»Wir betrachten die Effizienz des gesamten Systems«

Andreas Baumüller – Die Baumüller-Gruppe ist ein führender Hersteller elektrischer Antriebs- und Automatisierungssysteme und bietet branchen- und kundenspezifische Lösungen. Dabei steht das Gesamtkonzept der Maschine – inklusive Digitalisierung – im Mittelpunkt. Der geschäftsführende Gesellschafter Andreas Baumüller erläutert im Interview, welche Vorteile das dem Kunden bringt.

03. September 2019
»Wir betrachten  die Effizienz  des gesamten  Systems«
Andreas Baumüller, geschäftsführender Gesellschafter der Baumüller-Gruppe (© Baumüller)

Das Gespräch führte Hajo Stotz.

Herr Baumüller, Elektromotoren verursachen weltweit etwa 40 Prozent des Stromverbrauches. Effiziente Elektroantriebe können also einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz leisten. An welchen energiesparenden Konzepten arbeitet Baumüller gerade?

Ein wesentlicher Punkt für einen energieeffizienten Betrieb von Servomotoren ist, die Antriebe möglichst effizient auf die jeweilige Applikation auszulegen. Auf diese Weise können beispielsweise Überdimensionierungen vermieden werden. Für die optimale Auslegung nutzen unsere Applikationsingenieure hauseigene Tools wie SixemaXX oder ProSimulation. Diese Werkzeuge stellen wir als Bestandteil unseres Engineering Frameworks ProMaster natürlich auch unseren Kunden und Engineering-Partnern zur Verfügung, um bestmögliche und effiziente Resultate erzielen zu können.

Darüber hinaus bieten sich auch viele Möglichkeiten, Effizienzsteigerungen über konstruktive Anpassungen und Weiterentwicklungen zu erreichen. Hier arbeiten wir beispielsweise aktuell an optimierten Synchronmotoren sowie neuen Material- und Magnettechnologien.

Als Systemanbieter geht Baumüller aber noch einen Schritt weiter und optimiert nicht nur einzelne Komponenten innerhalb eines Systems, sondern betrachtet auch die Effizienz des gesamten Automatisierungs- und Antriebssystems.

Ein Beispiel ist hier die Servopumpe – eine in der Kunststoffindustrie seit Jahren eingesetzte Technologie, welche eine signifikante Reduzierung des Energieverbrauchs etwa im Spritzgussbereich ermöglicht. Hier sind Einsparungen von 30 bis zu 80 % möglich. Diese nachhaltige Energieeinsparung ist ein klarer Nutzen für unsere Kunden.

Welche Herausforderungen sind dabei zu lösen?

Bleiben wir beim Beispiel Servopumpe: Teilweise sind die Anschaffungskosten für energieeffiziente Systeme und Komponenten erst einmal höher. In der Regel werden diese Mehrkosten durch die damit verbundene Energieeinsparung im Betrieb einer Maschine schnell wieder ausgeglichen. Betrachtet man den kompletten Lebenszyklus einer Maschine, besteht hier insgesamt ein sehr hohes Einsparpotenzial. Darüber hinaus können unsere Kunden durch den Einsatz unserer Produkte auch einen deutlichen Zusatznutzen durch optimierte Prozesse oder etwa durch eine vereinfachte und schnelle Inbetriebnahme erzielen.

Ergänzend zum System Baudis hat Baumüller nun das Diagnose- und Kommunikationssystem Baudis IoT vorgestellt. Was kann das neue besser?

Mit unserem Produkt Baudis IoT vernetzten wir praxiserprobt Bestands- und Neumaschinen, das System kann also in Brownfield- genauso wie in Greenfield-Anwendungen eingesetzt werden. Baudis IoT ist ein Industrie-4.0-fähiges System für Predictive Maintenance und Prozessoptimierung durch die intelligente Analyse von Big Data.

Das System Baudis wurde in den 1990er-Jahren als Fernwartungs- und Diagnose-System bei Baumüller realisiert und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Baudis ist bis heute erfolgreich in vielen Applikationen weltweit im Einsatz. Mit Baudis können Service-Techniker von jedem Ort aus schnell und unkompliziert auf die Maschinen zugreifen und Fehlerdiagnose betreiben sowie im Bedarfsfall Antriebseinstellungen verändern. Bereits seit über 20 Jahren bedienen wir damit Kundenanforderungen nach optimaler Anlagenverfügbarkeit, Prozessoptimierung, koordiniertem Service, optimiertem Wartungsaufwand und Reduzierung der Wartungskosten.

Mit Baudis IoT haben wir unsere über 20-jährige Felderfahrung mit den heutigen aktuellen Möglichkeiten bei z. B. Vernetzung, Datenanalyse etc. in einem innovativen Nachfolgeprodukt vereint.

Ist Baudis IoT herstellerunabhängig einsetz- und nachrüstbar?

Das System kann unabhängig vom Hersteller der Antriebs- und Automatisierungskomponenten bzw. der Sensorik eingesetzt und auch problemlos nachgerüstet werden. Die Interoperabilität, also die einfache Vernetzung von Komponenten verschiedener Hersteller, steht im Fokus aller Entwicklungen von Baudis IoT. Unsere Lösung kann über standardisierte, Ethernet-basierte Protokolle selbstverständlich auch mit Produkten anderer Hersteller kommunizieren. Baudis IoT bietet zusätzlich Softwaremodule zur komfortablen und nutzenorientierten Informationsgenerierung aus Big Data.

Baumüller bietet mit der B Maxx DrivePLC eine der weltweit schnellsten PLCs im Antrieb an, bei der die Intelligenz im Umrichter steckt. Wo liegen die Anwendungsbereiche, und was sind die Vorteile für den Kunden?

Baumüller hat seit über 25 Jahren dezentrale Antriebstechnik und Intelligenz im Umrichter im Portfolio. Bei jeder Weiterentwicklung nutzen wir diese Erfahrung und kombinieren diese mit den aktuellen technischen Möglichkeiten.

Die B Maxx DrivePLC gibt es als geräteintegrierte Version oder als reine Softwarelösung. Wir bieten unseren Kunden damit ein sehr kompaktes, performantes und preiswertes System, um anspruchsvolle Motion Control und umfangreiche Steuerungsaufgaben optimal zu lösen. Zusätzlich ermöglichen wir unseren Kunden damit die Produktion intelligenter Maschinenmodule.

Sie haben die neue Lösung ProSimulation bereits angesprochen – welchen Vorteil bietet die Software dem Kunden?

ProSimulation als Softwareprodukt bietet unseren Kunden einen schnellen Einstieg in das bereits heute reale Zukunftsthema »Simulation«. Maschinenhersteller können damit sehr schnell und unkompliziert ihre eigenen »Use Cases« aufbauen sowie Prototypen und laufende Serien virtuell testen und optimieren. Der finanzielle und zeitliche Aufwand für die Entwicklung und Inbetriebnahme wird dadurch deutlich reduziert.

Viele Simulations-Tools stellen Maschinen und Anlagen grafisch als 3D-Simulation dar, um den Steuerungscode virtuell zu testen. ProSimulation setzt hier einen Schritt vorher an. Zunächst werden die Antriebe für die jeweilige Applikation ausgelegt und anschließend ein Simulationsmodell aufgebaut. Hierfür stehen in ProSimulation komplexe Simulationsmodelle für die Baumüller Antriebstechnik zur Verfügung, die nur noch parametriert werden müssen. Dies geschieht komfortabel über die gewohnte Bedienoberfläche ProDrive. Nach abgeschlossener Parametrierung kann durch Vorgabe von Sollwert- und Lastprofilen direkt das Antriebsverhalten der Maschine simuliert und optimiert werden.

Der Vorteil von ProSimulation ist die komfortable Anwendung der Modelle, ohne bei der Genauigkeit Abstriche zu machen. Anwender können die vorgefertigten Modelle einfach auf ihre Maschine anpassen. Dies erhöht nochmals den Komfort, reduziert die Komplexität und steigert die Umsetzungsgeschwindigkeit – und das bei sehr hoher Qualität der Ergebnisse.

Für einen Baumaschinenhersteller hat Baumüller ein Antriebskonzept für Elektrolader entwickelt. Welche Vorteile bietet das Konzept im Vergleich zu Dieselantrieben?

Der Elektrolader punktet mit einem innovativen Antriebs- und Arbeitshydraulik-Konzept sowie einem deutlich geringeren Wartungsaufwand im Vergleich zum Dieselmodell. Baumüller war als Entwicklungspartner für dieses Konzept verantwortlich, das mit einem hohen Wirkungsgrad, langer Betriebsdauer im Ganzjahreseinsatz und geringen Betriebskosten überzeugt. Das Baumüller-System besteht aus zwei Umrichtern vom Typ B Maxx Mobil und zwei DSD2-Servomotoren, für den Fahrantrieb und den Antrieb der Hydraulikpumpe.

Wo sehen Sie auf dem Gebiet der Elektromobilität weitere wichtige Märkte für Baumüller?

Baumüller bearbeitet den Markt für vollelektrische und hybride Antriebstechnik seit über 20 Jahren. Baumüller-Systeme sind in zahlreichen Mobilitätsanwendungen im Einsatz. Im Bereich der Sonder- und Nutzfahrzeuge, in mobilen Arbeitsmaschinen sowie im Marine-Bereich werden E-Mobilitäts-Konzepte seit vielen Jahren international immer wichtiger. Beispielsweise im Schiffsbau bietet Baumüller seit einigen Jahren neben reinen Antriebskomponenten auch komplette Antriebs- und Automatisierungssysteme an und hat auch diverse Industrie-4.0-Lösungen im Portfolio. Der Markt der Pkw-E-Antriebe ist hier ein relativ junger Markt, der sich dynamisch entwickelt und durchaus auch für Baumüller weitere Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Erschienen in Ausgabe: 06/2019