Wahlfach Heimatkunde

Kommentar

Heimat – Ein neues Schlagwort macht die Runde, samt Minister. Was bringt das?

10. April 2018

Gegen Ende der quälend langen Regierungsbildung wurde auch ein recht altbackener Begriff wieder aufgewärmt und in Amt und Würden erhoben. Es heimatet wieder: zuerst in Bayern im Ressortverbund mit Finanzen und Landesentwicklung, dann in Nordrhein-Westfalen kombiniert mit Kommunalem, Bau und Gleichstellung – und jetzt auch im Bundesinneren. Zwar ist Heimat ein reichlich diffuser Ausdruck für alles, was irgendwie Vertrautheit weckt: Geburtsort, Familie, Region, Küche, Kirche, Kultur – doch denke bloß niemand, die Heimatkunde sei als rein taktisches Manöver auf die politische Agenda geraten, um die Stimmungen und Stimmen derer abzufangen, die sich im Zeitalter der Globalisierung heimatlos oder abgehängt wähnen. Schließlich hat der heimatliche Blick ein ganz konkretes Politikfeld ins Auge gefasst: den ländlichen Raum. Strukturschwache Regionen und Kommunen abseits der Ballungszentren, in denen die Bevölkerung schwindet und der Leerstand wächst, wo Bäcker, Lebensmittelhandlung und Kneipe schon längst dichtgemacht haben, der Weg zur Schule, zum Arzt oder zum Supermarkt weit ist und der Bus nur zweimal täglich fährt. Wo Mobilität oftmals schlicht bedeutet, wegzuziehen, und sich die Netzanbindung als derart dünn erweist, dass die Daten im Schneckentempo durch die Leitung kriechen.

Zuhauf finden sich Presseberichte über Unternehmen aus abgelegenen Regionen, die bei Übertragungsraten von ein paar Megabit pro Sekunde stundenlange Download-Prozeduren über sich ergehen lassen müssen, bis sie Zugriff auf benötigte Dokumente erhalten. Ich kann nur hoffen, dass der Schwarzwälder Geschäftsführer eines Technologieunternehmens inzwischen nicht mehr ins Auto steigen und die zig Kilometer bis nach Hause fahren muss, um dort größere Datenmengen herunterzuladen. Wo es um die digitale Infrastruktur derart schlecht bestellt ist, bleibt ein frommer Wunsch, was andernorts längst zum Standard zählt: Videokonferenzen, Cloud-Nutzung oder der Remote-Zugang zum Firmennetzwerk. Wen kann es da wundern, wenn Unternehmen nicht auf kommunikationstechnischen Behelfslösungen sitzen bleiben wollen und sich stattdessen zum Standortwechsel entschließen? Und wie will man unter diesen Bedingungen neue Mitarbeiter mit einem attraktiven Arbeits- und Lebensumfeld locken? Da die seit 2009 mit jedem neuen Koalitionsvertrag bis in den Giga-Bit-Bereich gesteigerten Versprechen auf flächendeckende Breitbandvernetzung weiterhin aufschiebende Wirkung zeitigen, schreitet so manche Kommunalverwaltung selbst zur Tat und stattet ihre Gemeinde mit einem eigenen Breitbandnetz aus, um der Landflucht entgegenzuwirken.

Zur angewandten Heimatkunde sollte aber ebenso die urbane Infrastruktur in den Ballungszentren und Metropolen gehören. Hier hat der anhaltende Bauboom zahlreiche neue Büro- und Gewerbebauten sowie mehr oder minder schicke Appartementkomplexe emporschießen lassen, während das Angebot an bezahlbarem Wohnraum weiter schrumpft. Was hilft es, wenn trotz in vielen Branchen herrschendem Fachkräftemangel endlich zwar der geeignete Bewerber gefunden ist, dieser aber von außerhalb kommt und ein gerüttelt Maß der zur Einarbeitung benötigten Zeit auf die Wohnungssuche verwenden muss. Daher sind einige Unternehmen bereits dazu übergegangen, in ihren Stellenausschreibungen Vergünstigungen wie einen Dienstwagen durch die Aussicht auf eine Mitarbeiterwohnung zu ersetzen. Eine aktive Förderung solcher Modelle könnte zur Entspannung auf dem Wohnungsmarkt beitragen und politische Versäumnisse korrigieren helfen, die die Anwerbung dringend gesuchter Nachwuchs- und Fachkräfte erschwert.

Ob ausgerechnet Heimat als politisches Fachgebiet taugt, um mit den aktuellen Herausforderungen in unserem Hochtechnologieland Schritt zu halten und den plakatierten Wahlspruch vom Land, in dem wir gut und gerne leben, einzulösen, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Auf jeden Fall braucht es mehr als rhetorisch volkstümelnde Rückbesinnlichkeit, damit sich Menschen dort heimisch fühlen, wo sie leben und arbeiten. Aufgabe der Politik ist es, die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, zu denen unabdingbar eine funktionierende moderne Infrastruktur gehört.

Ihr Rüdiger Eikmeier

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r.eikmeier@gii.de.

Erschienen in Ausgabe: 03/2018