Vom Klimakiller zur Rohstoffquelle?

Kommentar

Kohlendioxid – Die Politik kommt beim Klimaschutz ins Schwitzen – die Industrie forscht an neuen Lösungen.

12. Juni 2018

Während die fossilen Ressourcen schwinden, nimmt der weltweite CO2-Ausstoß allen Warnungen und Beschlüssen zum Trotz weiter zu. Angesichts des im letzten Jahr verzeichneten Rekordhochs von 32,5 Gigatonnen dürfte sich das 2015 in Paris für 2100 angepeilte 1,5-Grad-Ziel in nichts als heiße Luft auflösen. Selbst einer Begrenzung des Anstiegs der Erderwärmung um zwei Grad räumen Klimaforscher nurmehr eine Erfolgschance von mickrigen fünf Prozent ein.

Lang, lang ist’s her, dass sich unsere Bundeskanzlerin an der Seite Sigmar Gabriels medienwirksam als Klimaretterin auf Grönland ablichten ließ. Verkündete sie 2007 vollmundig, sich mit aller Kraft für den weltweiten Klimaschutz einzusetzen, so musste die Bundesregierung jetzt im Januar kleinlaut gegenüber der EU-Kommission eingestehen, alle bis 2020 zugesagten Grenzwerte zu verfehlen. Das betrifft nicht nur das ambitionierte selbst gesetzte Reduktionsziel von 40 Prozent, sondern auch die verbindlich vereinbarte Drosselung der Treibhausgasemissionen um jährlich 14 Prozent. Schon wird ein Aufkauf bulgarischer Emissionszertifikate erwägt, um die eigene Lücke vorerst zu schließen.

Derweil behauptet Deutschland seine Spitzenposition im Braunkohleabbau und ist bei der Kohleverstromung – dem Hauptverursacher des Treibhauseffekts – derart produktiv, dass vom Grundlastkontingent noch reichlich Megawatt für den Export abfallen. Beim nach dem Stromsektor bundesweit zweitgrößten CO2-Emittenten, dem Verkehr, sieht es kaum besser aus. Seit offenkundig wurde, dass der Diesel seinen ökologischen Vorsprung bisher nicht im Straßenverkehr, sondern auf dem Prüfstand herausfährt, schießen die Verkaufszahlen für Benziner wieder in die Höhe. Deren schlechtere CO2-Bilanz wird zusätzlich durch den Umstand verschärft, dass wohl selbst die Innenstadt nach geländegängiger Motorisierung verlangt. Bei den Neuzulassungen konnten SUVs 2017 einen Zuwachs von satten 15 Prozent verzeichnen, wobei sich – dank Tricks bei der Emission – die CO2-Effizienz auch dieser Fahrzeugklasse zumindest auf dem Papier im grünen Bereich bewegt.

Das heute von uns in die Luft geblasene Kohlendioxid wird seine Treibhauswirkung erst in rund zehn Jahren entfalten. Einmal freigesetzt, trägt es jedoch über ein Jahrhundert zur Erderwärmung bei. Um den prognostizierten Temperaturanstieg im global verträglichen Rahmen zu halten, sind laut Weltklimarat neben einer akuten Emissionsbegrenzung auch Maßnahmen zum Abbau des bereits emittierten CO2 erforderlich. Deshalb braucht es auf mittlere Sicht effektive Technologien, um das Treibhausgas der Atmosphäre wieder zu entziehen. Mit dem vor allem von Kohlekraftwerk-Betreibern favorisierten CCS-Verfahren scheint es allerdings nicht recht zu klappen. Die vermeintlich saubere Kohleverstromung, bei der das CO2 abgeschieden und dann unterirdisch verpresst wird, senkt nicht nur den Wirkungsgrad der Anlagen. Die Endlagerung in erschöpften Erdgasfeldern oder Sandsteinschichten stößt überdies auf massive Vorbehalte bei Anrainern und Umweltorganisationen. Auch seitens der zuständigen Behörden herrscht bemerkenswerte Unstimmigkeit: Während das Wirtschaftsministerium die CCS-Verklappung als wichtige Klimaschutzsäule bezeichnet, kann das Umweltbundesamt darin höchstens eine Übergangslösung erkennen.

Statt weiterer leidiger Endlagerdebatten halte ich es für aussichtsreicher, Technologien voranzutreiben, die den Schadstoff in eine neue Ressource umwandeln. Sie verleihen der gern reklamierten Vorreiterrolle im Klimaschutz einen innovativen Schub, von dem Umwelt und Wirtschaft gleichermaßen profitieren. An Modellprojekten fehlt es jedenfalls nicht. Im Ruhrgebiet wird derzeit eine Pilotanlage errichtet, die Kohlendioxid mittels künstlicher Photosynthese zu Rohstoffen für die Kunststoffproduktion verarbeiten soll. Im Rheinland setzt ein Unternehmen CO2 bereits zur Herstellung von Weichschäumen für Polster und Matratzen ein. Und in Sachsen wird auf Basis von Ökostrom, CO2 und Wasser ein synthetischer Erdölersatz erzeugt, aus dem sich unter anderem klimafreundlicher Treibstoff für Schiffe, Fahr- und Flugzeuge gewinnen lässt. Wer weiß – vielleicht könnte sich ausgerechnet der Klimakiller CO2 als Kohlenstoffquelle der Zukunft erweisen.

Ihr Rüdiger Eikmeier

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r.eikmeier@gii.de.

Erschienen in Ausgabe: 05/2018