Vom Taster zur Tastatur

Porträt

RAFI – Das Ravensburger Unternehmen zählt zu den größten Anbietern auf dem Gebiet der Mensch-Maschine-Kommunikation in Deutschland. Und entwickelt sich zurzeit zunehmend vom Bedienelementelieferanten zum Systemanbieter.

12. November 2009

Herr Wasmeier, Rafi produziert hochwertige Taster, Befehlsgeräte und Signalleuchten und entwickelt und produziert komplette Eingabe-, Bedien- und Steuerungssysteme. Aus welchen Branchen stammen Ihre Kunden?

Zu unseren Kernbranchen rechnen wir Hersteller von Telekommunikationstechnik und Gebrauchsgütern, also weißer Ware wie zum Beispiel Waschmaschinen, und den Maschinenbau im weitesten Sinne. Wir liefern aber auch Systeme für Steuerungsbau, Liftbau und Fördertechnik. Eine wichtige Branche ist für uns außerdem der Sondermaschinenbau, den wir unter anderem mit Bediensystemen für Industrieroboter, Verpackungsmaschinen oder auch Landmaschinen beliefern. Nicht zuletzt sind da auch noch die Medizintechnik und natürlich der Fahrzeugbau zu nennen. Beim Fahrzeugbau beschränken wir uns nicht allein auf Pkw, sondern wir entwickeln und fertigen auch Einheiten für Nutzfahrzeuge, Schienenfahrzeuge und Schiffe.

Sie liefern in zunehmendem Maß auch Steuerungslösungen. Was gibt bei Ihnen den Ausschlag für diese Entwicklung?

Im Prinzip wachsen wir, ausgehend von den Bediengeräten und -oberflächen und bedingt durch das Streben nach Optimierung, sozusagen in die Geräte der Kunden hinein. Da wir immer nach Innovationspotenzial suchen, haben wir daran gearbeitet, die Einbautiefe unserer Bediensysteme zu minimieren. Das bedeutet für die Bedienfront, dass wir, wo es geboten erscheint, Flachhubtaster, Touch-Systeme oder Sensortaster verwenden, bei denen die Oberfläche nicht einmal mechanisch berührt werden muss. Auf der Rückseite haben solche Systeme keine Verdrahtung im herkömmlichen Sinne mehr, sondern Leiterplatten als Verbindungs-, Befestigungs- und Kommunikationselemente. Von hier ist es aber kein großer Schritt dahin, entweder Schnittstellen zu Bussystemen zu integrieren oder, bei einfacheren Geräten, die Controller zur Steuerung der Applikation gleich mit auf das Modul zu setzen.

Könnten Sie dafür bitte ein konkretes Produktbeispiel nennen?

Bei den Kaffeevollautomaten eines bekannten Herstellers, die in vielen Bistros stehen, haben wir zunächst das Glas-Touch-Eingabesystem und dann, auf Kundenwunsch, die gesamte Steuerung entwickelt. So verlagern sich unsere Tätigkeitsbereiche zunehmend vom Bedienelementelieferanten zum Systemanbieter. Das ist ein sehr typisches Beispiel dafür, wie wir uns auch zusammen mit unseren Kunden entwickeln. Die Taster stehen sozusagen am Eingang zur Rafi-Welt – für viele unserer Kunden waren wir zunächst der »Taster-Hersteller«. Wenn sie dann aber erleben, über welche Kompetenzen wir sowohl als Hersteller von Produkten, Komponenten und Systemen als auch als Dienstleister verfügen, erkennen sie, welche Möglichkeiten wir ihnen insgesamt bieten können. Die nächsten Schritte ergeben sich fast automatisch: vom Taster zur Tastatur; von da aus zu Eingabe- und Bediengeräten bis zu komplexer Informationsverarbeitung und Visualisierung. Und wir wachsen selbst an den Aufträgen. Zum Beispiel entwickeln wir aktuell die Glas-Touch-Eingabegeräte weiter. Diese Technologie hat ein großes Entwicklungspotenzial als extrem robuste Bediengeräte für das industrielle Umfeld.

Glas-Touch und robust, schließt sich das denn nicht aus?

Nein. Vorausgesetzt natürlich, dass die Frontplatte aus entsprechend stabilem Material ist. Der Vorteil ist, dass diese Eingabeoberflächen völlig ohne mechanische Bauelemente und natürlich ohne Folien auskommen, die nicht unbegrenzt hitzebeständig und durch mechanische Krafteinwirkung leichter zu zerstören sind. Da steckt schon einiges Know-how drin und die Herstellung ist nicht ganz billig. Aber Sie können sich diese neuen Produkte auf der kommenden SPS ja mal angucken, auf der wir auch ausstellen werden. Wie Sie an diesem Beispiel sehen können, ergeben sich für uns neue Anregungen und Produktfelder fast von selbst.

»Fast von selbst« klingt ein wenig untertrieben. Die Entwicklungskapazitäten müssen erst einmal vorhanden sein. Wer sich mit der Struktur Ihres Unternehmens etwas näher befasst, erlebt bei Rafi eine überdurchschnittliche Fertigungstiefe.

Das ist richtig und darauf sind wir natürlich stolz. Wir können alles im eigenen Hause entwickeln und umsetzen. Das fängt mit der Grundlagenforschung an und hört mit den Dokumentationen zur Inbetriebnahme der fertigen Produkte auf. Hardware-und Software-Entwicklung, Werkzeugbau, Metallbearbeitung, Kunststoffspritzguss, Sieb- und Digitaldruck, Leiterplattenbestückung mit THT- und SMT-Verfahren – das machen wir alles bei uns, und auf dieser Grundlage können wir den hohen definierten Qualitätsstandard bieten. Eins unserer stärksten Wachstumssegmente der jüngeren Zeit sind die sogenannten EMS- beziehungsweise E²MS-Dienstleistungen, also Dienstleistungen, die sich mit der Entwicklung und Elektronikfertigung befassen. Hier gehören wir in Deutschland zu den größten Anbietern.

Was sind die jüngsten Entwicklungen bei Rafi, und wie heben sich Ihre Produkte von denen der Mitbewerber ab?

Da kommt einiges zusammen. Neben der hohen Qualität legen wir großen Wert auf das Design unserer Produkte. Ich erwähnte bereits die geringe Einbautiefe, die wir zum Beispiel bei unserer Befehlsgerätereihe RAFIX 22 FS bieten. Hier nehmen wir Abschied von der Verdrahtung. Die Schaltelemente werden direkt auf Leiterplatten implementiert, die mit Gewindebolzen an der Frontplatte fixiert werden. Damit erreichen wir eine Einbautiefe von nur 9,2 Millimeter. Das schafft nicht nur neue Möglichkeiten beim Design von Gehäusen und Maschinen, es ist bei der standardisierten Fertigung größerer Stückzahlen auch wirtschaftlicher. Außerdem werden dadurch die späteren Montagekosten deutlich verringert. Neben diesen Vorteilen hat diese Technologie einen ökologischen Aspekt, weil die Produktion Material, vor allem Kupfer, und Energie einspart. Das ist ein Aspekt, den wir bei unseren Entwicklungen ebenfalls immer berücksichtigen. Ein anderes Beispiel dafür, wie weit sich die Verkleinerung vorantreiben lässt, zeigen wir mit unseren neuen Kurzhubtastern der MICON-5-Baureihe.

Inwiefern ist die Micon-5-Baureihe ein anderes Beispiel dafür, wie weit sich die Verkleinerung vorantreiben lässt?

Die Einbau-Kurzhubtaster dieser Baureihe haben nur eine Grundfläche von rund fünf mal sechseinhalb Millimeter und sind nicht einmal vier Millimeter hoch. Dabei sind sie durch ihre hochwertige Ausführung praktisch »unkaputtbar«. Ein weiteres Beispiel für neuartige Designmöglichkeiten aus unserem aktuellen Programm sind die extrem flachen Not-Aus-Befehlsgeräte im neuen E-Box-Gehäuse. Da zeigen wir, dass sich selbst ein Standardprodukt wie der Not-Aus elegant integrieren lässt. Das ist jetzt nur ein kleiner Teil unserer aktuellen Entwicklungen, der aber ganz gut charakterisiert, was uns im Wettbewerb hervorhebt. Zudem zeichnet sich unser Produktsortiment durch hohe Vielfalt und Konfektionierbarkeit aus. Wir bieten den Nutzern einen sehr weiten Gestaltungsspielraum beim funktionalen Design, aber auch unter ästhetischen Gesichtspunkten. Natürlich verweist jeder Hersteller auf die Qualität seiner Produkte, aber trotzdem will ich auch diesen Punkt abschließend noch einmal betonen: Wir führen während der Entwicklungsphase sehr umfangreiche Qualifikationstests durch, mit dem Ziel, optimale Funktionalität mit höchsten Qualitätsstandards in der Serie zu verbinden. Für unsere MICON-5-Taster garantieren wir zum Beispiel – je nach gewählter Betätigungskraft eine Lebensdauer von 250.000 bis zu einer Million Schaltspiele. Und trotz der geringen Größe bieten sie Rafi-typische Taktilität.

Was muss ich mir denn unter der Rafi-typischen Taktilität vorstellen?

Eine angenehme Bedienbarkeit. Funktionalität und Langlebigkeit sind ja nicht die einzigen Qualitätskriterien für Taster und Schalter. Der Hub, der Schaltpunkt und die Gegenkraft sind auch sehr wichtig. Wenn Sie sich bei der Bedienung, überspitzt ausgedrückt, jedes Mal beinahe den Zeigefinger brechen, weil der Taster einen zu großen mechanischen Widerstand bietet, empfinden Sie das schnell als unangenehm. Das Gleiche gilt, wenn das Schaltelement viel zu leicht zu bewegen ist. Dann besteht die Gefahr, dass Sie es versehentlich drücken, und es kann sich ausgeleiert anfühlen. Also muss sich die Bedienung gut anfühlen, das heißt die verschiedenen Einflussfaktoren müssen so ausbalanciert werden, dass es der Bediener als sehr angenehm empfindet. Für viele Anwender ist auch das Geräusch bei der Betätigung wichtig. Diese Kriterien beachten wir sehr genau. Wir beliefern zum Beispiel einen großen bayerischen Automobilbauer mit Multifunktionseingabeeinheiten, die in die Lenkräder integriert werden. Da ist die angenehme Taktilität ein bedeutendes Qualitätskriterium.

Rafi hat im Jahr 2008 auch eine Niederlassung in Shanghai gegründet. Bietet es sich für Sie nicht an, beziehungsweise steht zu befürchten, dass Sie Teile der Produktion nach Asien auslagern?

Nein, das steht für uns nicht zur Debatte. Die Eröffnung eines Tochterunternehmens in Shanghai ist für uns strategisch wichtig, denn wir sehen China beziehungsweise Südostasien auch in Zukunft als die Wachstumsregion weltweit an. Wir gehen davon aus, dass sich die für uns relevanten Märkte, speziell für unsere Bediensysteme, erst noch entwickeln werden. Natürlich wollen wir von Anfang an dabei sein, denn solche neuen Märkte lassen sich von Deutschland aus nicht erschließen. Wir erzeugen durch einen erfolgreichen Auftritt auf dem neuen Markt auch zusätzliche Nachfrage nach unseren Komponenten. Dadurch stützen wir auch unsere europäischen Komponentenwerke. Von der Gründung eines Billiglohnstandortes kann keine Rede sein. Andererseits nutzen wir die Präsenz in China, um unseren internationalen Einkauf elektronischer Bauelemente für die Leiterplattenbestückung und mechanischer Bauteile zu verstärken. Das gilt für uns auch beim Einkauf anderer Materialien, sodass wir unsere Preise so günstig wie möglich halten können und weiterhin weltweit wettbewerbsfähig bleiben. Eine Auslagerung unserer Komponentenproduktion ist für uns auch aus wirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, denn bei dem hohen Grad der Automatisierung in unserer Fertigung sind die Herstellkosten nahezu standortunabhängig. Unsere gesamte Fertigung sowie die innerbetriebliche Logistik sind High-End. Unsere Produktion verläuft reibungslos und auf höchstem Niveau. Schon im Lager wird das für die Produktion benötigte Material auf Tage im Voraus sortiert und bereitgestellt. Die Mitarbeiter in der Fertigung, die sich über drei Etagen erstreckt, erhalten das Material über ein spezielles Paternoster-System, das die Lieferungen eigenständig in Entnahmefächer entlädt und dadurch ständig zur Verfügung steht. Was die Besucher unserer Produktion immer wieder erstaunt, ist ein Schienensystem unter der Decke, über das unsere Mitarbeiter vormontierte Bauteile auf kleinen elektrisch getriebenen Wagen zur nächsten Bearbeitungsstation senden. Um diesen Workflow, diesen logistischen Optimierungsgrad zu erreichen, müssen Sie sich auf alle Mitarbeiter, ihr Fachwissen und ihre Erfahrung verlassen können – und wir haben Mitarbeiter, von denen manche schon seit 40 Jahren für uns arbeiten. Hinzu kommen die externen Maschinenbauer, mit denen wir bereits lange zusammenarbeiten.

Die Fragen stellte Heiko Wittke

ZUR PERSON

- Das 1900 als elektrotechnisches Institut gegründete und später in Rafi umbenannte Unternehmen wurde 1994 von Albert Wasmeier als geschäftsführendem Gesellschafter übernommen und zur heutigen Rafi-Firmengruppe ausgebaut.

- Zuvor war er in leitender Position in der Entwicklung des Unternehmens tätig.

Erschienen in Ausgabe: 08/2009