„Vorreiter bei Industrie 4.0”

250 Millionen Euro investiert Rittal in ein neues Schaltschrankwerk. Warum das nicht nur ein Neubau, sondern eine komplett neue Technologie in einer neuen Welt ist, erläutert der Vorstandsvorsitzende der Friedhelm Loh Group, zu der Rittal gehört.

17. Juni 2019
„Vorreiter bei Industrie 4.0”
»Das neue Werk in Haiger ist sicher ein Risiko. Dennoch habe ich die Entscheidung für diese Investition getroffen, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Denn wir müssen jeden Tag schneller und besser sein als der Wettbewerb«. Prof. Dr. Friedhelm Loh, Rittal. (Bild: Rittal)

Herr Dr. Loh, Sie haben 1974 die Führung des Unternehmens übernommen und Rittal von einem 30-Mio.-DM-Betrieb zu der 2,6-Mrd-€- starken Friedhelm Loh Group ausgebaut. Gibt es ein Rezept für diesen Erfolg?

Dr. Loh: Die ersten Jahre waren kein Zuckerlecken, der erste Abschnitt war von Überzeugungsarbeit geprägt. Erst als wir über Jahre den Beweis geliefert hatten, dass wir das, was wir sagen auch wirklich tun, stellte sich auch der Erfolg ein. Die größte Herausforderung in einem Unternehmen ist es, über diese ganzen Jahre den Blutdruck hochzuhalten, um immer wieder die Innovationen nach vorne zu treiben. Sowohl bei den Produktinnovationen, aber auch bei den Prozessen, wie in unserem neuen Werk. Die gelebte Kundenorientierung mit dem Anspruch der Innovations- und Kostenführerschaft treiben uns an und machen uns erfolgreich.

Heute ist Rittal nicht nur Schaltschrankhersteller, sondern auch sehr stark im Bereich Software engagiert – wie kam es dazu?

Dr. Loh: Wie gesagt – Innovationen. Es entsprach in den 80ern sicher nicht der gängigen Unternehmensstrategie, dass ein Schaltschrankhersteller, der sich im Wesentlichen mit Blechbiegen beschäftigt, in digitale Geschäftsbereiche einsteigt. Wir haben uns damals an einem Start-Up beteiligt, das eine Engineering-Software entwickelte, die mich fasziniert hat. Heute ist Eplan ein wichtiger Baustein der gesamten Rittal-Strategie. Und das ist eine der Stärken dieses Unternehmens, dass wir permanent auf der Suche nach Neuem sind. Denn das fällt einem nicht automatisch in den Schoss. Der Erfolg macht Unternehmen oft müde, manchmal auch arrogant. Nur wenn man sich davor bewahren kann, bleibt man innovativ und jung. Das ist uns bisher gut gelungen.

Damit sind Sie ja der Vorreiter vieler Unternehmen, vor allem großer, die alle agiler werden wollen….

Dr. Loh: Nein. Sie staunen vielleicht, aber ich nenne uns nicht agil. Agilität heißt übersetzt die höchste Form der Anpassungsfähigkeit. Wir passen uns nicht an, wir wollen vorneweg sein. Wir wollen innovativ sein. Wir wollen Zeichen setzen. Wir wollen schnell sein. Wir wollen unsere Kunden immer wieder mit Neuem überraschen. Dass wir heute über 1.500 Patente halten und über 5.000 Standardprodukte anbieten, spricht für unsere Innovationskultur. Aber Innovationen setzen immer Selbstkritik voraus, setzen Mut voraus, setzen Durchhaltewillen voraus und setzen Risikobereitschaft voraus. Das ist alles nicht agil.

Apropos Risiko: Sie haben in Haiger ein Kompaktschaltschrank-Werk für 250 Millionen Euro gebaut, schließen aber dafür das Werk in Herborn. Warum ein völlig neues Werk?

Dr. Loh: Diese neue Fabrik ist ganz sicher ein Risiko. Wir nutzen teilweise eine komplett neue Technologie in einer komplett neuen Welt: Das Werk in Haiger ist ein lebender Organismus. Das Werk in Herborn war bisher das modernste der Welt, die Möglichkeiten vor Ort aber begrenzt. Wir hätten dort allein vom Platz her die neue Produktion nicht aufbauen können. Trotz des Risikos habe ich die Entscheidung für diese Investition getroffen, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Denn wir müssen jeden Tag schneller und besser sein als der Wettbewerb.

Das neue Werk als lebender Organismus – wie meinen Sie das?

Dr. Loh: Mit dem Werk setzen wir einen neuen Weltstandard in unserer Branche und weit darüber hinaus. Den zu halten ist aber dauerhaft eine große Herausforderung, denn das Werk muss sich ständig weiterentwickeln. Produktionswerke sind nicht mehr statische Gebilde, wo jeder Veränderung jahrelange Planungen vorausgehen, das sind lebende Organismen, die sich laufend verändern müssen. Und in dieser neuen Welt der Produktion sind Investitionen sehr, sehr hoch. Während wir uns früher vor allem mit Maschinen und Anlagen beschäftigt haben, geht es heute in der Produktionswelt um viel mehr.

Und um was geht es denn heute?

Dr. Loh: Es geht um Verknüpfungen, Netzwerke, Daten. Für viele Unternehmen in Deutschland ist das eine enorme Herausforderung. Denn es reicht nicht mehr den modernsten Maschinenpark zu haben. Dazu kommen nun hohe Investitionen in Form von IT, KI, Netzwerken, Datenmanagement.

Vor allem aber gibt es das nicht einfach von der Stange zu kaufen. Ein Unternehmen wie Rittal, das ein ganz spezielles Produkt hat, hat auch ganz spezielle Anforderungen. Noch spezieller werden sie, wenn es – wie bei uns – um Digitalisierung vom Auftragseingang bis zur Kundenrampe geht.

Was die Digitalisierung betrifft, neigen wir in Deutschland dazu, uns auf die Produktion zu konzentrieren. Aber Industrie 4.0 ist ein wesentlich breiteres Thema. Das heißt aber auch, dass wir sehr schnell an Kompetenz gewinnen müssen, um das überhaupt zu erreichen.

Investieren Sie deshalb in IT-Firmen wie Innovo und German Edge Cloud?

Dr. Loh: Industrie 4.0 bringt ein komplett anderes industrielles Leben mit sich. Deswegen haben wir die Firma Innovo gekauft und die German Edge Cloud gegründet. Innovo ist ein Cloud-Provider. Mit dem Erwerb von Innovo und dem Service für die Verwaltung von Daten sind wir bei dem größten unterirdischen Rechenzentrum in Europa, Lefdal in Norwegen, eingestiegen. Damit schaffen wir für unsere Kunden attraktive Angebote durch Wertschöpfungsketten für die Industrie und die IT-Welt. Alles aus einer Hand.

Mit German Edge Cloud wollen Sie ja nicht nur Service bieten, sondern das ist eine neue Technologie, in die Sie da einsteigen. Was ist hier das Ziel?

Dr. Loh: German Edge Cloud hat die erste KI-Edge-Cloud für echtzeitfähige industrielle Anwendungsfälle entwickelt. Denn so eine Fabrik wie unsere Neue können Sie nur in Echtzeit fahren. Die Systeme können nicht millisekundenlang auf Informationen warten. Und ob es die digitale Produktion ist oder das autonome Fahren – wir werden in Zukunft das Thema Echtzeit immer häufiger hören. Denn die Antwortzeiten, um Daten zu verwerten und daraus Reaktionen abzuleiten, werden immer kürzer. Und dazu braucht man Edge Computing.

Sie sprachen gerade das autonome Fahren an – sehen Sie da ein neues Geschäftsfeld für Rittal?

Dr. Loh: Es hat immer Vorteile, wenn man selbst in einem Lernprozess ist, dessen Erfahrungen man dann auch Kunden anbieten kann. Und beim Thema Echtzeit geht es um die Frage, wie man dezentrale Systeme sehr, sehr schnell machen kann. In der Fabrik, aber dann natürlich auch in der Elektromobilität. Hier arbeiten wir mit dem Fraunhofer-Institut, um ein Modell zu entwickeln, das für Deutschland gelten kann. Gerade für Elektromobilität, aber auch zum Beispiel für Energieversorgung. Das ist ein hochspannendes Thema, und ich bin da sehr optimistisch. Denn wir haben bereits heute sehr gute Grundbausteine im Markt.

Können Sie ein wenig mehr verraten?

Dr. Loh: Wenn Sie an Tankstellennetze inklusive Digitalisierung der Tanksysteme denken, dann ist das ein riesiger offener Markt, für den Rittal vom Engineering und von der mechanischen Seite geradezu prädestiniert ist. Wir müssen nur noch die IT-Seite auf die Reihe bringen.

Zurück nochmal zur Produktion – um wieviel effizienter machen diese digitalen Technologien denn das neue Werk gegenüber dem bisherigen?

Dr. Loh: Die Kapazität, die wir in Haiger aufgebaut haben, ist nicht viel größer als die Kapazität, die wir im alten Werk hatten. Doch die Effizienz des neuen Werkes ist um 30 Prozent besser. Und damit ist das Thema noch lange nicht ausgereizt.

Können Sie diesen Vorteil der Digitalisierung mal an einer konkreten Verbesserung festmachen?

Dr. Loh: Wir sammeln in dem Werk an vielen Stellen Daten, ohne zu wissen, wofür wir sie irgendwann mal einsetzen, weil die Zusammenhänge vielleicht gar nicht bekannt sind. 95 Prozent der Daten, die wir erfassen, nutzen wir bisher noch nicht. So erfassen wir zum Beispiel die Daten unserer eigenen Chiller, das sind intelligente Rückkühlanlagen. Anhand von Messwerten, die uns für ganz andere Zwecke vorlagen, konnte nun eine KI-Engine den Verschmutzungszustand der Filtermatten bestimmen. Dieser Zusammenhang war den Entwicklern bisher nicht bekannt. Die KI hat das Regelwerk erstellt, wir haben es geprüft, es ist so. So sparen wir uns nun den Einbau zusätzlicher Sensoren und wechseln die Filtermatten genau zum richtigen Zeitpunkt. Und das ist der Punkt. Erwartete Zusammenhänge kann man planen. Das Unerwartete, das Neue, Zusammenhänge, die noch nicht erkannt sind, das ist genau das riesige Potenzial, das in der Analyse der Daten liegt.

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