Von »Outdoor« lernen heißt Probleme lösen

Meinung

Innovationen – Die Bau- und Landmaschinenbranche entwickelt regelmäßig extrem störungsfeste Hightech-Komponenten. Warum übertragen wir diese Erfahrungen nicht auf Standardprodukte für den Industriebereich?

11. April 2012

Störungsfreie Steuerungskomponenten sollten das Ziel jeder Entwicklung in der Automatisierungstechnik sein. Doch wenn die Latte nicht sehr hoch liegt, ist auch das Ergebnis nur mittelmäßig. Im Bereich der mobilen Maschinen hingegen sind die Anforderungen an störungsfreie Automatisierungstechnik extrem hoch. Vor Kurzem berichtete mir ein Entwicklungsleiter von den Problemen, Encoder für Seillängengeber »EMV-kranfest« zu machen. Denn Krane und besonders die dort eingesetzten langen Kabel wirken wie große Antennen, die praktisch alle Strahlung von Handys und Funkgeräten sowie von Radio- und Fernsehsendern in der Umgebung perfekt in jede elektronische Komponente der im Kran verbauten Sensor- und Aktortechnik übertragen. Durchdringt die Strahlung erst das Gehäuse der Komponenten, werden umfangreiche Entstörungsmaßnahmen notwendig.

Erschwert wird die Entwicklung für diese Outdoor-Maschinen dadurch, dass geschirmte Kabel mit den benötigten Längen nicht nur sehr teuer, sondern im Reparaturfall auch schwer zu handhaben sind. Bei der Behebung eines Kabelbruchs sind die Monteure vor Ort nicht immer sorgfältig. Elektromagnetisch verursachte Störungen können aber Verfälschungen der Positionsdaten und verheerende Folgen verursachen, im schlimmsten Fall das Umstürzen des Krans.

Nun erläuterte mir mein Gesprächspartner die ebenso einfache wie wirtschaftliche Lösung des Problems: Anstelle weiträumiger Abschirmungen verwenden die Entwickler einfach einen Planarfilter in der Kabelverschraubung des Drehgebers, der die Störspitzen gegen Masse ableitet – was draußen bleibt, kann drinnen nicht stören. Diese Filter bestehen aus einer eingelöteten Planarscheibe mit Durchführungen für die einzelnen Adern der Signalleitungen.

Diese Lösung ist nur eine von vielen, die die Robustheit von Outdoor-Komponenten erhöht. Warum übertragen wir die Erfahrungen dieser Branchen nicht auf Standardprodukte im Industriebereich? Weil wir nicht wie die Chinesen einfach kopieren wollen? Das kann ich mir nicht vorstellen: Deutsche Ingenieure gelten weltweit als Meister im Übertragen innovativer Ideen auf ihre Applikationen.

Also sollten wir den Blick auf eine Branche schärfen, die in der deutschen Automatisierungstechnik von vielen gar nicht so richtig wahrgenommen wird. Hightech aus Deutschland auf dem Acker oder auf der Baustelle bewundern wir gerne im Fernsehen, schauen wir uns aber im Detail nicht an. Mein Appell: Gehen Sie mal auf Messen wie die Bauma, und sehen Sie sich der Maschinen einmal genauer an.

Und vergessen Sie nicht Ihre Visitenkarten, um den Eindruck von Industriespionage bei den Ausstellern zu entkräften. Sie werden eine Reihe von Ideen für Ihren Entwickleralltag mitnehmen. Denken Sie daran: Wir haben einen Ruf als die »weltbesten Kopierer« zu verteidigen.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 01/2012