Wieder mal volles Haus

Trendthema

SPS IPC DRIVES – Wenn auch die sensationellen Zahlen der 2011-Ausgabe nicht durch die Hallen hallten, in Nürnberg schlug auch in diesem Jahr wieder das Herz der elektrischen Automatisierung – und das spürbar und kräftig.

05. Dezember 2012

Die sprichwörtliche Machete sollte auf der SPS IPC Drives auch in diesem Jahr wieder im Gürtel gesteckt haben. Ansonsten wäre man vor allem in den Highways von Halle 7 oder 9 kaum voran gekommen. Wie zu vermuten war, ging es in der Tat rund in Nürnberg. Insgesamt kamen mit 56.874 Besuchern ganz genau 553 mehr als im letzten Jahr zur SPS IPC Drives. Was »erneut ihre Spitzenposition als Fachmesse zur elektrischen Automatisierung zeigt«, wie es im Schlussbericht der Mesago heißt, und was ausnahmsweise nicht übertrieben ist.

Andererseits ist die Messe aber in der dreitägigen Ausführung offensichtlich an der Kapazitätsgrenze angelangt. Wie dem auch sei, »die Stimmung in den Messehallen war von einer ausgesprochenen Arbeitsatmosphäre und intensiven Gesprächen auf den Messeständen geprägt«, wie die Mesago weiter urteilt, »und für die weitere wirtschaftliche Entwicklung im kommenden Jahr nimmt die Automatisierungsbranche wichtige positive Impulse von der SPS IPC Drives mit.« Diesen Ausblick zu verinnerlichen, ist sicherlich hilfreich, denn gegen eine gute Konjunktur ist nichts einzuwenden.

Allerdings sind die großen deutschen Mittelständler derzeit eher zurückhaltend in ihrer Wortwahl. »Wir hatten uns für 2012 vorgenommen, das Rekordergebnis von 2011 zu konsolidieren«, sagt zum Beispiel Philip W. Harting, Vorstand Connectivity & Network der Harting Technologiegruppe. »Das haben wir erreicht, und mehr war auch nicht zu erwarten.« Aber das Unternehmen wolle nicht stehen bleiben, und darum stelle es sich derzeit breiter auf: »Wir bauen ein Harting Haus mit vier Stockwerken, die aufeinander aufbauen.«

Ganz unten stehen die Komponenten wie der neue har-flexicon, eine miniaturisierte Einzelleiteranschlusstechnik für Leiterplatten im Raster 1,27 Millimeter, die sich direkt im Feld konfektionieren lässt. Die SMD-fähigen Bauteile bringen Kostenvorteile im Herstellungsprozess, weil einheitliche und automatisierte Bestückungs- und Lötprozesse möglich sind. Außerdem begegnet har-flexicon den Wünschen nach immer kompakteren Baugruppen.

Im zweiten Stock des Harting Hauses »wohnen« die Lösungen, also mit Kabeln und Backplane veredelte Komponenten, und darüber die Systeme, bei denen vor allem die Software den Ausschlag gibt. Auf Ebene vier, unter dem Dach des Hauses, rundet die Beratungskompetenz von Harting das Portfolio ab.

Neue Aufstellung greift

Immerhin fünf Prozent weltweites Umsatzwachstum gibt Roland Bent, Geschäftsführer von Phoenix Contact, für 2012 bekannt: »Damit liegen wir über dem Branchendurchschnitt. Wir konnten insgesamt 1,6 Milliarden Euro erwirtschaften und 400 neue Mitarbeiter einstellen. Auffällig ist, dass die Geschäfte im Westen wie den USA wesentlich besser liefen als im Osten. In China etwa ist unser Umsatz gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen.« Eine zuverlässige Prognose für das kommende Jahr will aber auch Bent nicht abgeben. »Es gibt zu viele Einflussfaktoren, die außerhalb unseres Einflussbereichs liegen. Darum erwarten wir eher eine Seitwärtsbewegung.«

Auch Phoenix Contact hatte sich für 2012 neu aufgestellt. »Wir konnten unsere neue dreigeteilte Unternehmensstruktur weiter ausbauen, unsere Lösungsfähigkeit verbessern und die Präsenz in Zukunftsindustrien verstärken.« Viel Potenzial sieht er hier in der Elektromobilität. Darum hat Phoenix Contact im ostwestfälischen Schieder eine neue Gesellschaft gegründet. Die Phoenix Contact E-Mobility GmbH soll ab Januar 2013 alle Aktivitäten in diesem Bereich zusammenfassen und gezielt in die Zukunft ausrichten.

Sichtbares Zeichen nach außen ist dabei das »Combined Charging System«, mit dem sowohl ein langsames Wechselstrom-Laden über Nacht in der heimischen Garage als auch schnelles Gleichstrom-Laden innerhalb von zehn Minuten möglich ist. »Insgesamt hat unsere Strategie ihre Wetterfestigkeit bewiesen«, resümiert Roland Bent zufrieden.

Neuheiten im Vordergrund

Traditionsgemäß ist die SPS IPC Drives auch die Messe der Innovationen. Bei Nabtesco zum Beispiel sind die Reduziergetriebe der Serie RV-N ab sofort auch in geschlossener Bauform erhältlich. Schon die Stammbauteile glänzten durch 40 Prozent weniger Gewicht, aber jetzt, so Marcus Löw, Vertriebsleiter bei Nabtesco, könnten Anwender die kompakten und leistungsstarken Getriebeköpfe noch schneller und einfacher in den Antriebsstrang integrieren. »Die geschlossene Ausführung ist vor allem für unsere mittelgroßen europäischen Kunden entstanden.

Wir haben uns konkret ihren Anforderungen gestellt und die einfache Lösung geschaffen, die ihnen Zeitvorteile bei der Montage gibt.« Bevorzugte Anwendungen sind Werkzeugwechsler bei Drehtischen oder Werkzeugmaschinen, und zwar besonders dann, wenn hohe Drehmomentleistungen gefordert sind, aber nur wenig Einbauplatz zur Verfügung steht. »Überhaupt werden die Anwendungen immer schneller, darauf müssen und werden wir mit neuen Produkten reagieren.«

Um sich vorzustellen, ist die Nürnberger Messe eine perfekte Plattform, findet Marcus Löw: »Wir sind zwar noch recht neu hier, aber die SPS IPC Drives ist bei uns schnell zum Standard geworden. Hier treffen wir im europäischen Mix qualifizierte Besucher mit konkreten Projekten, da ist Substanz dahinter.« Es gelte aber, im Nachlauf an die Kontakte anzuknüpfen und messbare Erfolge zu erzielen.

Zum ersten Mal in Nürnberg ist Rainer Hertle. Der neue Geschäftsführer und technische Leiter von SPN Schwaben Präzision ist sehr angetan von der Intensität der Messe und der Vielfalt der Branche. »Ich war zwölf Jahre bei Eurocopter in Donauwörth, und auch dort ging es ähnlich wie hier um die richtige Mischung aus Technologie und Wirtschaftlichkeit. Das möchte ich bei meinem neuen Arbeitgeber ebenfalls etablieren und einen neuen Blickwinkel mitbringen.«

Ein Ansatz ist das neue ERP-System, das derzeit bei SPN eingeführt wird. Zudem sei es wichtig, sagt Rainer Hertle, in den Anwendungen breit aufgestellt zu sein und sich mit Innovationen eine starke Basis zu verschaffen. »Für alle angesprochenen Punkte gibt es auf der Messe viel Anschauungsmaterial. Deutlich sichtbar sei vor allem der Trend zur Kundenorientierung. »Diese Herangehensweise möchte ich bei SPN forcieren. Die Voraussetzungen sind gut, denn bei uns stimmt die Qualität der Produkte.« Noch sei dies ein Vorzug vor der Konkurrenz aus Asien. »Aber wie lange dauert es, bis die Anbieter dort qualitativ nachziehen und in welchen Schritten?«, fragt sich Hertle. »Darum müssen wir an der hohen Qualität festhalten, aber noch ausbalancierter in den Anwendungen werden und dadurch unabhängiger.«

Doch die SPS besteht nicht nur aus Produkten. Ganz tief in die Konstruktion steigt Bosch Rexroth mit seinem »Open Core Engineering« ein. »Damit wollen wir die Brücke schlagen von der konventionellen SPS- zur IT-Automation«, erklärt Volker Schlotz, Branchenleiter Montage & Handling, Applikation und Engineering bei Bosch Rexroth. »Für Maschinenhersteller erhöhen sich damit die Freiheitsgrade. Eine spezielle Schnittstelle ermöglicht den Zugriff bis auf den Steuerungskern. Anwender können die dafür eingesetzte Hochsprache und Geräteplattform frei wählen und individuelle Steuerungsfunktionen für Echtzeitanwendungen realisieren.«

Eine interessante Option ist die Entwicklung von Apps für Smartphones oder Tablets. »Wir haben in Nürnberg einige Beispiele vorgestellt, zum Beispiel für die Diagnose von elektrischen Antrieben und Steuerungen oder zum Verfahren einer Achse durch die Beschleunigungssensoren des Smartphones«, ergänzt Volker Schlotz.

Auf einen Blick

Die SPS IPC Drives 2012

-Erneute Bestätigung der Spitzenposition als Fachmesse zur elektrischen Automatisierung. 56.874 Fachbesucher kamen während der drei Messetage nach Nürnberg. Vergleichswert 2011: 56.321 Besucher.

-1.458 Aussteller zeigten Ihre Produkte und Lösungen, also 29 mehr als 2011.

-Intensive und projektorientierte Fachgespräche auf den Messeständen.

-Mit 386 Teilnehmern konnte auch der parallel zur Messe stattfindende Kongress einen Zuwachs verzeichnen. Im vorigen Jahr waren es 349 Teilnehmer.

Erschienen in Ausgabe: 09/2012