Weit draußen liegt ein großer Markt

Trendthema

Offshore – Das Land ist nicht mehr groß genug, Windanlagen wandern jetzt aufs Meer, wo Bohrplattformen schon lange zu Hause sind. Systemlieferanten und Komponentenhersteller wandern mit.

27. August 2012

Die frühen Seefahrer hatten noch freie Bahn, wenn sie ihre gefährlichen Fahrten über die Weltmeere unternahmen. Heutzutage müssen die Kapitäne höllisch aufpassen, stehen doch immer mehr große Bauwerke im Weg, vor allem in den küstennahen Gewässern. Das können Ölpattformen sein, mobile Förderschiffe oder immer mehr auch Windanlagen. »Offshore« heißt das Schlagwort und darauf baut sich ein mittlerweile riesiger Markt auf, der auch für Komponentenlieferanten zunehmend interessant wird.

Bereits Anfang 2014 soll ein wegweisendes Spezialschiff vom Stapel laufen. Die »Pieter Schelte« der Reederei Allseas kann Offshore-Plattformen huckepack nehmen und dank des neuen Topside Lifting System (TLS) 48.000 Tonnen anheben. Für den Tensioner dieses Schiffes, mit dem Rohre mit Durchmessern von bis zu 1,3 Metern verlegt werden, liefert Columbus McKinnon Engineered Products (CMCO) Hubeinheiten der Marke »Pfaff-silberblau«. Die Spindelhubelemente der Baureihen 200 und 400 bieten eine Haltekraft von 800 Tonnen und sind in seewetterfester Ausführung für die harte Arbeit auf dem Meer bestens gerüstet.

»Ebenso gewappnet für den Einsatz auf offener See sind unsere neuen elektromechanischen Auslegerkrane«, erklärt Andreas Maier, Leiter Engineered Solutions and Services bei CMCO. »Bei einer Auslegerlänge von bis zu zwölf Metern heben die Geräte Lasten von bis zu fünf Tonnen auf Offshore-Windanlagen, Bohr- und Förderplattformen, Hafenanlagen und Schiffen. Und das zuverlässig trotz Wind, Wetter, Salzwasser und Vögeln.«

Die spezielle Konstruktion mit flexiblen Hub-, Wipp- und Schwenkgeschwindigkeiten ermöglicht eine sichere Be- und Entladung von Schiffen auch bei starkem Seegang. Wichtigstes Merkmal ist der Antrieb über ein elektromechanisches System. Maier: »Der Kran bietet eine saubere Alternative zu hydraulischen Lösungen, denn es können keine Hydrauliköle austreten und der Umwelt schaden.« Außerdem gewährleiste er dank der hochwertigen Komponenten Marke »Pfaff -silberblau« hohe Verfügbarkeit, geringen Wartungsaufwand und eine lange Lebensdauer. Für den Offshore-Einsatz achtet CMCO besonders auch auf den Korrosionsschutz. Die Seilwinde zum Heben und Senken der Last ist im Kran integriert und so zuverlässig vor aggressiven Umwelteinflüssen geschützt. »So reduzieren wir den Wartungsaufwand und der Anwender kann bis zu 40 Prozent Kosten sparen«, resümiert Andreas Maier.

Immer hoch verfügbar

In aller Munde ist derzeit der erste deutsche Offshore-Windpark Alpha Ventus 45 Kilometer nördlich von Borkum. Das Gemeinschaftsprojekt von E.ON, EWE und Vattenfall Europe setzt dabei auf Komponenten aus der Schweiz: Die Frequenzumrichter für die Windturbine kommen von ABB aus Turgi, die wiederum auf Industrierechner der Serie Compact ML von Syslogic aus Baden-Dättwil bauen. Letztere übernehmen die Remotefunktionen des Umrichters sowie die Systemüberwachung. Roger Erne, technischer Projektleiter bei ABB: »Ein elementares Kriterium bei Offshore-Windturbinen ist der geringe Wartungsaufwand. Wie unsere Komponenten werden auch die Syslogic-Rechner konsequent darauf abgestimmt. Daher eignen sich die Compact-ML-Rechner ideal für den Zugriff auf unsere Umrichter.«

Raphael Binder, Produktmanager bei Syslogic, kann das nur bestätigen: »Ein aktueller Trend lässt Industriecomputer und Consumer-PCs immer näher zusammenrücken. Davon distanzieren wir uns klar. Wir bauen echte Industrierechner, welche auch unter schwierigen Bedingungen über Jahre im Dauerbetrieb zuverlässig funktionieren und Betriebssicherheit garantieren.«

Hauptmerkmal der Compact-ML-Rechner ist das lüfterlose, rundum geschlossene und vollständig kabellose Design. Außerdem hat Syslogic die Geräte für den Offshore-Einsatz mit einem besonders leistungsfähigen Datenspeicher und zahlreichen Sicherheitsfunktionen versehen, um die Datenkonsistenz bei Speisungsschwankungen sicherzustellen. Auch das ist offshore sehr wichtig.

Zuverlässige Positionierung in explosionsgefährdeter Umgebung bieten die Atex-zertifizierten Drehgeber der Serie AX65 von Hengstler. Wie wichtig das ist, zeigt die Katastrophe auf der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko.

Der AX65 erfüllt die Schutzklassen IP66 und 67 und ist laut Hersteller robust wie in der Schwerindustrie gefordert und kompakt wie Industriegeber. Das Gehäuse ist aus Edelstahl und damit korrosionsbeständig, die leistungsfähigen Kugellager nehmen axiale und radiale Kräfte bis zu 300 Newton auf. Durch den verschleißfreien, energieautarken elektronischen Multiturn liefert der AX65 auch nach einem Stromausfall die richtige Position. Die Anschlusshaube lässt sich leicht abnehmen. Dies ermöglicht einen einfachen Zugang zu Kontrollelementen und Klemmleiste. Mechaniker können den Drehgeber getrennt vom Kabel tauschen. Auf Offshore-Plattformen ist das vorteilhaft, da die Drehgeber in 30 bis 40 Meter hohen Riggs verbaut sind und ein so langes Kabel sehr schwer ist.

Um die Energieverteilung auf Schiffen und Offshore-Plattformen kümmert sich Rittal. Credo des dritten Branchentags »Schiff & See« der Herborner war, dass diese zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein muss. Allerdings befindet sich die Energieverteilung in maritimen Anwendungen in einem starken Wandel. Vor allem die steigende Komplexität von Schiffen und Plattformen für die geplanten Offshore-Windparks bringt neue technologische Herausforderungen mit sich, gerade im Bereich Sicherheit.

Laut Prof. Dr.-Ing. Günter Ackermann vom Institut für Elektrische Energiesysteme und Automation der TU Hamburg-Harburg sind die elektrischen Maschinenleistungen deutlich gestiegen: »Der Bedarf an Nieder- und Mittelspannungsanlagen in Schiffen steigt permanent, dabei zeigt sich ein Trend zur dezentralen Energieversorgung.«

Welche Strategien zur Energieübertragung im Offshore-Bereich Rittal verfolgt und welche Lösungen des Unternehmen bietet, verdeutlicht Thomas Kreter, Systemberater von Rittal: »Beim Projekt ›HelWin2‹ etwa, einer Netzanbindung für den geplanten Offshore-Windpark Amrumbank West, sorgen unsere Ri4Power-Anlagen für eine optimale Energieversorgung der Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ).«

Eine wichtige Börse für Offshore-Lösungen ist die SMM in Hamburg. Dort zeigt Friesland Kabel robuste Leitungen, die Wind und Wetter trotzen, besonders robust sind und auch im Brandfall keine Gefahr darstellen. Mögliche Einsatzorte sind Bohrinseln, spezielle Öltanker oder Offshore-Windkraftwerke. Ein wichtiges Merkmal dieser Leitungen erklärt Klaus Moorlampen, Inhaber und Geschäftsführer von Friesland Kabel: »Für den Mantel unserer Offshore-Kabel verwenden wir SHF2, den besten Mantelstoff, den es für diese Anwendungen gibt. Darin sind wir federführend.«

SHF2 ist ein robuster Werkstoff mit Zertifizierung vom Germanischen Lloyd. Alle Leitungen sind leicht und flexibel, entsprechen dem IEC-Standard, haben sehr kleine Außendurchmesser und sind einfach zu installieren. »Zudem sind sie je nach Anforderung ölresistent und flammwidrig und funktionieren bei einem Temperaturbereich zwischen -40 und 90 Grad einfach perfekt.«

Neu im Programm von Friesland Kabel sind komplette Datenleitungen für den marinen Bereich sowie spezielle Glasfaserkabel und Konfektionen für Gastanker, aber auch Kreuzfahrtschiffe und Yachten. Friesland kann zudem auf das Sortiment von Helkama zurückgreifen. Der Anbieter fertigt Schiffs- und Industriekabel, die halogenfrei sind und damit schwer entflammbar und flammbeständig. Moorlampen: »So entstehen im Brandfall keine giftigen Gase und Säuren. Zudem sind die Schiffskabel in Größe und Gewicht auf ein Minimum reduziert.«

Neben Produkten und Lösungen gibt es auf der SMM mit dem Offshore Dialogue auch einen theoretischen Unterbau für das brisante Thema. Rund 500 Branchenexperten diskutieren dabei über neue Herausforderungen in der Branche, denn das Offshore-Segment zeigt sich für die Schiffbau- und Zulieferindustrie als einer der vielversprechendsten Zukunftsmärkte. Ende 2011 befanden sich weltweit 993 Offshore-Schiffe im Auftragsbestand der Werften.

Die Branche verspricht sich Wachstum wegen Atomausstieg und verringerter CO2-Emissionen, zudem sind große Öl- und Gasreservoirs nur noch auf dem Meer, also Offshore, zu finden. Verzögerungen bei der Anbindung von Offshore-Windparks an das Stromnetz sowie Havarien von Bohrplattformen zeigen aber, dass der Sektor auch viele Herausforderungen mit sich bringt.

Erschienen in Ausgabe: 06/2012