Wenn eine Hand die andere wäscht ...

Kommentar

Korruption – Der Alltag in Vertrieb und Einkauf führt manchen Mitarbeiter in Versuchung, seinem Gegenüber kleine »Gefälligkeiten« anzubieten. Der Umgang mit eventuell korrupten Geschäftspartnern braucht deshalb transparente Regeln.

17. Juni 2015

In diesen Tagen überschlägt sich die Berichterstattung zum Korruptionsskandal bei der Fifa, und der Druck, mit dem uns die bestätigten oder unbestätigten Verdachtsmeldungen entgegensprudeln, ruft vor dem inneren Auge das Bild eines stark entzündeten, nun platzenden Geschwürs hervor. Doch so wenig, wie ein Geschwür erst in seinem Endstadium zur Kenntnis genommen wird, ist der nun eskalierende Skandal um die Fifa wirklich überraschend: Seit Jahren – genauer: seit Jahrzehnten – haben Journalisten immer wieder auf die grassierende Korruption hingewiesen. So beschrieb der englische Autor David A. Yallop bereits in seinem 1998 erschienenen Fifa-Buch mit dem Titel »How They Stole The Game«, mit welchen Summen Sepp Blatter wessen Stimmen für seine Wahl eingekauft hatte. Angesichts dieses offenbar schon seit Langem nur notdürftig kaschierten Geldtransfers wundert man sich eher, weshalb das »System Fifa« bis heute funktionierte. Nun aber ist der Schaden maximal, und das Vertrauen in den Weltfußballverband kann, wenn überhaupt, nur durch einen kompletten Austausch des Personals und einen völligen Neustart wiederhergestellt werden, der aus eigener Kraft kaum möglich scheint.

Die Frage, wie es so weit kommen konnte, richtet sich an uns alle. Machen wir uns doch einmal ehrlich: Wahrscheinlich haben Sie, verehrter Leser, auch schon mal im Geschäftsleben »anrüchige« Situationen erlebt, besonders dann, wenn Sie im Umfeld von Vertrieb oder Einkauf tätig sind – also dort, wo es darum geht, große Aufträge an Land zu ziehen, bei denen das Augenzudrücken bei kleineren Summen große Gewinne und Vorteile für Ihr Unternehmen bewirken kann. Ich selbst erinnere mich an ein paar solcher Vorkommnisse in meiner Zeit als aktiver Vertriebler. So war ich einst mit meinem Vorgesetzten und in Erwartung eines größeren Lierferantenvertrags bei einem Geschäftstermin mit dem Einkäufer eines größeren Kunden. Im Gespräch konnte bzw. wollte unser Gesprächspartner zunächst keine feste Zusage treffen. Als sich unsere Unterhaltung nach den geschäftlichen mehr um persönliche Dinge drehte, schwärmte uns der Mann immer wieder von einer ganz tollen, neuen Videokamera vor und kam (ein wenig auffällig) immer wieder auf dieses Thema zurück.

Als ich später mit meinem Vorgesetzten vor dem Tor stand, fragte er mich: »Was meinst du, sollen wir sie ihm kaufen?« Obwohl ich damals zunächst etwas perplex war, wurde auch für mich deutlich, dass die häufigen Erwähnungen der begehrten Kamera nicht völlig absichtsfrei erfolgt sein konnten. Wir wurden uns dann einig, dass wir a) nicht so weit gehen wollten und b) in unserem Unternehmen anregen wollten, verbindliche Leitlinien für alle Mitarbeiter zu entwickeln, um sie vor einer Verstrickung in solche Mauscheleien zu schützen.

Denn auch wenn es am Anfang aus Sicht vieler Menschen nur um »kleine Gefälligkeiten« geht, stellt sich immer die Frage, wo die Grenzen sind und wo es endet, wenn man sich erst einmal überhaupt auf solche Gepflogenheiten einlässt. Ein Bekannter von mir pflegte zu sagen: »Wenn man damit einmal anfängt, führt einen das ganz schnell in den Wald (wo die Räuber sind).«

Nun vernimmt man in der deutschen Wirtschaft allerdings häufig das Argument, dass man gerade im Auslandsgeschäft in bestimmten Regionen praktisch keine Erfolgsaussichten genieße, wenn man nicht bereit sei, hier und da Türen durch ein paar Wohltaten zu öffnen. Das ist leider nicht ganz von der Hand zu weisen, aber auch hier gibt es Möglichkeiten, so zu reagieren, dass man sich nicht (direkt) in den Sumpf ziehen lässt – vorausgesetzt, man ist bereit, etwas von den Gewinnen zu teilen. Man suche sich vor Ort einen Vertriebspartner, der die Landesgepflogenheiten und die relevanten Institutionen kennt, und lässt diesen Partner eben das Notwendige tun. Das geht manchmal nicht anders, wahrt aber zumindest zum Teil die eigene Integrität.

Abgesehen davon, dass man auf diese Weise juristische Leitplanken zieht und damit im Zweifelsfalle eine geschäftsgefährdende Rufschädigung und strafrechtliche Konsequenzen vermeidet, begrüße ich klare Antikorruptionsregelungen wenigstens unmittelbar im eignen Haus auch unter dem Aspekt der Fairness und Fürsorge gegenüber den eigenen Mitarbeitern: Die meisten Menschen wird es sehr erleichtern, für ihr Unternehmen auch in unklaren Situationen ohne lange Abwägung und Gewissenskonflikte ethisch richtig handeln zu dürfen.

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie doch einfach an:

Erschienen in Ausgabe: 05/2015