Was nicht passt, wird für passend erklärt

Kommentar

Alternative Fakten – Nicht nur in den USA, sondern auch überall in der deutschen Wirtschaft nimmt man es mit der Wahrheit nicht immer so ganz genau.

16. Februar 2017

Sie werden sich sicher erinnern: Als der neue Präsident der Vereinigten Staaten sich vor Kurzem die überschaubare Zuschauermenge bei seiner Amtseinführung schönreden wollte, durften wir der Prägung eines neuen Begriffs für ein uraltes Phänomen beiwohnen. Trumps Beraterin Kellyanne Conway erklärte der Welt, dass Pressesprecher Sean Spicer »alternative Fakten« zur Verfügung stünden und in Wirklichkeit noch nie so viele Menschen zu einer Inauguration geströmt seien.

Solch dreiste Unwahrheiten mag man aus der Ferne mit einem überlegenen, vielleicht auch einem mitleidigen Lächeln quittieren und sich froh wähnen, dass bei uns Fakten noch Fakten sind und Fantasien Fantasien bleiben. Leider grassieren alternative Fakten dieser Art aber nicht nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auch bei uns. Und oft sind sie nicht so vergleichsweise belanglos. Auch so mancher Vertreter der deutschen Wirtschaft machte und macht sich nämlich der Schaffung alternativer Fakten schuldig– mit schwerwiegenden Konsequenzen, die uns über kurz oder lang teuer zu stehen kommen dürften. Allen voran fällt mir da die deutsche Automobilindustrie ein, deren Vertreter sich seit geraumer Zeit schon auf den wahrlich alternativen Fantasie-»Fakt« berufen, der Verbraucher wolle vor allem große Autos fahren und Spaß dabei haben, statt weniger Sprit verbrauchen oder gar etwas mit dem Hippie- und Spinnerthema Klimaschutz zu tun haben zu wollen.

Unter der bedenklichen Prämisse »Das Volk will SUVs!« schufen VW und Konsorten sich 2013 dementsprechend auch gleich die passenden alternativen Gesetze. Tatkräftige Mithilfe erhielten sie dabei von der angeblichen Klima-Kanzlerin, die dann wohl doch vor allem die vermeintliche Rettung von Arbeitsplätzen priorisierte. Die geplante EU-Regelung zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes im Autoverkehr wurde damals in einem dreisten Schachzug schnell gekippt. 2015 wurde direkt noch einmal im Bereich Stickoxide nachgelegt. Ab 2017 dürfen neue Modelle hier den bisherigen Grenzwert um mehr als das Doppelte überschreiten. Die lästigen nicht-alternativen Fakten aus dem Abgasskandal sind scheinbar längst wieder in die verschmutzte Luft verpufft, als wären sie nie emittiert worden.

Was nicht passt, wird für passend erklärt, wenn nicht durch Schummel-Software, dann eben durch Schummel-Gesetze. Auf Deutschlands Straßen würden längst sparsamere Automodelle fahren, würde die Automobilindustrie sich nicht konsequent in einer Blase alternativer Fakten bewegen. Ambitionierte Grenzwerte für CO2-Emmissionen sind aber nicht nur für den Klimaschutz dringend notwendig. Energie- und ressourceneffiziente Technologien sind auch für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland immens wichtig.

Während die deutsche Automobilbranche sich auf den selbst verdrehten »Fakten« ausruht und alles beim Alten belässt, dreht die Welt sich mit den wahren Fakten weiter. Diesel-Fahrzeuge verkaufen sich nicht mehr. Und eine Politik, die nur darauf abzielt, vermeintlich mehr Arbeitsplätze am Automobilstandort Deutschland zu schaffen, könnte schon bald das genaue Gegenteil bewirken. Es genügt ein Blick nach Asien, wo China gerade eine äußerst ambitionierte und konsequente Quote für E-Autos eingeführt hat. Die kurzfristige Nachfrage am chinesischen Markt kann von deutschen Autoherstellern gar nicht bedient werden. Zufrieden mit den alten Spritfressern und ohne gesetzlichen Ansporn, großen Aufwand in die Entwicklung neuer sparsamerer Verbrennungsmotoren oder gar Elektromotoren zu investieren, ist der E-Auto-Markt ihnen selbst vor der eigenen Haustür längst kampflos entglitten. Es dominiert Tesla.

Man sieht: Alternative Fakten können schwerwiegende Folgen für die deutsche Wirtschaft haben, wenn Entscheider in Unternehmen sie zu unkritisch durchwinken. Irgendwann holt die Realität uns alle ein. Wir werden sehen, ob es erst Trump oder erst andere Realitätsverweigerer erwischt.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 01/2017