Von GAUs und DAUs

Meinung

Technische Sicherheit – Trotz hoher technischer Standards bleibt immer ein Sicherheitsrisiko. Aber dank Safety in Maschinen wird dieses immer geringer.

18. April 2011

Mensch, Maschine, Material: Diesen Faktoren in dieser Reihenfolge gilt die Aufmerksamkeit der Ingenieure bei der Aufgabe, Maschinen und Anlagen so sicher wie möglich zu konstruieren. Dabei müssen sie ständig zwischen den Gegenpolen »Sicherheit« und »Effizienz« abwägen. Meist galt bisher, dass eine Vergrößerung des einen zu Lasten des anderen geht.

Doch auch bei höchster technischer Sicherheit bleibt immer ein Risiko, das sich nicht komplett eliminieren lässt. Obwohl es mir auf der Zunge liegt, will ich dafür nicht das unselige Wort »Restrisiko« verwenden – denn es ist weniger ein technischer als vielmehr ein politischer Begriff, der vorsätzlich dazu geschaffen wurde, das bestehende Risiko zu verharmlosen (und der aus den gleichen PR-Schmieden kommt wie die »Entsorgung«).

Einem Ingenieur, der mir ein bestehendes Risiko als Restrisiko verkaufen wollte, würde ich einen anderen Job empfehlen, denn welche Gefahren durch »Restrisiken« drohen, müssen wir leider derzeit in Japan erleben. Besinnen wir uns also auf den ursprünglichen, vernünftigen Risikobegriff und die Frage, wie Risiken beherrschbar werden. Zunächst gehört zur Risikoeinschätzung die grundsätzliche Abwägung, ob die Vorteile einer Technik die möglichen Folgen ihres Versagens vertretbar erscheinen lassen. (Wenn ein Unfall zur Unbewohnbarkeit ganzer Landstriche führen kann, ist dies nicht der Fall.)

Auf einer Schulung zum Thema »Produkthaftung«, an der ich einst teilnahm, lautete die Devise des Referenten: »Man kann überhaupt gar nicht so dumm denken, wie es später kommt.« Selbst wenn Technik noch so sicher konstruiert ist, finden sich immer Ausnahmebedingungen oder Anwender, die auch die ausgeklügeltsten Sicherheitsvorrichtungen wirkungslos machen beziehungsweise austricksen.

Deshalb ginge es, so der Referent, für die technischen Entwickler immer darum, für den Fall eines Unfalls aus dem Bereich der »groben Fahrlässigkeit« in den Bereich der bloßen »Fahrlässigkeit« zu kommen. Praktisch betrachtet bedeutet das, allen Eventualitäten unter Annahme der größtmöglichen Störfaktoren und DAUs (dümmste anzunehmende User) zuvorzukommen.

Ein aktueller, wichtiger Trend im Maschinenbau trägt diesen Überlegungen Rechnung: die Safety-Technologien. Wo zuvor gefährliche Bereiche von Maschinen und Anlagen durch Not-Aus, Zäune und Gitter gegen »menschliches Versagen« gesichert wurden und im Zweifelsfall die gesamte Maschine abgeschaltet werden musste, sorgen zunehmend Sensorsysteme sowie Safety-Busse und -Steuerungen für reduzierte Achsgeschwindigkeiten und sichere Maschinenzustände bei Gefahrensituationen. Der Markt dafür nimmt gerade erst Fahrt auf und bietet ein großes Potenzial für Hersteller und Anwender.

Wer den (vermeintlichen) Kostenfaktor scheut, möge ein zweites Mal darüber nachdenken: Denn es geht nicht allein um minimierte Risiken für Mensch, Maschine und Material: Wo intelligente Systeme und Antriebe flexibel reagieren können, lassen sich zugleich Sicherheit und Effizienz steigern und die alte Entweder-oder-Kluft überwinden. Da freuen sich nicht nur die Sicherheitsbeauftragten, sondern auch die Controller.

Ihr Rüdiger Eikmeier

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Erschienen in Ausgabe: 03/2011