Versichern Sie mal Ihr AKW

Kommentar

»Es gilt in zukunftssichere Energieerzeugung zu investieren und nicht die risikobehafteten Verfahren der Verangenheit wieder aufleben zu lassen.«

15. Oktober 2010

Der »größte anzunehmende Unfall« bei einer Windkraftanlage: Der Blitz schlägt ein, der Mast kippt um, eine vielköpfige Hasenfamilie am Fuß der Anlage kommt ums Leben oder trägt schwere Verletzungen davon. Und der GAU bei einer solartechnischen Anlage? Nachts fährt ein Kleintransporter aus osteuropäischen Gefilden vor, am nächsten Tag sind einige der teuren Panele futsch. Auch die Betriebsrisiken bleiben in beiden Fällen überschaubar: Wo der einen Form der Energiegewinnung eher schlechtes Wetter dienlich ist und Windstille zu niedriger Ausbeute führt, verhagelt im anderen Fall starke Bewölkung die Bilanz. Von unkalkulierbaren Gefahren kann hier wie dort keine Rede sein. Und wenn irgendwann am Ende die Entsorgung ansteht, freut sich vielleicht sogar noch der Schrotthändler.

Jetzt aber mal im Ernst. Die Menschen benötigen – dies ist nun einmal die Realität – Energie in Mengen, die heute noch nicht nachhaltig zu erzeugen ist. Diese Einsicht ist nicht neu, aber die Schlussfolgerung, zur Bedarfsdeckung Kernenergie einzusetzen oder gar noch auszubauen, nichtsdestoweniger immer noch falsch. Auch wenn man die Warnungen und Mahnungen vor den Risiken der Kernenergie bald nicht mehr hören kann – als Ingenieur weiß man, dass keine Technik absolut sicher ist. Für jedes sicherheitsrelevante System wird die real existierende Ausfallwahrscheinlichkeit errechnet, die ohne kriminelle mathematische Manipulationen niemals den Wert 0 erreichen kann. Es bleibt also immer eine kleine, aber reale Chance für das Eintreten der Katastrophe. Die Frage stellt sich dann nur noch danach, wie groß der Schaden im vorgeblich »unwahrscheinlichen« Fall sein wird. Jeder Flugzeugbauer muss damit leben, dass das Restrisiko im schlimmsten Fall hunderte Tote fordern kann. Auch die Konstrukteure der Titanic oder der Concorde haben alles in ihrer Macht stehende getan, um die Systeme so sicher wie möglich zu gestalten. Hin und wieder geht’s trotzdem schief – die Statistik lässt sich nicht besiegen. Doch die jeweiligen Dimensionen der »größten anzunehmenden Unfälle« in der Luftfahrt und in der Kernenergie könnten kaum weiter auseinander liegen. In letzterem Fall geht es nicht nur um einige hundert Tote, sondern um die Bewohnbarkeit unserer Heimat. Der Staatsbankrott zählte dabei vermutlich zu den eher harmlosen Folgen. Wie man es dreht und wendet, die Energieerzeugung durch Kernspaltung ist unverantwortlich, weil niemand, selbst wenn er es wollte, ernsthaft die Verantwortung übernehmen könnte – wie sollte er denn? Wenn aber die Kernenergie wirklich so sicher ist, wie es Betreiber und einige Politiker darstellen, dann sollte es einfach zur Bedingung für den Betrieb eines AKW gemacht werden, es gegen einen Unfall zu versichern. Die besten Spezialisten für Risikoeinschätzung sind die großen Versicherer, weil sie jede Fehlbewertung riesige Summen kosten kann. Dass aber die Betreibergesellschaften von der Versicherungspflicht ent-bunden sind, weil sie niemanden finden würden, der ihnen die AKW versichert, sollte auch dem letzten Befürworter zu denken geben. Dass zudem eine noch so sichere Technik keine Garantie gegen Unfälle bietet, solange sie von unvollkommenen Menschen bedient wird und dass nach wie vor niemand eine Ahnung hat, was wir mit dem anfallenden Müll tun sollen, sei hier nur noch am Rande erwähnt – zu bekannt sind diese Kritikpunkte nach einer nunmehr 40 Jahre andauernden Debatte. Wir werden ohnehin mit den derzeit laufenden Kraftwerken und dem Müll noch genug zu tun haben und sollten beginnen, uns anstatt auf die Verlängerung der Laufzeiten auf die Beseitigung der Rückstände inklusive der stillgelegten Anlegen konzentrieren. Auch dies ist ein Bereich, in dem Deutschland irgendwann zu einem weltweit gefragten Technologieführer werden kann. Also lasst uns in die Zukunft investieren und nicht in die Vergangenheit.

Erschienen in Ausgabe: Sonderheft Green/2010