Verwechselt nicht Resourven mit Ressercen!

Kommentar

Unternehmensplanung – Den Unterschied zwischen Ressourcen und Reserven zu erkennen, fällt vielen nicht leicht, und sie scheinen es auch nicht so genau zu nehmen.

19. März 2014

Vor kurzem ist mir das Licht aufgegangen, das mich schon seit längerem als schwacher Schimmer begleitete: Bei Pressekonferenzen und anderen Veranstaltungen, auf denen Geschäftsführer von Automatisierungsunternehmen und Marktexperten von großen »Ressourcen« sprachen, die es zu heben oder »anzuzapfen« gelte, hatte ich regelmäßig das dumpfe Gefühl, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Oft saß ich dabei zweifelnd im Auditorium, staunte über die Powerpoint-Feuerwerke, die die Vortragenden zur höheren Weihe der großartigen Geschäftsaussichten abbrannten, und fragte mich, welches Missverständnis den hochfliegenden Plänen denn tatsächlich zugrunde läge.

Für Erleuchtung sorgte ein gemeinsam mit mir reisender Fahrgast der Bahn, der sich als guter Kenner der Fracking-Thematik einschließlich der Fördermethoden und wirtschaftlichen Aspekte erwies. Bei unserem Gespräch über die Vor- und Nachteile des Fracking brachte er es auf den Punkt: »Die Leute machen immer wieder den Fehler, ‚Ressourcen‘ mit ‚Reserven‘ zu verwechseln.« Während Ressourcen die Gesamtheit aller theoretisch existenten Mittel, Materialien oder auch Energieträger bezeichne, seien Reserven dasjenige, worauf man wirklich zugreifen könne.

Diese Begriffe würden oft aber fleißig durcheinander gebracht, weil die Menge potenzieller Ressourcen viel verheißungsvoller wirke als diejenige der real bereitstehenden Güter. Das leuchtete mir auf Anhieb ein, und dass man durch Verwechslung schnell liegenbleiben kann, belegt das Beispiel eines Autofahrers, der früher oder später tanken muss. Ein Realist, der sein Ziel unbedingt zu einer bestimmten Zeit erreichen muss, schaut auf die Tankanzeige und bezieht die Sprit-Reserve in seine Planung ein. Als einer jener superoptimistischen Marktexperten hingegen würde er mit dem beruhigenden Gedanken an der letzten Tankstelle vorbei fahren, dass das Öl auf diesem Planeten ja noch die nächsten zwanzig Jahre reicht.

In diesem grotesken Beispiel spiegelt sich leider mehr Realität, als uns lieb sein kann – im Großen wie im Kleinen. Oft erfolgt der Austausch von Ressourcen und Reserven vorsätzlich. Da ist etwa die amerikanische Fracking-Industrie, die gewaltige Schieferöl/gas-Ressourcen ausrechnet, um die eigenen Aktienkurse angesichts real sinkender Fördermengen bei der traditionellen Ölgewinnung zu stabilisieren. Doch angesichts kurzfristig explodierender Fördermengen gehen die Preise in den Keller, langfristige Sparziele geraten unter die Räder, die ersten Ölgesellschaften steigen bereits wieder aus, und von den möglicherweise hohen ökologischen Folgekosten will ohnehin niemand etwas wissen. Es wird sich also in der (nahen) Zukunft herausstellen, inwieweit die vermeintlich gewaltigen Ressourcen wirklich Nutzen gebracht oder doch nur ein kurzes Strohfeuer entfacht haben. Anstatt also zu überlegen, wie sich der Spatz in der Hand am besten verkaufen lässt, wurde lieber ein Großhandel für Tauben eröffnet, die noch auf dem Dach sitzen. Nachhaltiges Wirtschaften ist jedenfalls nur möglich, wenn sich die Planung auf die verlässlichen Reserven stützt. Bloßes Vorhandensein von Ressourcen reicht nicht – die Verwertbarkeit hängt von Förderkosten, Risiken oder Nachfrage ab.

Im kleineren Maßstab erlebe ich eine vergleichbare Einplanung bei Steuerungsherstellern aus der Fabrikautomation, die mit ihren Produkten auf den nur auf den ersten Blick ähnlichen Markt für Outdoor-Maschinen drängen, weil sie meinen, dafür noch Ressourcen zu haben. Wer aber mit seinen »Human Ressources« rechnet, der sollte sich fragen, ob er seine Mitarbeiter vernünftig auslastet. Tatsächlich erfordert die Einrichtung neuer Geschäftsbereiche Reserven – also konkret: unbeschäftigte Mitarbeiter. Wenn er die wirklich hat, solls recht sein: Dann fehlt nur noch die notwendige Reserve an entsprechendem Know-how, denn allein mit Fachwissen-Ressourcen bringt man so schnell kein Produkt auf den Markt, sondern nur die gute alte Vaporware.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 02/2014