Vielfalt von der Stange

Strategie - Wer Investitionsgütern einsetzt, fragen heute weniger nach den Funktionen der einzelnen Produkte und Systeme, sondern sucht Prozesse, mit denen sich bestimmte Aufgaben schneller und einfacher erledigen lassen - und die sind oft sehr branchenspezifisch. Wer als Anbieter Erfolg haben will, muß deshalb für die jeweilige Branchen entsprechende Lösungen anbieten.

23. August 2005

Für Hersteller von Antriebstechnik genügt es heute nicht mehr, lediglich Komponenten anzubieten: Wahrhaft innovative Lösungen erfordern zudem eine detaillierte Kenntnis der Fertigungs- und Logistikprozesse der jeweiligen Anwender. So müssen die Anbieter von Automatisierungslösungen beispielsweise in der Nahrungs- und Genußmittelindustrie eine Vielzahl spezieller Anforderungen unter Beachtung einschlägiger Hygienevorschriften erfüllen. Nötig sind hier also nicht allein vor Spritzwasser geschützte Antriebslösungen in hohen Schutzklassen, sondern beispielsweise auch aseptische Antriebslösungen oder lebensmittelverträgliche Schmiermittel.

Wichtig ist neben dem Wissen um den rein technischen Prozeß aber auch das Wissen um die ›Gepflogenheiten‹ in der jeweiligen Branche: So ist die Reinigung der Produktionsanlagen in vielen Betrieben aus der Lebensmittelbranche eine Aufgabe für Hilfsarbeiter oder externe Reinigungsdienstleister, denen unter Umständen nicht bewußt ist, daß eine Behandlung mit einem Hochdruckreiniger sich nicht für alle Dichtungen und Lager nicht direkt betreff en, aber den gesamten Prozeß beim Kunden entscheidend prägen können: So müssen beispielsweise Lebensmittelproduzenten seit dem 1. Januar 2005 EU-weit die Rückverfolgbarkeit der Herstellungsbedingungen garantieren können. Dieser Anspruch betrifft damit auch die Lieferanten von Automatisierungstechnik. Andere Voraussetzungen gelten in der Baustoff - und Prozeßindustrie: Ein großes Thema sind hier zum Beispiel ex-geschützte Antriebslösungen. Zudem müssen die hier eingesetzten Antriebe den oft sehr abrasiven und aggressiven Medien standhalten. In der Automobilindustrie spielen dagegen Präzision und Zuverlässigkeit eine entscheidende Rolle. Ein anderes Beispiel ist die Logistikbranche: Hier werden einerseits die Anforderungen an Fördereinrichtungen anspruchsvoller und spezifischer, während andererseits für diese Aufgabe immer weniger Bauraum zur Verfügung steht. Immer vielfältiger werden auch die Aufgaben im Bereich der Verpackungsmaschinenindustrie, schließlich dient eine Verpackung heute nicht mehr allein dem Schutz des Produktes, sondern wird zunehmend zu einem funktionalen Design und Differenzierungselement mit individueller Gestaltung und vielfältiger Funktionalität. Moderne Verpackungsmaschinen müssen deshalb zugleich hochproduktiv und flexibel einsetzbar sein, weil die immer größer werdenden Verpackungsvarianzen zu immer kleineren Losgrößen führen. Entsprechend klein sind auch die Maschinenserien selbst: So bauen viele Hersteller von Verpackungsmaschinen eine Maschine in unveränderter Form nur wenige Male auf. Die eingesetzte Antriebstechnik muß daher für alle diese Anforderungen eine zukunftssichere und performante Lösung bereitstellen. Vollkommen individuelle Lösungen jedoch sind nicht nur teuer, sondern lassen sich zudem weniger einfach installieren und warten als Standardlösungen. Erreichen läßt sich eine flexible Anpassung der Maschinenfunktionen deshalb nur mit einer baukastenähnlichen Maschinenkonzeption, bei der auch die Steuerungstechnik relativ unabhängig ist. Optimal sind dabei Antriebslösungen, die bereits branchenspezifisch vorkonfektioniert sind und damit bereits einen Großteil der branchenspezifischen Bedürfnisse abdecken. Ein geeigneter Lieferant von Antriebstechnik bietet deshalb nicht allein ein umfassendes Angebot an Servomotoren, Getrieben und Antriebsumrichtern, sondern leistet zudem kompetenten Support für die schnelle Integration neuer Antriebselemente. Eine Vielzahl von Feldbus- und Netzwerk- Schnittstellen sowie die passende All-in-one-Bediensoftware ermöglichen dabei die nahtlose Integration in die vorhandene Infrastruktur. Solche vielfältigen Aufgaben löst zum Beispiel die mechatronische Antriebseinheit Movigear des Antriebstechnikherstellers SEW-Eurodrive. Die kompakte Lösung des Unternehmens aus dem badischen Bruchsal vereinigt Motor, Getriebe und Elektronik zu einer mechatronischen Antriebseinheit. Beim Einsatz in Förderanlagen meistert die Lösung auch die hohen Losbrech- und Beschleunigungsmomente nach längeren Stillstandszeiten einer Anlage, wie sie bei solchen Anwendungen vorkommen. Die optimal angepaßte Leistung und der hohe Systemwirkungsgrad vermeiden dabei eine Überdimensionierung und helfen, die Energiekosten zu senken. Der Aufbau aus systematisch entwickelten und aufeinander abgestimmten Standardkomponenten verlängert die Anlagenverfügbarkeit und reduziert den Installationsaufwand. Die hohe Schutzart und glatte Oberflächen erfüllen hohe Ansprüche an die Hygiene, der lüfterlose Betrieb reduziert zudem die Geräuschentwicklung. Eine weitere aktuelle Herausforderung für Anbieter von Antriebstechnik ist die zunehmende unternehmensübergreifende Steuerung der Logistik entlang der gesamten Lieferkette sowie die Einbindung der Lagertechnik in unternehmensweite Software- Lösungen: Gefragt ist deshalb auch eine Möglichkeit, jeden einzelnen Antrieb über Bussysteme oder Datenfunk in den unternehmensweiten Informationsfluß einzubinden. Lösen läßt sich diese Aufgabe beispielsweise mit ferngelenkten Shuttles mit kontaktloser Kommunikations- und Energieversorgung, mit denen sich die Transportgutlogistik über verschiedene Ebenen hinweg verwalten und nach vorgegebener Konfektionierung steuern läßt. Die Energieversorgung der einzelnen Shuttles erfolgt kontaktlos durch Movitrans- Komponenten. Die Steuerung und Kommunikation der Shuttle wird mit der neuen, für mobile Anwendungen optimierten, dezentralen Antriebssteuerung ›Movipro ‹realisiert. Die Kommunikation erfolgt über ein WLAN. Ein entlang der Fahrstrecke verlegter Leckwellenleiter gewährleistet, daß keine Kommunikationslöcher entstehen. Branchenspezifisch abgestimmte Lösungen ermöglichen also ein komplettes, auf spezifische Bedürfnisse abgestimmtes Angebot von Leistungen über den gesamten Lebenszyklus.

Erschienen in Ausgabe: DIGEST/2005