Wenn die Norm zur Zwangsjacke wird

Kommentar

Normierungen sollen das Leben erleichtern. Dass sie aber gelegentlich weit über das Zielhinausschießen, zeigt die IEC-Norm 60034-30 für energieeffiziente Antriebe.

08. November 2010

Niemand kann ernsthaft etwas dagegen haben, unnötigen Energieverbrauch einzuschränken. Ebenso wenig lässt sich der Sinn und Zweck von Normen bezweifeln. Aber Regeln und Normierungen müssen sich immer im Rahmen des Vernünftigen bewegen, sonst darf man an ihrer Legitimation zweifeln. Energiesparen ist gut und richtig. Es gibt viele Möglichkeiten, um Anlagenbetreiber und Produktanwender dazu zu bewegen: Sei es durch die Information über Alternativen, Vorschriften oder durch Erhöhung des Energiepreises. Wenn Produkte zu hohe Betriebskosten aufweisen, bahnt sich der Weg zu sparsameren Alternativen von selbst. Die IEC-Norm 60034-30 aber holt die große Keule heraus und verpasst Herstellern wie Anwendern eins aufs Auge. Die zwangsverordnete Verwendung von IE2-Motoren bedeutet für Hersteller einen überproportionalen Aufwand an Material, Kosten und Investitionen. Motoren, die den neuen Anforderungen genügen, lassen sich nur mit höherem Materialeinsatz realisieren und oft nur durch Änderungen der Bauformen und -größen. Somit kommen auf die Käufer nicht nur höhere Preise zu, sondern auch jede Menge Ärger, wenn Motoren ausgetauscht werden müssen und die neuen Abmessungen nicht mehr zu den bestehenden Geräten/Anlagen/Maschinen kompatibel sind.

Genauso wie beim Aufruf, Autos, Kühlschränke und Fernseher zu verschrotten, die zwar noch wunderbar funktionieren, aber zu viel verbrauchen, sollte man auch hier darüber nachdenken, ob ein etwas sanfterer Umstieg auf neue Technologien unterm Strich die Ressourcen nicht erheblich effektiver schont. Denn die Herstellung nimmt in der Gesamtenergiebilanz eines Produkts einen nicht unwesentlichen Teil ein, ganz abgesehen von dem zusätzlichen (unnötigen) Materialverbauch durch den vorzeitigen Austausch noch funktionierender Geräte. Diese Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Mentalität erinnert mich an den Unsinn des stufenweise in Kraft tretenden Glühbirnenverbots, das hinsichtlich des gesamtwirtschaftlichen Einspar-Effektes mit Kanonen auf Spatzen schießt.

Dass es zu derlei Unsinn – und Normen, die zur Zwangsjacke werden – auch kreative Auswege gibt, zeigt ein Blick auf die Website www.heatball.de. Hier können Sie keine 100-Watt-Glühbirnen bestellen (die nicht mehr verkauft werden dürfen), sondern baugleiche 100-Watt-Raumheizungen. Beworben werden die sogenannten Heatballs folgendermaßen: »Die beste Erfindung seit der Glühbirne! Heatballs sind technisch der klassischen Glühbirne sehr ähnlich, nur dass sie nicht zur Beleuchtung gedacht sind, sondern zum Heizen. Ein Heatball passt in jede herkömmliche E27-Fassung. Der Wirkungsgrad eines Heatball ist extrem hoch.« Nämlich sagenhafte 95 Prozent. 5 Prozent der Energie gehen dabei als Lichtleistung verloren. Aber die Leuchtwirkung während der Heizvorgangs, so wird uns erklärt, sei produktionstechnisch bedingt, aber völlig unbedenklich und stelle keinen Reklamationsgrund dar. Ich glaube, vom Heatball können auch andere Hersteller, die sich von Normen gegängelt fühlen, noch etwas lernen: Alles ist eine Frage der Definition. Und wenn Sie demnächst für eine Anwendung einen IE2-Motor einsetzen müssen, wo dies Ihrer Überzeugung nach nicht sinnvoll oder viel zu teuer ist, denken Sie an den Heatball! Überlegen Sie, ob ihr Produkt nicht auch für Höhen über 1.000 Meter oder Umgebungstemperaturen über 40 Grad Celsius deklariert werden sollte. Vielleicht ist es ja auch für eine Unterwasser-Anwendung geeignet. Solche Fälle sind nämlich vom Gültigkeitsbereich der IEC-Norm 60034-30 ausgenommen. Ich wünsche Ihnen bei Ihren weiteren Überlegungen viel Vergnügen und verbleibe

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 08/2010