Wenn der Roboter schon mal nach dem Chefsessel schielt ...

Kommentar
09. Mai 2017

Neulich auf der Hannover Messe: Sie langweilen sich gerade? Pepper, der kleine Roboter mit den großen Augen und dem Kindergesicht sieht das anhand seiner Mimikerkennung sofort. Er kommt zu Ihnen herübergerollt und erzählt Ihnen einen Witz. Für die Mimikerkennung ist Pepper mit reichlich intelligenter Sensorik ausgestattet: In seinem Kopf stecken vier Mikrofone, zwei HD-Kameras und eine 3D-Abstandserkennung. Im Rumpf sitzt außerdem ein Gyroskop für Gleichgewicht und Positionsstabilisierung, in den Fingern Berührungssensoren und in der rollenden Fußbasis noch Sonar, Laserscanner und Stoßfangsensorik.

Auf den armen künstlichen Kollegen, der am Stand nebenan Bremsscheiben von einer Kiste in die andere umladen muss, können Pepper und Konsorten – wie beispielsweise auch der humanoide Konferenzroboter von Hitachi – inzwischen überlegen herabblicken. Selbstlernende Maschinen, die mit Menschen situativ angepasst interagieren können, waren auf der diesjährigen HMI das große Thema. Dass an Messeständen nun auch schon robotische Hostessen anzutreffen waren, gibt einen Vorgeschmack darauf, wohin die Zukunft uns demnächst noch führen wird. Und diese Zukunft kommt mit großen Schritten.

Dass man in diesem Jahr an allen Ecken und Enden der jüngsten Generation kognitiver Roboter begegnete, ist doch verblüffend: Schließlich wurde erst 2011 die »Smartness« zum Gegenstand der Messe. Vor gar nicht langer Zeit war es noch ein ferner Traum, Roboter aus dem Käfig zu holen, damit sie in enger Kooperation Menschen Handreichungen machen, ihnen zuarbeiten und ihnen schwere Tätigkeiten abnehmen können. Heute aber sind die Herausforderungen dieses Szenarios bereits weitestgehend gelöst. So verlassen also in Fabriken die Roboter ihre Zellen und beginnen, selbstständig notwendige und sicher durchführbare Arbeitsschritte zu erkennen und zu verrichten.

Daneben hat die allerneueste Generation selbstlernender künstlicher Intelligenzen das Zuhören und Sprechen erlernt. Dazu muss sie auch gar kein überdimensioniertes Elektronenhirn mit herumschleppen – die Internetverbindung zu cloudbasierten Services und Datenbanken macht’s möglich. Sogenannte »Cobots« – kollaborative Roboter, vernetzt und mit neuartigen Sensoren ausgestattet – können sich selbstständig orientieren und sich sogar gegenseitig Befehle geben: Will die Kaffeemaschine etwa wissen, ob wirklich eine Tasse unter ihr steht, so fragt sie einfach bei Pepper nach, der dann kurz rüber rollt und nachsieht. Und der Mensch? Wird er nur noch nach der frisch gebrühten Tasse greifen und sich von Kaffeepause zu Kaffeepause hangeln? Ebenfalls nicht eindeutig geklärt ist die Frage, ob sich das Standpersonal auf der Messe dem Risiko bewusst ist, möglicherweise schon bald durch lauter kleine Peppers oder deren Geschwister anderer Fabrikate abgelöst zu werden?

Nach dem Besuch in Hannover träumte zumindest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung jetzt ein Redakteur in der Kolumne »Nine to Five« vom perfekten Roboterkollegen, der stets den Terminkalender auswendig kennt und im Sommer nie zu wenig Deodorant benutzt. Womöglich hat er da nur eines nicht bedacht: dass er das dann womöglich nicht mehr genießen kann. Wenn erst einmal der künstliche Kollege den Schreibtisch nebenan besetzt, wurde er selbst vermutlich schon wegoptimiert. Und warum, das geht mir gerade auf, sollen die selbstlernenden Cobots nicht auch irgendwann Kolumnen schreiben lernen? Oder tun sie das bereits? Im Bereich der Sportberichterstattung wird dies ja schon länger kolportiert. Darüber hinaus kann man heute immer häufiger Klagen vernehmen, dass viele Diskussionen in Online-Foren schon zu nicht unerheblichen Teilen von Social Bots bestritten werden. Demnächst lesen Sie dann vielleicht auch an dieser Stelle den ersten elektronisch erdachten Branchenkommentar, dann aber selbstverständlich nur von einem selbstlernenden System. Da halte ich es ganz wie ein Forumsteilnehmer, der neulich zu dem Thema anmerkte: »Ich bring den Dingern doch nix bei, die sollen mal schön selber lernen. Die machen sonst meine Arbeit in unbezahlten Überstunden und ich werd Hartzer!«

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 04/2017