Von der Hybris zum Horten

Brexit – Der lange Schatten des Brexits

30. April 2019
Von der Hybris zum Horten
(© gii)

Ende Mai sind Europawahlen – und womöglich werden auch die Briten Gelegenheit zur Stimmabgabe erhalten, wenn bis dahin aus Westminster anderes verlautet als das wiederkehrende »The Noes have it«. Seit 1973 ist Großbritannien Mitglied der Europäischen Union und wäre kurz darauf fast schon wieder ausgestiegen. Was die Briten im Referendum von 1975 noch deutlich ablehnten, wurde vor zwei Jahren mit denkbar knappem Ausgang beschlossen. Und dieses Votum absorbiert seither die gesamte politische Energie des Vereinigten Königreichs wohl noch weit über das längst verstrichene planmäßige Austrittsdatum hinaus. Ob ein nochmaliger Aufschub der Brexit-Entscheidung dazu beitragen könnte, die Einsicht reifen zu lassen, dass konsequente Realitätsverweigerung nur sehr bedingt als politisches Programm taugt, wage ich zu bezweifeln. Zur Überraschung der Tories hat die Premierministerin nach Ablauf der Zweijahresfrist immerhin noch die Opposition als möglichen Ansprechpartner entdeckt, der ihrer Minderheitsregierung die nötigen Stimmen für ein mehrheitsfähiges Austrittsabkommen liefern könnte. Vielleicht nur ein weiterer taktischer Winkelzug im »Blame-Game«. Oder doch die längst überfällige Absage an jene politischen Hasardeure, die sich im Phantasma imperialer Größe eingerichtet haben und unbeirrt von den rosigen Perspektiven schwärmen, die sich weltweit durch Freihandelsabkommen mit den »alten Freunden« Britanniens auftun? Dass eine halbironisch als »Empire 2.0« titulierte Handels- und Wirtschaftsgemeinschaft eine prosperierende Zukunft verheißt, ist ebenso wahrscheinlich wie die Einhaltung des Brexiteer-Versprechens, dass bald wöchentlich zig Millionen Pfund das britische Gesundheitssystem sanieren – während diesem übrigens zeitgleich die ausländischen Ärzte und Pflegekräfte davonlaufen.

Die Aussicht, mit der ersehnten Vertragsautonomie eine für die eigene Volkswirtschaft bessere Verhandlungsposition zu besitzen als im EU-Rahmen, hat sich angesichts nur einer Handvoll bisher ausgehandelter Abkommen unter anderem mit der Schweiz, Chile und den Faröer Inseln eindrucksvoll zerschlagen. Ganz zu schweigen von der einst vollmundigen Ankündigung des Handelsministers, die führenden Wirtschaftsnationen würden in London Schlange stehen, um ihre mit der EU abgeschlossenen Vertragswerke nach erfolgtem Brexit im Copy-and-Paste-Verfahren auf Großbritannien zu übertragen. Der kuriose Wirtschaftsaufschwung, den das Vereinigte Königreich augenblicklich verzeichnet, ist vornehmlich einem Faktor geschuldet, der seit jeher für Krisenzeiten charakteristisch ist: Es wird gehortet. Auf der ganzen Insel schwinden freie Lagerkapazitäten, weil Unternehmen sich von der Schraube bis zum Triebwerk mit Rohstoffen, Materialien, Vorprodukten und Ersatzteilen eindecken, bevor die Lieferketten zum Kontinent an neu errichteten Zollschranken abreißen. Gleichzeitig wird auf Vorrat produziert und eingelagert, um Waren und Güter im Fall eines harten Brexits vorzuhalten. Dessen logistische Auswirkungen haben französische Zöllner im März schon einmal vorexerziert und mit ihren Grenzkontrollen am Kanaltunnel für kilometerlange Staus gesorgt.

Eindringlich warnen daher führende Wirtschaftsvertreter wie der Chef von Siemens UK vor den dramatischen Folgen, die mit dem Brexit auf Großbritannien zukommen. Laut einer Studie von Goldman Sachs könnten sich die Folgekosten für die britische Volkswirtschaft auf wöchentlich etwa 600 Mio. Pfund summieren. Bei dieser Größenordnung wird es aber wohl nur bleiben, wenn tatsächlich halbwegs taugliche Vorbereitungen für die neue Situation getroffen wurden. Niemand weiß, ob den Austritts-Planern nicht noch mehr clevere Schachzüge eingefallen sind als die schon bekannt gewordenen spitzenmäßigen Ideen. Gerade der britische Verkehrsminister hat als Chef-Logistiker des Brexits mit seinen Vorkehrungen ja noch nicht voll überzeugen können. Im Februar musste er bekanntlich den Vertrag mit einem von ihm zur Unterstützung angeheuerten Fährunternehmen lösen, da sich herausstellte, dass die Firma weder Fähren besaß noch je zuvor überhaupt einen Fährbetrieb unterhalten hatte. Und als man im März den Ernstfall langer Schlangen an der Grenze proben und lange LKW-Kolonnen auf einem alten Flugfeld nahe des Ärmelkanals abstellen wollte, stellt man überrascht fest, dass dort noch eine eigene Bombe lag. Noch nicht einmal eine vom Kontinent – nein: Im Zweiten Weltkrieg hatte man das gute Stück selbst als Sicherheitsvorkehrung gegen eine feindliche Übernahme gelegt. Das symbolisiert ja im Grunde das ganze Elend des gesamten Brexits: Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten spuken herum in der Gegenwart und stellen sich dem eigenen Weg in die Zukunft in die Quere. Sic transit gloria Britanniae.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 03/2019
Seite: 66