Weniger ist mehr

Prozessautomation

Remote-I/O - Ein neues Remote-I/O-System kommt ohne Trennschaltverstärker aus und begnügt sich in Ex-Zone 1 und 2 mit einem Industrie-Schaltschrank. Den Praxistest hat das System beim Spraydosenhersteller Motip Dupli mit Bravour bestanden.

12. Dezember 2012

Farbe aus der Spraydose verbinden die meisten Menschen mit Graffiti. Doch Spraydosen und ihr farbenfroher Inhalt haben viel mehr zu bieten. Ganze Industriezweige sind auf die Produkte der Aerosolproduzenten angewiesen. Motip Dupli ist Europas größter Spraydosen- und Lackstiftehersteller. Seine Farbsprühdosen Dupli-Color, oder zumindest Produkte, die das Unternehmen für viele Baumärkte oder Discounter als Lohnhersteller abfüllt, dürfte fast jeder schon einmal in Händen gehalten haben.

Fit für die Zukunft

Am größten seiner Produktionsstandorte, in Haßmersheim im Neckar-Odenwald-Kreis, setzt das Unternehmen seit Mai 2012 das Remote-I/O-System Antares von Bartec in einer neuen Hightech-Abfüllanlage ein. Die D-Linie wurde speziell dafür konzipiert, Farbsprühdosen als Klein- und Sonderserien abzufüllen. »Die Besonderheit ist, dass wir in dieser Linie jedes Gebinde von 36 bis 750 ml produzieren können. Gerade im Bereich Markierungsspray sind aktuell große Gebinde gefragt«, erklärt Ralf Mündörfer, Betriebsleiter und Prokurist bei Motip Dupli.

Um neue Produktideen stets in die Tat umsetzen zu können, mussten Herstellung und Gestaltung flexibler werden. Die »State-of-the-Art«-Abfülllinie erfüllt diese Anforderung voll und ganz. Sie besteht zum einen aus einer automatisierten Lösemittelsteuerung, die die Technikmannschaft in Haßmersheim mitkonzipiert und selbst aufgebaut hat, zum anderen aus einer modernen Abfüllanlage, die ein auf Aerosole und Sprühsysteme spezialisierter Maschinenhersteller als Komplettpaket lieferte.

Damit es im Zweifelsfall nicht zu Diskussionen um Zuständigkeiten kommt, sollten beide Anlagenteile vollständig getrennt voneinander funktionieren. »Überall, wo es Schnittstellen gibt, gibt es Probleme. Dem gehen wir so aus dem Weg«, berichtet Mündörfer. »Da aufgrund der verwendeten Aerosole und Treibmittel Explosionsschutzvorkehrungen der Zone1 erforderlich sind, müssen wir 100-prozentig sicher sein. Beim Ex-Schutz gehen wir keine Kompromisse ein.«

Durch die direkte Installation des Remote-I/O-Systems Antares im Ex-Bereich und kurze Wege konnte das Unternehmen über 4.000 Meter an Leitungen einsparen. Aber nicht nur das. Die Lösung hilft noch an anderen Stellen kräftig beim Sparen. »Wenn wir die Anlage konventionell verkabelt hätten, hätten wir Trennschaltverstärker einbauen müssen. Dafür wäre wiederum ein separater Schrank nötig gewesen. Die eigensicheren Eingänge sind ein ganz klarer Vorteil«, weiß Roland Schäfer, Abteilungsleiter Instandhaltung bei Motip Dupli. Für die Lösung mit Antares reichte ein noch vorhandener Kompakt-Schaltschrank aus Edelstahl vollkommen aus. Und im Schrank ist immer noch sehr viel Platz. Teure überdruckgekapselte Ausführungen sind hier überflüssig.

Das neue Remote-I/O-System lässt sich schnell und problemlos implementieren. Zu einer einfacheren Inbetriebnahme tragen auch die Schaltzustände bei, die per LED den Zustand jedes I/O-Kanals zusätzlich am Modul anzeigen. »Uns war es sehr wichtig, dass man direkt vor Ort sehen kann, was passiert«, so Timo Nies, Stellvertreter Instandhaltung.

Die große Freiheit

Der entscheidende Vorteil von Antares ist jedoch seine flexible Systemzulassung. Bis jetzt musste jedes der auf dem Markt verfügbaren Remote-I/O-Systeme im Vorfeld eindeutig geplant und in zertifizierte Ex-e-Gehäuse mit starrer Zulassung eingebaut werden. Wird etwas geändert, muss der Anwender das System erneut zertifizieren lassen. Das kostet Zeit und Nerven und vor allem bares Geld.

Bei Antares muss man hingegen maximal das Systemschild austauschen, wenn sich durch eine höhere Leistung die Temperatur ändert. Nun kann erstmals jede Elektroplanung ihr System frei planen, nach Belieben ändern und erweitern. Eine intuitive Bedienung erlaubt es, das System mit wenigen Mausklicks zu projektieren und zu konfigurieren. Das clevere Programm überwacht während der Erstellung, dass bestimmte Grenzwerte, wie etwa Abstände, Powermanagement und die maximale Datenlänge am Profibus, eingehalten werden.

Der Konstruktor berechnet notwendige Ein-/Ausgänge inklusive benötigter Reserven für das kostengünstigste, d.h. optimale System, und eröffnet dem Anwender die Möglichkeit, genau zu sehen, wie viel Leistung noch übrig ist. »Das war mit ein Grund, sich für das neue Remote-I/O von Bartec zu entscheiden. Bei anderen Produkten muss man vorher genau festlegen, was man machen möchte«, sagt Timo Nies.

Die Ablaufsteuerung der Lösungsmittel und die Bandsteuerung hat der Steuerungsbauer des Spraydosen- und Lackstifteherstellers programmiert. »Der Programmierer, der viel für die Automobilindustrie arbeitet, hatte noch nie etwas mit einer derartigen Anlage zu tun. Aber es war für ihn überhaupt kein Problem, sich schnell einzufinden. Das System ist wirklich intuitiv«, erzählt Roland Schäfer.

Bei der Entwicklung von Antares legten die Ex-Spezialisten von Bartec nicht nur Wert auf die Funktion, sondern auch auf die Form. »Ein Hingucker ist es schon, vor allem die Kühlrippen. Letztendlich muss es jedoch seinen Zweck erfüllen und mehr nicht. Wenn wir aber gerade von Design und Funktion reden: Der Verriegelungsbügel ist eine super Lösung und wirklich einfach bedienbar«, freut sich Timo Nies. So lässt sich das System auch im Ex-Bereich problemlos handhaben. Wird der Verriegelungsbügel geöffnet, weiß der Anwender, dass das Modul spannungsfrei ist und er z. B. anstehende Wartungsarbeiten sicher durchführen kann.

Es muss sich niemand darum kümmern, ob der Bereich ex-frei ist und Instandhaltungsarbeiten oder Erweiterungen können vorgenommen werden, ohne den Bereich vorher tagelang lüften zu müssen. Im Falle eines Falles lassen sich die Module sehr schnell und einfach auswechseln. »Das ist eine deutliche Verbesserung. Früher hatten wir mehrere Eingänge, die wir nicht einzeln tauschen konnten. Jetzt können wir jedes Modul separat ersetzen. Das wirkt sich mit Sicherheit positiv auf die Instandhaltungskosten aus«, bemerkt Roland Schäfer. Eine Hot-swap-Funktion stellt eine hohe Verfügbarkeit des Systems sicher.

Ein echtes Raumwunder

Auch den enorm großen Klemmraum, der mehr als genug Platz zum Arbeiten bietet, weiß die Technikmannschaft von Motip Dupli zu schätzen. »Die Ergonomie passt. Die Gestaltung macht alles einfacher. Gutes Design bedeutet nicht zuletzt, dass es verbraucherfreundlich ist, einen einfachen Zugang ermöglicht und die Verdrahtung unkompliziert ist«, so Mündörfer.

Durch die Anbringung direkt im Feld fällt bereits bei der Planung die Mehrzahl der Kabelwege und Kabelstrecken weg, das senkt die Installationskosten. Zudem lässt sich das System in existierende nicht exgeschützte Kommunikations-Netzwerke einfach einbinden. Und es benötigt sehr wenig Platz, was in vielen bestehenden Anlagen durchaus eine Rolle spielt. »Das Gros an Einsparungen erwarten wir uns bei Wartung und Instandhaltung.

Denn das ist das, was wirklich Geld kostet. Wie stabil die Anlage läuft, wird sich zeigen, wenn sie sechs oder zwölf Monate unter Vollbelastung gelaufen ist«, betont der Betriebsleiter. »Aber«, meldet sich Schäfer zu Wort, »seit das System in Betrieb ist, haben wir nichts mehr von ihm gehört.« Und das ist wohl das größte Kompliment, das man dem neuen RemoteI/O-System Antares von Bartec aussprechen kann.

Erschienen in Ausgabe: Industrie Handbuch/2013