Von Ketten versorgt

Maschinenelemente

Energieführung – Gesund und gestärkt ist Igus in den Aufschwunggestartet. Der Kunststoffspezialist führt drei zentrale Initiativen fort, damit seine Energieketten jeden Tag im Markt noch lukrativer sind.

08. November 2010

Michael Blaß nimmt das Wort Krise nur ungern in den Mund. Auch wenn es längst gemeinhin Usus ist, von 2008 und 2009 als (wenigstens in Europa) den Jahren der Wirtschaftskrise zu sprechen, in den Augen von Blaß war das sehr viel mehr ein Zeitraum der Chancen. »Igus ist gesund und gestärkt aus der Konjunkturflaute heraus in den Aufschwung gestartet«, sagt der Prokurist bei der Firma Igus GmbH mit Sitz in Köln, Porz-Lind.

»Gerade bei den Energieketten haben wir im Bereich der kompletten Systeme gemeinsam mit den Kunden gute Arbeit geleistet, haben neue Ideen gesät in Bezug auf Lösungen für neue Maschinen, haben daraus Prototypen entwickelt und haben überdies auch noch alle nötigen Tests bis zur Serienreife absolviert.« »Die erfreuliche Folge ist«, erklärt Blaß, »jetzt wo die Konjunktur massiv anzieht, ist Igus bei unzähligen neuen Maschinen mit Systemen zur Energieversorgung bis hin zu komplett montierten, angelieferten und eingebauten Versionen vertreten.«

Drei Initiativen kommen gut an

Unser Fachmagazins :K hat Igus besucht, weniger um die deutlich größer gewordene, dabei hochflexibel gebliebene Fabrik des Unternehmens zu bewundern sehr viel mehr wollten wir wissen, was Igus macht, damit deren Energieführungssysteme weltweit lange weiter so attraktiv bleiben, wie sie es sind. Ansprechpartner ist Michael Blaß, Leiter Vertrieb & Marketing Deutschland für Energiekettensysteme, Chainflex-Leitungen und komplett konfektionierte Ready-Chain-Systeme.

Der Energieführungsexperte Michael Blaß bringt die in der Kölner Spicher Straße herrschende Devise in einer klaren Kernaussage auf den Punkt: »Das Unternehmen bleibt seinem Kurs des organischen Wachstums treu und investiert massiv weiter in Lieferschnelligkeit, neue Produkte und Werkzeuge, mit denen Kunden Prozesskosten sparen.«

Möglich mache dies das Konzept »plastics for longer life«, oder anders gesagt: Forschung und Entwicklung, Herstellung und Vertrieb moderner Hochleistungskunststoffe, reibungs- und verschleißtechnisch optimiert. Für weiteren Fortschritt haben die Energieführungsspezialisten aus Köln gleich mehrere Initiativen ins Leben gerufen. »Unsere drei im vergangenen Jahr ergriffenen Initiativen stoßen auf großen Zuspruch im Markt«, erklärt die Strategie der Igus-Geschäftsführer Frank Blase: »Erstens liefern wir schnell ab Lager in 24 bis 48 Stunden gerade jetzt, wo es jeder braucht. Zweitens produzieren wir Kunststoffprodukte, die weniger kosten und länger halten ,und drittens sorgen neue und verbesserte Internet-Werkzeuge für Schnelligkeit und Komfort.«

Über 97 Prozent Verfügbarkeit

Initiative eins, Lieferschnelligkeit. Durchschnittlich waren, dem Unternehmen zufolge, in 2010 über 97 Prozent aller 80.000 Igus-Katalogartikel sofort verfügbar. Das soll sich noch steigern. »Die Katalogartikel müssen auf Lager sein, um die Baugruppen nach Kundenwunsch innerhalb von Stunden zu montieren und zu versenden«, so Michael Blaß, »wir liefern ab Stückzahl eins und ohne Mindermengenzuschläge.« In dieses Produktionskonzept werde weiter investiert, die Fabrik wachse organisch.

»Wir spüren eine steigende Nachfrage nach einbaufertigen Ready-Chain-Energiekettensystemen«, berichtet Blaß weiter. »Das bereits in der Krise und besonders jetzt, wo vielerorts schnell geliefert werden muss. Konfektioniert mit Spezialleitungen, Schläuchen, Steckern und allem Zubehör sind die Komplettsysteme in ein bis zehn Tagen lieferbar, je nach Schwierigkeitsgrad«.

Initiative zwei, neue Produkte: Bereits in Hannover hat Igus eine Rekordzahl von über 80 Produktneuheiten und Erweiterungen vorgestellt, weitere 15 Innovationen kamen im September mit der Fachmesse Motek 2010 hinzu. Alle Neuheiten finden sich im Internet unter www.igus.de/neu und sind natürlich auch auf der SPS in Nürnberg zu sehen (Halle 5, Stand 206).

Metall nur für Nischen

Zahlreiche Aufträge, die mit neuen, tribologisch optimierten Kunststoff-Produkten (wie verlautbart) gegen Metalllösungen gewonnen wurden, bekräftigen die Kölner, weiter stark in Material- und Produktentwicklung zu investieren. Michael Blaß gesteht zwar ein, Metall-Energieketten werde man auch künftig noch in Nischenanwendungen finden.

Blaß: »In der Breite wird die Energiekette aus Metall jedoch aussterben.« So wird jetzt etwa in Antwerpen statt einer Stahlkette die größte und wartungsfreie Kunststoff-Energiekette der Welt – die E4.350 – eingesetzt, um mit einer verfahrbaren Vakuumpumpe durch einen Schlauch von 300 Millimeter Außendurchmesser Schlick aus dem Hafenbecken zu pumpen; das geschieht auf einer Strecke von 140 Metern. Generell wird die Messlatte ständig höher gelegt. So hat das Unternehmen jetzt etwa in einem tschechischen Kohlekraftwerk den bislang längsten Verfahrweg der Welt – 615 Meter – mit einem Kunststoff-Rollenenergiekettensystem realisiert.

LD-Berechnung für Ketten

Initiative drei, Prozesskosten sparen: Hierzu wurde abermals stark in neue Internet-Werkzeuge investiert. 22 Online-Werkzeuge bietet das Unternehmen, mit denen Ingenieure und Techniker Schnelligkeit und Komfort erhalten und dadurch Prozesskosten sparen. Das reicht vom automatischen Befüllungsexperten für Energieketten über einen Kettenexperten zur Auswahl und Auslegung von Energieführungen bis hin zum neuen Produktfinder für Chainflex-Leitungen und einen Konfigurator für Hydraulikschläuche. Weiter gibt es neu unter anderem kundenspezifische Online-Kataloge mit Preis- und Lieferzeitenanzeige sowie eine Lebensdauerberechnung von Energieketten unter www.igus.de/longer-life.

Diese LD-Berechnung für Energieketten, die weltweit bis dato einmalig ist, soll etwas näher beleuchtet werden: Zunächst gibt der Nutzer die gewünschte Kette ins System ein und danach den Anwendungsfall freitragend oder gleitend. Nach Festlegung von Zusatzlast, Verfahrweg, Geschwindigkeit und Beschleunigung wird dann automatisch die zu erwartende LD in Doppelhüben und Kilometern angezeigt. Optional kann auch die Eingabe von äußeren Einflüssen wie Schmutz, Schlägen und der Umgebungstemperatur erfolgen.

Gut 11.000 Tests per annum

Wie werden Energieketten geprüft? Antwort: Im firmeneigenen Technikum führt Igus Jahr für Jahr insgesamt rund 11.000 Tests durch. Davon über 3.000 Energiekettentests zuzüglich 400 Leitungstests mit 1.000 verschiedenen Typen. Das reicht von Klimaschrank und Tiefkühlcontainer, Tests an Sechsachs-Robotern und weiteren Torsionsmaschinen über Prüfstände für dynamische Simulationen wie Biegewechsel und Ähnliches bis hin zu Außentestanlagen für lange Energieketten-Verfahrwege.

Schwerpunkte der Tests sind Zug- und Schubkräfte, Reibwerte, Verschleiß, Antriebskräfte/Energieeffizienz und Abrieb unter verschiedensten Geschwindigkeiten und Belastungen sowie Faktoren wie Schmutz, Witterung, Kälte oder auch Stöße und Schläge. Michael Blaß erklärt, warum so viel Aufwand Sinn macht: »Wir wollen permanent die Anwendungsgrenzen weiter nach oben verschieben.« Über 9.000 Testergebnisse fließen jährlich in die elektronischen Datenbanken, welche die Basis bilden unter anderem für Online-Lebensdauerberechnungsprogramme, um den Kunden getestete Sicherheit zu geben.

Das Testareal wurde jüngst auf 1.030 m2 Fläche erweitert. Permanent werden dort neue Standardprodukte und kundenspezifische Energieketten an über 70 verschiedenen Prüfständen getestet. Auch lässt man zahlreiche Produkte durch unabhängige Stellen auf ausgewählte Eigenschaften hin überprüfen und zertifizieren – zum Beispiel durch Fraunhofer-Institute und den TÜV.

Konfektionierung erweitert

Bei unserem Besuch in Köln haben wir Herrn Blaß zum Abschluss gefragt, wo im von ihm verantworteten Vertriebsbereich der Energieführungssysteme tendenziell die Reise hingeht. Seine Antwort ist: »Einen besonders großen Zuspruch erleben wir zurzeit bei komplett konfektionierten Systemen, also Energieketten mit daran angepassten Kabeln, Schläuchen und Steckern, die Igus als eine Unit aus dem Baukasten fertig an die Maschine liefert.«

Unter der Bezeichnung »Ready Chain« wurde dieser Service schon 1998 aus der Taufe gehoben. Weil die Nachfrage hier speziell in jüngster Zeit stark gestiegen sei, habe man die Fläche für die Konfektionierung um fast ein Drittel auf rund 3.500 m2 erweitert. »Quer durch alle Industriebranchen fragen Kunden gerade jetzt nach schnellen Lieferzeiten, auch für kundenbezogene Teile und Systeme“, stellt der Vertriebs- und Marketingexperte Blaß beinahe tagtäglich fest. Sorgen macht ihm das nicht. Michael Blaß: »Mit allem Zubehör können wir diese Komplettsysteme, je nach Schwierigkeitsgrad, heute schon in drei bis zehn Tagen liefern.«

Daten & Fakten

-Die Igus GmbH in Köln ist führender Hersteller von Maschinenelementen aus tribologisch optimierten Kunststoffen.

-Das Unternehmen entwickelt und fertigt Energieführungsketten, Leitungen, Gleit-, Lineargleit-, Gelenk- und Kugellager.

-Das ab Lager in 24 bis 48 Stunden lieferbare Sortiment umfasst mehr als 80.000 Produkte. Allein in diesem Jahr hat das Unternehmenüber 95 neue Produkte vorgestellt.

Erschienen in Ausgabe: 08/2010