Vermarktung auf diese Weise noch aktiv im Haus begleiten und kontrollieren zu können, finde ich großartig und begeistert mich nach wie vor, auch wenn es manchmal Rückschläge gibt. Die Möglichkeiten sind wirklich fantastisch.

Wenn Sie sagen, dass man innerhalb der Motion Plastics noch so viel machen kann, was haben Sie denn vor?

Unser Traum ist ja, dass wir so bekannt werden, dass die Leute uns anrufen, wenn sie irgendein Bewegungsproblem haben. Wenn zum Beispiel ein Fahrrad quietscht und der Anwender sagt: Ich kenne die gängigen Bewegungselemente, aber erstmal sehen, was Igus dazu sagt. Ganz konkret geht es natürlich um Zahnräder, wir befassen uns jetzt aber verstärkt auch mit anderen Komponenten wie zum Beispiel Rollen, aber in einer einfacheren Art und Weise, also Bauteile, die man aus einem Kunststoff fertigen kann. Und immer wieder geht es bei Igus um das Berechenbare, wir forschen also so viel, dass der Anwender oder Konstrukteur vorher weiß, worauf er sich einlässt. Das ist unser erklärtes Ziel.

Für den Anwender ist Kunststoff dank ihrer Forschung und Tools jetzt berechenbar, für Ihre Entwickler aber eher unberechenbar. Wie geht man mit diesem unternehmerischen Risiko um?

In der Tat, die Entwicklung eines unserer Lüfterlager hat insgesamt rund 30 Jahre gedauert. Zum einen können wir darum nicht unbedingt nur auf die Kosten schauen, und wir wissen andererseits auch nicht ganz genau, was alles in unserer Forschungsabteilung passieren wird. Wir starten viele Ballons, wir pflanzen viele Samenkörner, wir unternehmen eine Vielzahl von Initiativen. Im Moment haben wir das Glück, vor allem in so einer Phase, dass die Produkte, die wir schon seit drei Dekaden produzieren, immer noch einen Markt haben und nach wie vor gefragt sind, und das erlaubt uns im Moment, das Geld in die Forschung zu stecken. So können wir für die Zeit vorsorgen, wo manche Produkte nicht mehr so gut laufen.

Eine Initiative ist die der Kunststoffkugellager. Hier scheinen die Fortschritte noch nicht so groß.

Wir haben gedacht, dass wir die Quantensprünge hier schneller hinkriegen. Im Vergleich zu den Kunststofflösungen, die wir auf dem Markt vorgefunden haben, konnten wir die Lebensdauer ungefähr verdreifachen. Das ist gut, aber im Wettbewerb zu Metallkugellagern wollen wesentlich mehr erreichen, und zwar ohne Schmierung. Das scheint aber in der Praxis ein dickeres Brett zu sein.

Wir schauen uns die Grundwerkstoffe an und beginnen zu variieren, aber manchmal bringen nur ein bis zwei Prozent dieser Veränderungen einen entscheiden Schritt im Hinblick auf das erstrebte Produkt. Die Walkfähigkeiten des Kunststoffs sind zwar auch tribologisch, aber ganz anders als die Gleiteigenschaften. Das haben wir unterschätzt und auf diesem Gebiet müssen wir noch größere Anstrengungen unternehmen als wir gedacht hatten, um auf Faktor zehn oder höher zu kommen.

Wie lange kann das noch dauern?

Ich verwende sehr ungern den Begriff Hoffnung in Verbindung mit dem Unternehmen. Aber in dem Fall können wir nur hoffen, dass unsere verstärkten Aktivitäten zu dem gewünschten Erfolg führen oder endlich einen Durchbruch bringen. Denn das würde noch viel mehr Kunden als heute die Möglichkeit bieten, leichtere Bewegungen schmierfrei umzusetzen und Kosten zu sparen. Die metallischen Kugellagerhersteller müssen sich da im Moment jedoch keine Sorgen machen… Der Markt ist riesengroß und da wären für uns auch schon kleinere Fortschritte sehr wertvoll.

Eine Initiative bei den klassischen Kunststoffprodukten ist Smart Plastics, die seit knapp zwei Jahren läuft. Wie ist hier Ihr Resümee?

Überraschend positiv. Es haben auch schon sehr große Firmen mit großen Werken Komplettlösungen bestellt und installiert. Die Pläne sind sehr konkret, wir haben dafür sogar eine kleine Business Unit als Start-up gegründet und dementsprechend investiert. Wir werden regelmäßig neue

Lösungen präsentieren wie jüngst die einfache Bedienung aller Elemente von einem Smartphone aus. Wir werden die verschiedenen Wege noch stärker akzentuieren, wie der Kunden die Smart-Plastic-Module und weitere Sensoren einfach anschließen kann – über die Cloud oder die eigene Steuerung.

Momentan sind Smart Plastics eher in industrienahen Komponenten verbaut. Ist da die einfache Bedienbarkeit via Smartphone wirklich so ein großes Thema wie bei consumerorientierten Produkten?

In diesem Bereich sehen wir uns eher nicht. Aber für Monteure oder Instandhalter, die Bereitschaftsdienst haben und irgendwo anders sind und die dann auf das Firmensmartphone zurückgreifen können und Signale bekommen, sehen wir einen Markt.

Gibt es bei Igus die Absicht, Intelligenz in mehr und auch industriefernere Produkte zu integrieren?

Eher nicht. Wir glauben, dass der Druck, mit geringen Margen weltweit wettbewerbsfähig zu sein, zunimmt und dass das besonders für Automatisierung und Anlagenverfügbarkeit gilt. Es muss immer alles perfekt laufen, das schwächste Glied in der Kette bestimmt das Tempo und damit Gewinn oder Verlust. In diesen Punkten ist das Bewusstsein der Kunden gestiegen und auch die Bereitschaft, tiefer in das Thema einzusteigen. Darum sehen wir hier ein riesiges Potenzial. Der Consumerbereich ist im Moment für uns noch nicht relevant, sehr wohl aber bestimmte Aspekte wie etwa die Integration von Sprachassistenten. Die Frage hierbei ist, wie wir Komfort und Bequemlichkeit aus dem privaten Bereich in die Industrie übertragen können. Wir glauben, dass diese Segmente stärker zusammenwachsen.

Eine andere Technologie, die aus der Industrie zum Beispiel ins Handwerk wächst, ist die Low-cost-Automation. Dieser Bereich wird Ihrer Meinung nach explodieren. Worauf stützen Sie diese offensive Aussage?

Diese Aussage war auf den Weltmarkt bezogen, nicht konkret auf Igus. In China etwa sollen nicht weniger als 4.000 Roboterhersteller aktiv sein, hat mir ein chinesischer Firmenchef gesagt. Der VDMA geht von mindestens 400 aus. Der Bedarf für Low-Cost-Automation, um etwa simple Pick-and-place-Anwendungen für weniger als 5.000 Euro zu lösen, ist auf jeden Fall vorhanden und darum scheint mir der Begriff »explodieren« nicht übertrieben.

Wie kann sich Igus in diesem riesigen Markt positionieren?

Wir sehen uns auf keinen Fall als Integrator oder Komplettanbieter. Dazu muss man intensiv vor Ort sein. Igus soll idealerweise nur die zusammengebaute Komponente liefern, genauso wie unser OEM-Kunde das gerne hätte und wie wir das bereits mit Ready Chain oder Drylin machen. Der Roboterhersteller oder Maschinenbauer vereint das System dann nur noch mit seiner Steuerung. Wir konzentrieren uns hauptsächlich darauf, dass die verbauten Getriebe eine hohe Qualität und Lebensdauer besitzen. Diese für den Kunden wertvolle Integration haben wir ja bereits mit bürstenlosen Gleichstrommotoren gezeigt und Sensorik ist dabei unser Hauptgeschäft. Da sehe ich auch für Igus die größte Chance.

Manche meinen, mit Hardware könne man kein Geld verdienen, aber wenn wir ein tolles mechanisches Herzstück eines Roboters entwickeln, das über Massenfertigung sehr günstig zu produzieren ist, dann wird es dafür auch einen Markt geben.

Ganz ohne Software geht es aber meist doch nicht …

Wir unternehmen Versuche mit einem Roboterarm, der ganz für sich alleine arbeiten kann und Sensorik und Steuerung bereits umfasst. Wir kooperieren hierbei mit Commonplace Robotics aus Osnabrück. Inhaber Dr. Christian Meyer entwickelt dort mit nur vier Mitarbeitern und zusammen mit Igus fertige Arme, die wir bei uns im Spritzguss herstellen und auch vertreiben. Der aktuelle Output sieht schon sehr wie ein echter Roboter aus und durch den Kunststoff als Material können wir ziemlich günstig sein sowie dank Commonplace Robotics auch die Steuerung günstig integrieren.

Sie nehmen sehr viele Kleinaufträge an. Wird das bei Ihrem gigantischen Wachstum nicht zum Hemmschuh?

Wenn Amazon das kann… Im Ernst, dieses Prinzip ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzepts von Igus. Und dank der aufkommenden Digitalisierung ist es auch besser möglich, Bestellungen schnell und papierlos aufzunehmen und auszuführen. Wir müssen alles unternehmen, um Igus fit zu machen für die Ära Industrie 4.0, es unseren Kunden möglichst einfach zu machen und auch viele Freundschaften zu erhalten. Die Ziele müssen deshalb sein, uns ein großes Know-how bei Werkstoffen und Fertigung zu erarbeiten, das uns wesentlich krisenfester macht. Das gilt auch für die Logistik, da hat es uns Amazon bereits vorgemacht.

Aber grundsätzlich ist es für ein Unternehmen in der Größe von Igus zu riskant, nur auf eine Sache oder nur auf Großaufträge zu setzen, und darum werden wir unsere Geschäfte auch in Zukunft auf viele Felder verteilen.

Und Sie fertigen weiterhin ausschließlich in Köln.

Ja, jedes Gramm Kunststoff, das wir in China verkaufen, kommt derzeit noch aus unserem Stammwerk. Die Supply Chain ist perfektioniert, vor Ort wird nur montiert und veredelt. Das praktizieren wir in zwölf Märkten. Nur in den USA produzieren wir seit knapp zehn Jahren auch selbst, ungefähr ein Drittel des Bedarfs. Wahrscheinlich kommen wir aufgrund des Wachstums auch an anderen Standorten nicht daran vorbei, unseren Grundsatz aufzuweichen, und wir prüfen derzeit, wo eine eigene Produktion sinnvoll ist. In anderen Produktbereichen sind wir in der Hinsicht schon sehr stark unterwegs.

Vita Frank Blase

Frank Blase wurde Ende 1959 in Köln-Kalk als Sohn des Ingenieurs und Igus-Gründers Günter Blase und der Steuerberaterin Margret Blase geboren.

Nach seinem Abitur 1978 ging Frank Blase in die USA um dort an der Texas Christian University erfolgreich seinen Master of Business Administration zu absolvieren.

Nach einem Management-Trainee in einem Konzern entschied er sich 1983 für den Einstieg ins Familienunternehmen.

Zunächst war Frank Blase in Deutschland tätig und unterstützte und begleitete zwei Jahre darauf die Gründung der Igus-Niederlassung in den USA.

Seit 1993 ist Frank Blase Geschäftsführer der Igus GmbH, die derzeit weltweit mehr als 3.800 Mitarbeiter beschäftigt.

Frank Blase ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Bergisch Gladbach.

Erschienen in Ausgabe: 06/2018

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