Wimbledon jetzt bei jedem Wetter

Wimbledon, Lager- und Antriebstechnik haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermuten könnte: Tennis-Fans müssen in diesem Jahr nicht mehr befürchten, dass Live-Übertragungen wichtiger Spiele dem Regen zum Opfer fallen. Denn der Centre Court hat ein lichtdurchlässiges – wichtig für den Rasen – Faltdach aus Stoff bekommen, das sich in weniger als zehn Minuten schließen lässt.

30. Juni 2009

Damit das problemlos klappt, ist am nördlichen und am südlichen Ende des Centre Courts jeweils ein Teil des Daches positioniert. Zum Schließen werden beide Teile in die Mitte gefahren werden bis sie sich überlappen. Insgesamt neun bogenförmige Traversen, fünf in der einen und vier in der anderen Dachhälfte, überbrücken Spielfeld und Tribünen und geben dem Dach Stabilität. Die Tennislegenden Andre Agassi und Steffi Graf haben die neue Dachkonstruktion, an deren Umsetzung auch die Unternehmen Schaeffler und Power Jacks beteiligt waren, mit einem Mixed-Doppel im Mai eingeweiht.

Lager von Schaeffler

Für das Dach lieferte der Wälzlagerhersteller Schaeffler (UK) mehr als 300 Lager, die in Schweinfurt hergestellt wurden und deren Gebrauchsdauer auf 20 bis 25 Jahre projektiert ist: FAG-Pendelrollenlager sitzen in den Aggregaten, die überdimensionalen Scharnieren ähneln und die an den oberen Traversenenden befestigt sind. Die Pendelrollenlager wurden wegen ihres geringen Reibungswiderstands sowie ihrer Fähigkeit, große Fluchtfehler auszugleichen, gewählt. Das größte dieser Lager hat 200 Millimeter Außendurchmesser und trägt eine Last von 30 Tonnen. Damit die Lager während der gesamten Gebrauchsdauer nur minimal gewartet werden müssen, sind sie mit Hochleistungsfett geschmiert. Neben den Pendelrollenlagern in den »Traversen-Scharnieren« wurden außerdem FAG-Axial-Pendelrollenlager eingebaut. Sie nehmen die bis zu 60 Tonnen schweren Lasten auf, die von den Spannseilen herrühren, mit denen Traversenbögen und Dachgewebe auf Spannung gehalten werden. Übrigens: Weil die Lager in den »Scharnieren« vollkommen abgedichtet und gegen alle Witterungseinflüsse geschützt sind, konnte Schaeffler auf Lager aus dem Standardprogramm zurückgreifen.

Antriebe von Power Jacks

Beim Schließvorgang treffen sich die beiden Dachteile in einer überlappenden Schnittstelle in der Mitte des Centre Courts. In dieser Stellung arretieren 36 Linearantriebe von Power Jacks, dem in Schottland ansässigen Hersteller von Linearbewegungs- und Kraftübertragungssystemen, die beiden Teile. Die Linearantriebe zum Arretieren und Entsperren der Dachabschnitte hat das Unternehmen speziell für das Wimbledon-Dach mithilfe einer 3D-Konstruktionstechnik entworfen. Dabei basiert die Antriebsausführung auf den elektrischen Linearantrieben Rolaram Typ-A von Power Jacks. Jedes Rolaram-Element in Wimbledon ist für eine Maximalbelastung von 160 kN ausgelegt, um den Kräften der Natur standzuhalten. Die einzelnen Elemente bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von 1.500 Millimeter pro Minute bei einem Hub von 400 Millimetern, wobei der nutzbare Hub durch in den Antrieb integrierte Endschalter begrenzt wird. Der Antrieb ist mit einem elektrischen Bremsmotor in einem wetterfesten Gehäuse nach Schutzart IP66 ausgestattet. Der Motor und die Endschalter werden über installationsfreundliche Steckverbindungen leicht und schnell mit der elektrischen Steuerung und der Stromversorgung verbunden. Der fertige Rolaram-Antrieb ist über einen Drehzapfen für Einfachgelenkköpfe im Dach montiert, über den der Antrieb beim Betrieb bogenförmig geschwenkt werden kann. Wie die Spieler unten auf dem Feld sind auch die Power-Jacks-Antriebe für Wimbledon in klassisch weiß gekleidet und nicht in ihrem ansonsten üblichen roten Farbton.

In der aktuellen Tennis-Saison kann somit eigentlich nichts mehr schief gehen, zumindest was das – berüchtigte – englische Wetter angeht. Tennisfans sollten also für kommende Übertragungen ausreichend Getränke kalt stellen – und sich schon mal freuen. (aru)